SCOUT NIBLETT: No More Nasty Scrubs 7”

Wollte man die populäre Musik seit dem Millennium grob schematisch in Phasen einteilen, so könnte man – nach einem leichten Nachhall der 90er in den ersten Jahren – zuerst von einer akustisch dominierten Phase bis ca. 2006 sprechen und von einer eher elektronischen Phase im Anschluss und bis heute. In den ersten Jahren der Nuller war akustisches Gitarrenspiel hip, man durfte wieder ohne viel Ironie die Hippiezeit aufleben lassen, die nicht nur unter Weird Folk ihren postmodernen Wiedergang erlebte, sondern auch in zum Teil recht biederen Singer Songwriter-Schmonzetten. Weiterlesen

CUT HANDS: Black Mamba

Als William Bennett erstmals die Bezeichnung „Afro Noise“ ins Spiel brachte, hatte er wahrscheinlich nicht die Absicht, ein neues Genre ins Leben zu rufen, und doch war der Begriff von Beginn an mehr als bloß ein Titel. Afro Noise sollte eine Musik bezeichnen, die Bennett mit seinem Whitehouse-Nachfolgeprojekt Cut Hands vielleicht nicht ohne Vorläufer aus der Taufe gehoben hat, die jedoch in den beiden Bereichen, die dabei schnittmengenartig zusammenkamen, keineswegs zum Tagesgeschehen gehört. Die Überblendung ist einfach zu beschreiben, ging es doch darum Weiterlesen

LON MILO DUQUETTE: I’m Baba Lon

Man müsste viel mehr über die amerikanische Songtradition wissen, um die Musik von Lon Milo DuQuette, kurz „Lon“, auch formal besser einordnen zu können. Für den Genuss seiner mitreißenden Melodien und seiner originellen Texte ist das allerdings unerheblich, und selbst die holzschnittartige Beschreibung eines Bekannten, der mir den Sänger als Missing Link zwischen Sinatra und Leonard Cohen empfahl, konnte vor ein paar Wochen die Neugier auf sein Berliner Konzert nicht drosseln, nachdem ich eine Handvoll seiner neuen Songs im Netz gehört hatte. Lon spielte auf dem Höhepunkt der Weiterlesen

A spark to ignite: Interview mit William Basinski

Seit 1998 auf Raster Noton „Shortwavemusic“ veröffentlicht wurde, hat William Basinski, der klassisch ausgebildete Musiker, der schon seit Ende der 70er mit Tapeloops experimentierte, sich ins aurale Gedächtnis eingeschrieben. Ob er auf seinem Voyetra 8 Synthesizer Ambientkompositionen wie „Silent Night“ erzeugt oder aber mit Tapeloops aus seinem schier unendlich scheinenden Archiv arbeitet, immer erzeugt er Musik, die ewig so weitergehen könnte, die den Hörer Weiterlesen

[BOLT]: (02)

Auf den ersten Blick scheint das Duo aus Bochum extreme Reduktion zu betreiben: zwei Mann, zwei Bässe, eine 12′, auf der die Infos vor lauter Schwärze kaum auszumachen sind, als Tracktitel lediglich Zahlen in eckigen Klammern. Das ist allerdings durchaus konsequent, wenn man bedenkt, wie arbiträr Titelgebung bei instrumentaler Musik oft erscheint. Bei näherer Betrachtung zeigt sich zudem noch ein leicht anderes Bild, werden die beiden doch – zumindest partiell – von weiteren Musikern unterstützt: Weiterlesen

WOODPECKER WOOLIAMS: The Bird School Of Being Human

Als ich Gemma Williams alias Woodpecker Wooliams zum ersten Mal auf einer Bühne erleben durfte, ging mir das alles noch etwas zu sehr in Richtung einer jungen Kalifornierin, die vor ein paar Jahren mit Harfe, High Heels und Tremolo in aller Munde war. Allerdings war Gemmas britischer Akzent nicht der einzige Punkt, mit der sie ihrem modernistischen Spiel auf der Miniaturharfe und ihrem verschrobenen Gesang dann doch noch ein eigenes Terrain innerhalb experimenteller Folksparten sichern konnte. Weiterlesen

VIVENZA: Réalité de l’Automation Directe (Re-Release)

Industrial ist ein Begriff, über den es sich vortrefflich streiten lässt. Für die Mehrheit der Musikkonsumenten, die vermutliche eine schweigende ist, gilt Industrial durchaus als Genre mit einer organischen Geschichte, und wenn jemand im Jahr 2012 etwas macht, dass wie SPKs „Information Overload Unit“ in etwas glatter klingt, dann wird das dort in der Regel weder als unzeitgemäß, noch als peinlich empfunden. Oberstes Kriterium ist, dass die Musik lärmig und irgendwie elektronisch sein muss, gerne darf sie auch düster oder tanzbar sein. Andere wiederum betrachten Industrial als ein Ereignis, eine kulturelle Sprengladung, die irgendwann relativ zeitgleich zum Phänomen Punk detonierte und Dinge miteinander verband, die schon seit geraumer Zeit Weiterlesen

GERÖLLGERÄTE: Emmenhausen

Mein geschätzter Großvater war mit seiner Popkritik ganz auf der gängigen Frankfurter Linie. Generell kein Freund ausufernder Diskussionen, beschränkte sich sein Beitrag allerdings auf das Statement, dass er die Rolling Stones gerne einmal mit den Flying Stones bekannt machen würde. Dass ich mir das noch in den 90ern anhören durfte, geht rückblickend in Ordnung und ist ohnehin ein anderes Thema. Aber Geröllgeräte hätte er sicher gemocht. Weiterlesen

BOYD RICE/NON: Back to Mono

Ursprünglich war der Amerikaner Boyd Rice von der ersten Industrialgeneration einmal der a- und unpolitischste: Nur im allgemeinen Sinne konnte man aus der Beschreibung seiner Musik als „de-indoctrination rites“ spezifische Handlungen ableiten, im weitesten Sinne ließe sich diese Beschreibung als Ablehnung von Autoritäten lesen und man könnte ihr einen aufklärerischen Impetus zuschreiben, wie das bei den Zeitgenossen TG, SPK, Cabaret Voltaire – trotz aller Ambivalenzen – auch immer der Fall war.

Weiterlesen

EXPO ’70 & ANCIENT OCEAN: Split

Wer sich in der Welt der Drones und Soundscapes für Spuren von Psychedelia, Krautrock und diversen Synthiepionieren der 70er Jahre interessiert, der kann sich heutzutage über ein zufriedenstellendes Angebot freuen und hat schlimmstenfalls sogar ein kleines Auswahlproblem. In der Menge an Erzeugnissen geht manches zwangsläufig unter, und besonders betroffen ist davon sicher diejenige Musik, die über weite Strecken dezent hintergründig und gewollt introvertiert ist. Vor allem ersteres trifft auf viele Arbeiten zu, die die beiden Amerikaner Justin Wright und John Bohannon in den letzten Jahren unter ihren Projektnamen Expo ’70 und Ancient Ocean aufgenommen haben. Allerdings Weiterlesen

CULT OF YOUTH: Love Will Prevail

Es gibt Bands, deren Werk sich einem erst nach einer Livedarbietung erschließt, und in meinem Fall war das so bei Cult of Youth. Auf Platte hinterließ die Musik der New Yorker mit ihrer martialischen Steifheit und dem Gesang, der Ian Curtis anscheinend mit eigenen Mitteln überbieten soll und in gelegentliche Brüllattacken ausbricht, den paradoxen Eindruck eines rasenden Phlegmatismus. Jüngst habe ich erfahren, dass Cult of Youth einfach Spaß machen, denn auf der Bühne verwandeln sie sich in einen schweißtreibenden Oi-Mutanten und das kajalgeschminkte Publikum in einen pogenden Moshpit. Weiterlesen

MACELLERIA MOBILE DI MEZZANOTTE: Hard Boiled Night Club

Selten machen Klischees so großen Spaß wie bei Macelleria Mobile di Mezzanotte, kurz MMM, dem hörspielartigen Musikprojekt des fabulierenden Ganoven Adriano Vincenti. Der Bandname bedeutet „Fleischlieferung um Mitternacht“, und sicher kennt der eine oder andere die Splatternovelle gleichen Namens aus der Feder von Clive Barker, die vor einigen Jahren dann auch verfilmt wurde. Vincentis Musik, die er selbst ganz treffend Crime Jazz oder Swing Noir nennt, schickt den Hörer jedoch gleich noch ein paar Dekaden weiter zurück in die Filmgeschichte – in eine Welt Weiterlesen

LITTLE ANNIE: Sing Don’t Cry. A Mexican Journey (Buch)

Little Annie, die in einer ganzen Reihe an Künsten unterwegs ist, ist keineswegs ein Chamäleon, auch wenn das gelegentlich behauptet wird. Wenn sie als Sängerin mit ganz unterschiedlichen Musikern von Crass bis Coil und Adrian Sherwood, von Larsen bis Baby Dee und natürlich Paul Wallfisch aktiv ist, spricht das zwar immer für einen flexiblen Draht zur kreativen Sprache anderer, und doch steuert sie dort stets ebenso viel von sich bei. Ihr Beitrag ist jedoch weit mehr als ihre mal forsche, mal etwas erschöpfter klingende Stimme in Alt. Ihr Name steht auch für eine ganz eigene elegante Abgewetztheit, einen ehrlichen, unbeschönigenden Optimismus und eine Stehauf-Mentalität, die auch den miesesten Szenarien noch etwas Kraftgebendes abzugewinnen weiß. All dies durchzieht auch Weiterlesen

EMANUELE DE RAYMONDI: Buyukberber Variations

Emanuele de Raymondi und Oguz Buyukberber haben schon in unterschiedlichen Konstellationen zusammengearbeitet, und wenn immer der italienische Komponist und der türkische Klarinettenspieler sich zu einem gemeinsamen Projekt entscheiden, laufen die verschiedensten Musiktraditionen zusammen. Ein roter Faden des an beiden Küsten der USA ausgebildeten Italieners ist das ständige Überlappen von klassischer Musik und zeitgenössischer elektronischer Klangkunst, die sich in orchestralen wie in klanglich reduzierten Werken manifestiert und gelegentlich ihre Anwendung bei Film und Theater findet. Buyukberbers Interesse gilt der Bassklarinette und ihren Weiterlesen

SWANS: The Seer

Als die Swans 1996 mit „Soundtracks For The Blind“ das letzte Studioalbum für 14 Jahre  veröffentlichten, waren das zwei CDs voller Loops, Collagen, Fragmente, ausufernder Stücke, die das vorwegnahmen, was später Postrock genannt werden sollte und auf gewisse Weise war das auch ein Eingestehen, dass man das, was musikalisch möglich war, ausgeschöpft und erschöpft hatte, ähnlich vielleicht wie das Spätwerk Shakespeares Theaterkonventionen und das, was zur damaligen Zeit aufführungstechnisch möglich war, sprengte. Weiterlesen

WOVENHAND: The Laughing Stalk

Als David Eugene Edwards in der Endphase von Sixteen Horsepower den Ableger Woven Hand ins Leben rief, war dieser noch als Soloprojekt gedacht. Und obgleich mittlerweile ein ereignisreiches Jahrzehnt ins Land gezogen ist und sich um den Namen schnell eine feste Gruppe formierte, blieb die Band für mich doch immer Edwards’ Band – das persönliche kreative Medium eines Charismatikers, neben dem andere Musiker automatisch verblassen, selbst wenn sie gut sind. Und in allen mir bekannten Fällen sind sie das. Weiterlesen

STEVEN SEVERIN: Vampyr

Es ist immer schwierig, einen Soundtrack zu beurteilen, den man nicht direkt im audiovisuellen Werkzusammenhang rezipiert hat, aber im Falle von Karl Theodor Dreyers „Vampyr“, dessen jüngste Vorführungen mit einem neu komponierten Score von Steven Severin versehen waren, habe ich die Geschichte und die Bilder noch recht gut in Erinnerung. Die Story, die unterschiedlichen Angaben zufolge entweder auf vagen Motiven von Joseph Sheridan LeFanu basiert oder (was ich aber etwas übers Knie gebrochen finde) auf dessen Erzählung „Carmilla“, ist vor allem eine Geschichte über das Hereinbrechen des Bösen Weiterlesen

THE GREAT PARK: Good And Gone

Stephen Burchs Veröffentlichungen waren immer wieder Thema auf dieser Seite, was sicher auch damit zu tun hat, dass er extrem produktiv ist, dabei stehen Künstler mit einem hohen Output häufig unter Verdacht, unter Legitimationszwang, ganz so als beeinträchtige Quantität zwangsläufig immer die Qualität. Natürlich arbeitet Burch als Singer/Songwriter mit einem festen Bestand an Mitteln und ein The Great Park-Song ist unter tausenden anderer Folkstücke sofort herauszuhören – so prägnant ist die meistens weit nach vorne gemischte Stimme, die die Texte gleichermaßen rezitiert als auch singt. Weiterlesen

CRIME AND THE CITY SOLUTION: A History Of Crime – Berlin 1987-1991

Um Simon Bonney, den Gründer von Crime and the City Solution und zugleich ihre einzige personelle Konstante, war es eine lange Zeit ausgesprochen ruhig, denn außer mit den Singer Songwriter-Alben „Forever“ und „Everyman“ machte der Sänger seit den frühen 90ern nur wenig von sich reden. Um so größer war die Überraschung, als er vor einigen Monaten die Wiedervereinigung seiner Band bekannt gab und ein neues Studioalbum ankündigte. Als Auftakt gibt es jedoch nicht bloß eine große Tour, denn die Reunion fällt glücklicherweise auch noch mit der von Mute initiierten „Introduction“-Reihe in einen Zeitraum Weiterlesen