SUN WORSHIP: s/t (Tape)

Dass sich Black Metal nicht mehr nur innerhalb einer abgedunkelten Parallelwelt abspielt, hat sich gewiss weitgehend herumgesprochen und wird wohl nur noch unverbesserliche Puristen in Rage versetzen. In den letzten zehn Jahren kam es vermehrt zu Hybriden mit anderen Musikarten wie Drone, Ambient oder Postrock, im Zuge dessen entstanden ganze Subszenen, exotische Einzelerscheinungen wie Black Metal mit Banjo oder Hackbrett kamen hinzu. Gingen solche Grenzerweiterungen anfangs meist aus der Szene selbst hervor, so wurde das schwarze Metall mit der Zeit auch immer mehr Weiterlesen

X-TG: Desertshore / The Final Report

Schon die Re-Formation Throbbing Gristles im Jahr 2004 nach der Terminierung der Mission im Jahre 1981 war eigentlich ein Affront, ein zum Scheitern verurteilter Versuch, denn Throbbing Gristle waren immer mehr als nur die Musik. Von Anfang an ging es (auch) um das Außermusikalische, die Transgression, den Schock, der sicher eine ebenso wichtige Rolle zur Bildung der „Legende“ (David Henderson in Sounds) beitrug, wie diese „Musik der Unbefugten“ (G. Brus). Ganz häretisch könnte man sagen, dass die Geschichte (durchaus doppeldeutig zu verstehen) Throbbing Gristles vielen Rezensenten geläufiger war als die Musik. Gegen diese These spricht auch nicht der (erfolgreiche) Versuch eines Journalisten 24 Stunden am Stück die Musik der Band zu hören. Weiterlesen

RAVI SHANKAR: Tenth Decade in Concert. Live in Escondido (DVD)

Ich bin kein Sitar-Experte und erst recht kein Meister im Verfassen von Nachrufen, weshalb ich mich hier auch nur kurz dem Chor all derer anschließe, die in Ravi Shankar, der vor wenigen Tagen im Alter von 92 Jahren verstorben ist, einen der großen musikalischen Innovatoren des 20. Jahrhunderts betrauern. Muss man den 1920 im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh geborenen Ravi Shankar noch ausführlich vorstellen, seine vielfältigen Impulse für die regionale wie für die internationale Musik hervorheben, seinen legendären Woodstock-Auftritt, seine prägenden Einflüsse auf Yehudi Menuhin, George Harrison, die Stones und viele mehr? Weiterlesen

PEAKING LIGHTS: Lucifer in Dub

Es ist nicht das erste mal, dass ich erst über eine Dub-Version so richtig auf ein Album aufmerksam geworden bin, so zum Beispiel erschloss ich mir einige jüngere Aufnahmen von Grace Jones erst durch ihre Remixversionen, allen voran die auf der kongenialen CD „Hurricane Dub“. Ein Grace Jones-Album zu übergehen ist selbstredend nur schwer zu sühnen, nur die immense allmonatliche Veröffentlichungsflut mag sich schuldmindernd auswirken. Genau die ließ mich auch über Peaking Lights’ „Lucifer“ hinwegsehen, dessen Cover mit der Typographie einer amerikanische Milchbar in Neonlettern daran erinnert, wie sehr Weiterlesen

JOSEPHINE FOSTER: Blood Rushing

Josephine Fosters Musik ist in vielerlei Hinsicht „outstanding“, und man sollte den Begriff dabei sowohl wertend als auch deskriptiv verstehen. Da wäre zum einen schon die Tatsache, dass die Sängerin, die ihre Stimme nach einer abgebrochenen Opernausbildung in ganz andere Richtungen überführt hatte, nie an einer bestimmten Wurzel hing, dass ihre hybriden Folksongs dennoch niemals konstruiert wirken, sondern naturwüchsig und originär. Das „Klassische“ hat sie auch nach ihrer Entscheidung für den Weg der Autodidaktin nie ganz an den Nagel gehängt. Weiterlesen

AESOP ROCK: Skelethon

Das aktuelle Album von Sprachgenie Aesop Rock erschien bereits im Sommer, aber da „Skelethon“ wirklich ein großer Wurf ist, und Hiphop auf unserer Seite ohnehin sträflich vernachlässigt wird, soll dieser Kandidat unterschiedlicher Jahrespolls noch rechtzeitig vorgestellt werden. Für alle Zaungäste, die den Namen vielleicht noch nie gehört haben oder kaum etwas Konkretes mit ihm verbinden: Hinter dem Pseudonym Aesop Rock versteckt sich der in New York geborene Wahlkalifornier Ian Bavitz, der seit nunmehr fünfzehn Jahren allein oder in diversen Konstellationen in poetischer Extraklasse rappt und eine street credibility zur Schau trägt, die Weiterlesen

LITTLE ANNIE AND BABY DEE: State of Grace

Man muss sich wundern, dass eine Zusammenarbeit zwischen Little Annie und Baby Dee erst jetzt zustandegekommen ist, denn thematisch-musikalische Parallelen zwischen dem Werk der zwei Künstlerinnen sind unübersehbar: Die Charaktere, die die Songs beider schon seit Jahren bevölkern, zeichnen sich oft auch immer durch ihre Exzentrik und durch ihre Beschädigungen aus, und auch eine teilweise anarchische Komik spielt in den Songs und insbesondere bei den Auftritten der beiden keine geringe Rolle. Annie und Dee wären sicher auch bei Vaudevilles nicht fehl am Platz gewesen.

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HOW MUCH WOOD WOULD A WOODCHUCK CHUCK IF A WOODCHUCK COULD CHUCK WOOD?: s/t

Wie viel Holz würde ein Murmeltier hacken, wenn ein Murmeltier Holz hacken könnte? Ich weiß es nicht, aber ich vermute mal, dass die Turiner Gher, Coccolo und Iside, die ihre Band nach diesem Zungenbrecher, einem englischen Pendant zu unserem “Fischers Fritz” benannt haben, wohl noch öfter in Interviews beweisen müssen, dass sie ihren eigenen Bandnamen fließend aussprechen können. Manche behaupten, der merkwürdig onomatopoetische Singsang des Namens sei nicht nur einprägsam, sondern würde mit seinen Assoziationen von Waldeinsamkeit und verschlafenen Nagern mit Superkräften auch die Musik des italienischen Trios ganz gut wiedergeben. Vorweg: Ich stimme dem nur zu unter der Einschränkung, dass sie keine Romantiker sind. Weiterlesen

Tinkebell rettet die Welt. Porträt der Künstlerin Katinka Simonse

Katinka Simonse alias Tinkebell ist seit rund sieben Jahren in der Kunstszene bekannt, oder besser noch: berüchtigt. Kontinuierlich arbeitet sie an einem zusammenhängenden Werk, das seine aufsehenerregendsten Eigenschaften oft erst im Nachhinein preis gibt – in den Reaktionen eines äußerst emotionalisierten Publikums. Jetzt könnte man natürlich betonen, dass das im Grunde bei jeder Kunst so sei. Doch es rechtfertigt eine besondere Hervorhebung, wenn ein Großteil der Publikumsreaktionen aus ironiefreien Kommentaren wie „evil motherfucker“, „sadist“, „I hope you burn in hell“ oder „they should skin you alive“ bestehen – und das unverändert seit Jahren. Weiterlesen

ANDREW POPPY: Shiny Floor, Shiny Ceiling

Auf diesen Seiten ist selten von „unseren Kreisen“ die Rede, da unsere Berichterstattung auch nicht für einen bestimmten eingrenzbaren Leserkreis gedacht ist. Dennoch vermute ich, dass der britische Komponist Andrew Poppy den meisten unserer Leser vor allem durch seine Arbeiten mit Psychic TV und Coil bekannt ist. Auf Stücken wie Coils „Boy in a Suitcase“ und in den markanten Streicherparts auf „Force the Hand of Chance“ trug er einen erheblichen Teil zu der mystischen Grundstimmung bei, die recht bald ein integraler Bestandteil der Musik sein sollte, die aus den Nachwehen des gerade zu Ende gegangenen Industrial entstanden ist. Weiterlesen

MAEROR TRI: Mort Aux Vaches. Hypnos/Transe (Re-Release)

In Maeror Tris Beitrag zur niederländischen „Mort Aux Vaches“-Reihe treffen zwei Namen aufeinander, über die man seitenweise texten könnte. Aus dem Norddeutschen Trio, dessen Ambient stets auch zur Erforschung und Exposition tiefenpsychologischer Prozesse diente, gingen die Projekte Troum und Tausendschoen hervor, mit Drone Records zudem eines der wichtigsten Underground- und Experimentallabels in Deutschland. „Mort Aux Vaches“ ist eine seit den 90ern stattfindende Radioshow, bei der meist ein Noise-, Drone- oder sonstiger Experimental-Act exklusives Livematerial einspielte, das dann später Weiterlesen

SCOUT NIBLETT: No More Nasty Scrubs 7”

Wollte man die populäre Musik seit dem Millennium grob schematisch in Phasen einteilen, so könnte man – nach einem leichten Nachhall der 90er in den ersten Jahren – zuerst von einer akustisch dominierten Phase bis ca. 2006 sprechen und von einer eher elektronischen Phase im Anschluss und bis heute. In den ersten Jahren der Nuller war akustisches Gitarrenspiel hip, man durfte wieder ohne viel Ironie die Hippiezeit aufleben lassen, die nicht nur unter Weird Folk ihren postmodernen Wiedergang erlebte, sondern auch in zum Teil recht biederen Singer Songwriter-Schmonzetten. Weiterlesen

CUT HANDS: Black Mamba

Als William Bennett erstmals die Bezeichnung „Afro Noise“ ins Spiel brachte, hatte er wahrscheinlich nicht die Absicht, ein neues Genre ins Leben zu rufen, und doch war der Begriff von Beginn an mehr als bloß ein Titel. Afro Noise sollte eine Musik bezeichnen, die Bennett mit seinem Whitehouse-Nachfolgeprojekt Cut Hands vielleicht nicht ohne Vorläufer aus der Taufe gehoben hat, die jedoch in den beiden Bereichen, die dabei schnittmengenartig zusammenkamen, keineswegs zum Tagesgeschehen gehört. Die Überblendung ist einfach zu beschreiben, ging es doch darum Weiterlesen

LON MILO DUQUETTE: I’m Baba Lon

Man müsste viel mehr über die amerikanische Songtradition wissen, um die Musik von Lon Milo DuQuette, kurz „Lon“, auch formal besser einordnen zu können. Für den Genuss seiner mitreißenden Melodien und seiner originellen Texte ist das allerdings unerheblich, und selbst die holzschnittartige Beschreibung eines Bekannten, der mir den Sänger als Missing Link zwischen Sinatra und Leonard Cohen empfahl, konnte vor ein paar Wochen die Neugier auf sein Berliner Konzert nicht drosseln, nachdem ich eine Handvoll seiner neuen Songs im Netz gehört hatte. Lon spielte auf dem Höhepunkt der Weiterlesen

A spark to ignite: Interview mit William Basinski

Seit 1998 auf Raster Noton „Shortwavemusic“ veröffentlicht wurde, hat William Basinski, der klassisch ausgebildete Musiker, der schon seit Ende der 70er mit Tapeloops experimentierte, sich ins aurale Gedächtnis eingeschrieben. Ob er auf seinem Voyetra 8 Synthesizer Ambientkompositionen wie „Silent Night“ erzeugt oder aber mit Tapeloops aus seinem schier unendlich scheinenden Archiv arbeitet, immer erzeugt er Musik, die ewig so weitergehen könnte, die den Hörer Weiterlesen

[BOLT]: (02)

Auf den ersten Blick scheint das Duo aus Bochum extreme Reduktion zu betreiben: zwei Mann, zwei Bässe, eine 12′, auf der die Infos vor lauter Schwärze kaum auszumachen sind, als Tracktitel lediglich Zahlen in eckigen Klammern. Das ist allerdings durchaus konsequent, wenn man bedenkt, wie arbiträr Titelgebung bei instrumentaler Musik oft erscheint. Bei näherer Betrachtung zeigt sich zudem noch ein leicht anderes Bild, werden die beiden doch – zumindest partiell – von weiteren Musikern unterstützt: Weiterlesen

WOODPECKER WOOLIAMS: The Bird School Of Being Human

Als ich Gemma Williams alias Woodpecker Wooliams zum ersten Mal auf einer Bühne erleben durfte, ging mir das alles noch etwas zu sehr in Richtung einer jungen Kalifornierin, die vor ein paar Jahren mit Harfe, High Heels und Tremolo in aller Munde war. Allerdings war Gemmas britischer Akzent nicht der einzige Punkt, mit der sie ihrem modernistischen Spiel auf der Miniaturharfe und ihrem verschrobenen Gesang dann doch noch ein eigenes Terrain innerhalb experimenteller Folksparten sichern konnte. Weiterlesen

VIVENZA: Réalité de l’Automation Directe (Re-Release)

Industrial ist ein Begriff, über den es sich vortrefflich streiten lässt. Für die Mehrheit der Musikkonsumenten, die vermutliche eine schweigende ist, gilt Industrial durchaus als Genre mit einer organischen Geschichte, und wenn jemand im Jahr 2012 etwas macht, dass wie SPKs „Information Overload Unit“ in etwas glatter klingt, dann wird das dort in der Regel weder als unzeitgemäß, noch als peinlich empfunden. Oberstes Kriterium ist, dass die Musik lärmig und irgendwie elektronisch sein muss, gerne darf sie auch düster oder tanzbar sein. Andere wiederum betrachten Industrial als ein Ereignis, eine kulturelle Sprengladung, die irgendwann relativ zeitgleich zum Phänomen Punk detonierte und Dinge miteinander verband, die schon seit geraumer Zeit Weiterlesen

GERÖLLGERÄTE: Emmenhausen

Mein geschätzter Großvater war mit seiner Popkritik ganz auf der gängigen Frankfurter Linie. Generell kein Freund ausufernder Diskussionen, beschränkte sich sein Beitrag allerdings auf das Statement, dass er die Rolling Stones gerne einmal mit den Flying Stones bekannt machen würde. Dass ich mir das noch in den 90ern anhören durfte, geht rückblickend in Ordnung und ist ohnehin ein anderes Thema. Aber Geröllgeräte hätte er sicher gemocht. Weiterlesen