Mann nennt ihn den Meister des präparierten Klaviers: Volker Bertelmann alias Hauschka, der nach seinem letzten Exkurs in die Kammermusik wieder zum Solospiel zurück gefunden hat und begleitet von einer dezenten Drummachine und programmierten Bassläufen lediglich Klavier spielt. Dies freilich schließt bei dem Düsseldorfer einiges mit ein, das nur vage an ein Piano erinnert und mittels Gerätschaften wie Holzstäbe, Flilzkeile und ein im Klavierkasten angebrachtes Becken zustande kommt. Weiterlesen
ANGEL HAZE: Dirty Gold
Über Angel Haze’ Debütalbum wurde im Vorfeld bereits so viel Wirbel gemacht, dass es zum Jahresbeginn gerade noch rechtzeitig erschienen ist, bevor die launische Fortuna, die in populärer Musik immer eine gewisse Torschlusspanik rechtfertigt, die Wogen der Aufmerksamkeit schon vorzeitig geglättet hätte. In der Warteschleife unterhielt die Klatschpresse mit Szene-Rangeleien, darüber hinaus wurden die biografischen Sujets der Rapperin, die von traumatischen Kindheitserfahrungen im Paralleluniversum einer religiösen Subkultur handeln, auch außerhalb der Texte genüsslich breitgetreten. Nun bräuchte es bei all dem Rummel einen echten Hammer, eine besonders unerhörte Wendung, mit der Weiterlesen
THE COSMIC DEAD: Easterfaust
Eine „kosmische“ Band, die sich selbst als Hawkwind-Hommage outet, ist klar im Vorteil und punktet zusätzlich, wenn sie ihren doomigen 70s-Psychedelia eine eigene Note beimischt – ein mustergültiges Beispiel gelungener Tiefstapelei. Die kosmischen Toten gründeten sich 2010 in Glasgow und haben seither eine Reihe solider Platten unters Volk gebracht, u.a. bei Jay Rendalls rührigem Grindcore Karaoke-Label. Vielen sind sie auch als Support für Größen wie White Hills, Gnod oder Arbouretum in Erinnerung geblieben. Unter dem krautigen Titel „Easterfaust“ erscheint nun bei Sound of Cobra ihr jüngstes Lebenszeichen. Weiterlesen
CYCLOBE: Sulphur – Tarot – Garden
Als Cyclobe 2012 auf Einladung von Antony in der Queen Elizabeth Hall auftraten, konnte man eine auf 200 Exemplare limitierte CD-R namens „Sulphur – Tarot -Garden“ kaufen, auf der ihre (neu komponierten) Soundtracks für drei frühe, zwischen 1972 und 1973 erschienene, ursprünglich tonlose Kurzfilme Derek Jarmans zu finden waren. Die Verbindung zu dem 1994 verstorbenen Künstler reicht lange zurück. Coil (damals bestehend aus Stephen Thrower, John Balance und Peter Christopherson) komponierten den Soundtrack für Jarmans „The Angelic Conversation“, Thrower trat als Statist in „The Last of England“ auf und sowohl Thrower als Weiterlesen
THE MINISTRY OF WOLVES: Music From Republik der Wölfe
Am 15.02. dieses Jahres wurde im Schauspiel Dortmund erstmals das Stück „Republik der Wölfe“ aufgeführt, eine opulente Adaption bekannter Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, oder genauer eine Adaption zweiten Grades, denn die Ideen und Texte basieren v.a. auf der lyrischen Neubearbeitung der Autorin Anne Sexton. Regisseurin Claudia Bauer arbeitet bei der Produktion eng mit dem musikalischen Leiter des Theaters, Paul Wallfisch, zusammen, und in den bisherigen Besprechungen ist neben Sexcrime und Splatter immer auch von der Musik die Rede. Wallfisch, selbst ein Weiterlesen
PETER KASTNER: Bastard 1-5
Der Bastard – einst der Spross einer Verbindung, die nicht sein durfte, quasi der kleine Bruder des „Mischlings“. Heute dagegen ist er der große Bruder des missratenen Sohnes. Man nennt ihn beim Namen, ohne dabei allzu vulgär sein zu müssen, und kann dabei sogar noch einen Funken Bewunderung mit anklingen lassen – the lucky bastard u.s.w. Peter Kastner hat sich, wenn er gescheit ist, zu all dem keine allzu tiefgreifenden Gedanken gemacht, als er vor einiger Zeit die fünf in New York gezeugten Bastarde in die Welt gesetzt und auf LP hat pressen lassen. Er betrachtet sie als Weiterlesen
JASON VAN GULICK: Entelechy
Ein Solo-Album, das diese Bezeichnung wirklich verdient, könnte kaum einen besseren Begriff zum Titel wählen wie die Entelechie, womit die antiken Philosophen eine aus eigener Kraft generierte Entwicklung verstanden, etwas Selbstschöpferisches, das ganz ohne Zugriff auf Systemfremdes auskommt. Man sollte Jason van Gulicks Debüt nicht ausschließlich über diese Referenz begreifen, doch der Bezug drängt sich aus zweifachen Gründen in den Vordergrund. Weiterlesen
NOVÝ SVĚT: Doce
Nový Svět, die beiden Wiener mit ihren schrägen, meist auf Spanisch gesungenen Gassenhauern, galten zeitlebens als Rarität, als Auskennerding, als von wenigen gehüteter Schatz, und doch waren sie eine der wichtigsten Bands im vergangenen Jahrzehnt, nahmen vieles vorweg und versahen ebenso vieles mit einem treffenden, doppelbödigen Kommentar. In den Industrial- und Folk-Nischen, in denen sie wohl doch noch am meisten wahrgenommen wurden, nisteten sie sich nur für kurze Zeit ein, stellten dort die wichtigsten Selbstverständlichkeiten auf den Kopf, um kurz darauf zu ihrer Tour durch ungezählte musikalische Möglichkeiten aufzubrechen. Was immer Jürgen Weber, Ulla Tost und ihre temporären Mitstreiter an Klängen und Stimmungen für ihre Weiterlesen
CURRENT 93: I Am The Last Of All The Field That Fell
Current 93 war von (An)Beginn immer ein Vehikel für David Tibets Obsessionen, künstlerischer und vor allem spiritueller Art. Daraus folgte vielleicht unweigerlich, dass Ideen und später dann die Worte und Wörter im Mittelpunkt standen, gerade da Current 93 eben keine Band im herkömmlichen Sinne war/ist, sondern vielmehr ein loses Kollektiv um den Fixstern Tibet. Dabei haben die immer umfangreicher werdenden Texte – die vielleicht der in den letzten Jahren stärker gewordenen kosmischen Perspektive („And did you call the night ‘bright’/And drink the sex of stars?“ wird auf dem letzten Stück gefragt) Rechnung tragen sollen – dazu geführt, dass ein Singen – das es bei Current 93 sowieso nie im herkömmlichen Sinne gegeben hat – noch stärker einem Rezitieren gewichen ist. Weiterlesen
GERMAN ARMY: Millerite Masai
Es ist schon ein Tape zum Rätselraten, dass German Army unter dem Titel „Millerite Masai“ ganze hundertmal in die Welt gesetzt haben. Ist das bizarre Ereignis auf dem Cover wirklich so brutal wie es aussieht, und was genau passiert eigentlich mit dem Mann? Was hat das Ganze mit den Milleriten, einer Gruppe von Adventisten zu tun, die es laut Albumtitel auch in Ostafrika geben soll? Warum nennt sich eine Band German Army? Und warum kombiniert jemand Handdrums aus den Weiten des Trikont mit stoffeligen Stakkatos aus den Untiefen des Rhythm Noise? Es gibt für all das bestimmt eine Reihe an Gründen, einer ist sicher der Spaß an dummen Fragen, die man dann vorzugsweise unbeantwortet lässt. Weiterlesen
LAIBACH: Spectre
Dass längst wieder eine Zeit für politische Manifeste angebrochen sei, ist bei Weitem keine randständige Meinung, und kaum jemand verkörpert diesen (Gegen-)Zeitgeist im Moment so markant wie Laibach in einigen Songs ihres Albums „Spectre“ – denn wenn es eine Sache gibt, die sich bei den Slowenen verändert hat, dann dass sie mehr denn je verstanden werden wollen. Die stets hervorgehobenen Ambivalenzen, die zweideutigen Rollenspiele früherer Aufnahmen sind nicht völlig verschwunden, machen aber über weite Strecken Raum für recht klare Positionierungen zum aktuellen Weltgeschehen. Und weil Botshaften Weiterlesen
JÓHANN JÓHANNSSON: Prisoners O.S.T.
Einen Soundtrack zu besprechen, ohne den Film gesehen zu haben, ist eine ähnliche Aufgabe wie die Beurteilung eines Remixes in Unkenntnis der Originalmusik – sie ist eben bedingt sinnvoll, und das am ehesten dann, wenn das „sekundäre“ Werk auch ohne den ursprünglichen Zusammenhang funktioniert. Auf Jóhann Jóhannssons Musik zu Denis Villeneuves Thriller „Prisoners“ trifft dies m.E. zu, weshalb Spekulationen anhand von Trailern und Filmkritiken auch nicht zur Diskussion stehen sollen. Weiterlesen
N + [BOLT]: N (30) / [BOLT]
Vielleicht ist die (relative) Popularität des Drones auch der zunehmenden Akzellierung vieler Lebensbereiche geschuldet, lässt sich somit vielleicht als Reaktion auf eine Welt sehen, in der die Halbwertszeit eines Mobiltelefons den Takt vorgibt, die noch von Marinetti beschworene „befreiende Unendlichkeit“ der Geschwindigkeit im Korsett des nächsten, angesagtesten Apps eingesperrt ist und der einzige Rausch der des Konsums ist. Vielleicht ist das aber auch nur eine Wunschvorstellung und letztlich spielt das bei der Beurteilung dieser sehr starken Veröffentlichung natürlich auch keine Rolle. Weiterlesen
BAD SECTOR: Космодром (2CD-Box)
Das erstmals vor neun Jahren erschienene Album „Kosmodrom“ ist dem russischen Privatgelehrten Konstantin Ziolkowski gewidmet, der sich in den Jahren um 1900 ausgiebig einem Wissensbereich widmete, dessen große Zeit erst im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts anbrechen sollte – der modernen Astronomie bzw. dem, was man in der Sowjetunion dann Kosmonautik nannte. Neben dem allgemeinen Faszinosum, das der exzentrische und zu Lebzeiten verkannte Pionier darstellt, gibt es zumindest einen persönlichen Aspekt, der ihn mit Massimo Magrini, dem Mann hinter Bad Sector, verbindet: die Verknüpfung von (natur)wissenschaftlicher Neugier und künstlerischem Ausdruckswillen. Ziolkowski war ursprünglich Autor von Weiterlesen
ANIAETLEPROGRAMMEUR: The Friendly Expectations Of The Stars
Kann man mit so ziemlich allen Mitteln, die einen Popsong unterwandern, übertönen, zerhacken und aus der Balance bringen, etwas auf die Beine stellen, das am Ende doch auf gelungenen Pop hinausläuft? Nein, würden vermutlich alle sagen, die mit Ungenießbarkeiten wie den Dandy Warhols groß geworden sind. Das Resultat solch diabolischer Zerfremdung muss entweder auf etwas rein Negatives hinauslaufen, oder aber auf ein wie auch immer gelungenes Meta-Konzept. Ein Berliner Trio namens Aniaetleprogrammeur hat allerdings gerade den Gegenbeweiß angetreten. Weiterlesen
THE BRICOLEUR: First Matter
Vom visuellen Eindruck her ist „First Matter“, das Solodebüt des Briten Michael Lawrence, von einer fast unscheinbaren Eleganz, und könnte schon deswegen so manchen Freunden dunkler, sakraler Klangwelten entgehen – denn dass solche auch ohne Gargoyles und okkulte Symbole auskommen können, gerät bisweilen in Vergessenheit. Wer sich jenseits des Plakativen orientiert, kann bei The Bricoleur eine Musik entdecken, die nicht nur finster und urtümlich dröhnt, sondern auch sehr ausgereift wirkt, denn „First Matter“ ist nicht nur ein Erstling, sondern auch der Abschluss einer längeren Zeit des Experimentierens und Kollaborierens, bei der sich Lawrence Wege mit Musikern wie Weiterlesen
MARISSA NADLER: July
Marissa Nadler zählt zu den Sängerinnen, die vom verblichenen Wirbel um akustische Musik einigermaßen profitieren konnten und dabei – zum Glück, möchte man sagen – nie allzu sehr abgefeiert wurden. Deshalb entging sie auch dem Schicksal, nun ein Sternchen von ehedem zu sein, was angesichts ihrer Originalität und musikalischen Konsequenz auch ganz unverdient wäre. In Besprechungen war immer wieder von einer fast teenagerhaften Morbidität die Rede, ebenso fielen Begriffe wie „kontemplativ“ und „weltabgewandt“ – Klischees, in denen mehr als nur ein Körnchen Wahrheit steckt, weswegen sie auch von Beginn an eher für traditionsbewusste Weiterlesen
FATHER MURPHY: Pain Is On Our Side Now
In der Welt der experimentellen Musik ist es mehr als einmal vorgekommen, dass eine konzeptuelle Idee besser klang als das Resultat ihrer Umsetzung. Dessen müde, mag man vielleicht zu einer gewissen Skepsis neigen, wenn Father Murphy – bekannt für Marotten mit Stil – ihre neue Veröffentlichung als ein Album ankündigen, das zugleich ein doppeltes ist, und dem Hörer, vorausgesetzt er besitzt zwei Turntables, eine nicht unwesentliche Rolle im kreativen Prozess beimisst. „Pain Is On Our Side Now“ besteht aus zwei einseiting bespielten Vinylscheiben im 10”-Format, mit jeweils zwei Songs, die man je nach Neigung oder technischer Ausstattung der Reihe nach hören kann. Man kann sie jedoch auch Weiterlesen
SIEBEN: Each Divine Spark
Matt Howden ist ein häufiger Gast auf unseren Seiten und überhaupt in fast allen Publikationen, deren Wurzeln irgendwo vage im postindustriellen oder folkigen Substrat der 90er stecken. Dass Howdens Musik mit solchen Sparten ästhetisch nur wenig zu tun hat, führt schon mitten hinein in die Besonderheiten seines Soloprojektes Sieben, das schon vor Jahren aus dem Schatten einer bekannten Dark Folk-Combo herausgewachsen und zu einem eigenen kleinen Kapitel alternativer Musikgeschichte avanciert ist. Sieben steht für einen sensiblen und zugleich kraftvollen Pop, der mit einfachen Mitteln eine bemerkenswerte atmosphärische Weite erzeugt und nicht nur durch Matts Gesang etwas sehr Englisches hat. Seine organischen Violinenklänge, in ihrem Wesen nie Weiterlesen