THE GREAT PARK: Winter

Stephen J. Burch alias THE GREAT PARK zählt zu den Unermüdlichen. Allerdings zeigt sich das nicht nur in seinem stetigen Drang, neue Songs zu schreiben, es betrifft auch den permanenten Häutungsprozess, dem er schon bestehende Aufnahmen unterzieht. Acht Longplayer mit seinem eingängigen, sehr englischen “Winter Death Folk” brachte er bereits heraus, auf dem gerade erschienenen Album, das dann auch gleich „Winter“ heißt, findet sich überwiegend älteres Material. Dieses unterscheidet sich jedoch recht stark von den früheren Versionen der Songs.

Dass sich Lieder mit der Zeit verändern ist nichts Ungewöhnliches, im Gegenteil kann man oft beobachten, wie ein Stück seinen zunächst unfertigen Charakter erst während einer dauernden Konzerterprobung entwickelt, und am Ende kommt etwas dabei heraus, das dem ursprünglich auf einen Tonträger gebannten Song nur noch formal ähnelt und ihn wie einen Entwurf erscheinen lässt. Bei einem (mehr oder weniger) allein bestrittenen Projekt, dessen Musik vorwiegend auf Gesang und Gitarre basiert, vollziehen sich solche Veränderungen meist noch freier und unberechenbarer, und Burch trug diesem Entwicklungsprozess nun Rechnung, indem er die Songs auch für dieses Album komplett live in einem Durchgang einspielte – zuhause über die letzten Feiertage, und so, wie er sie auch bei Auftritten zu spielen pflegt. Es enthält einige seiner schönsten Songs, und wenn es eine direkt greifbare Veränderung zu früher gibt, dann findet sie sich in einer gewissen Abgeklärtheit, die seiner emotionalen Musik einen leicht bitteren Zug verleiht. Den getrageneren Aufnahmen fehlt oft das betont Schöngeistige, der Hang zum Idyll und die sehr expressive Stimmarbeit, die immer ein wenig an David Tibet erinnerte. Die etwas temporeicheren Stücke dagegen enthalten neuerdings einen spürbaren Anflug von Wut. So klingt das schaurige „Annabel“ verzweifelter, gebrochener als in seiner ursprünglichen Form, fast wähnt man den Song nahe dem Verstummen, nur kurzzeitig kommen Takt und Melodie in Schwung. Der Vortragsweise, die sich wie oft bei The Great Park an der Grenze zu Spoken Words bewegt, ist eine Spur von Erschöpftheit beigemischt, was die Lyrics an Tragik nur gewinnen lässt.

Bei temperamentvolleren Nummern wie „Boys, I Am Worried“ oder „I Do Wrong“ kommt der trotzige Charakter besser zur Geltung. Das aggressive Strumming und der etwas weniger melodische Gesang machen gerade letzteren Song zu einem ungeschminkten Kommentar über die Absurdität einer vermeintlich heilen Welt. “Trouble Folk”, wie Burch selbst, den das ganze Wortgeklingel um Musikgenres eher amüsiert, sagen würde. Zu den Highlights zählt aber auch einer der neuen Songs – „I Know What I Make Isn’t Fine“, ein melancholisches Stück nach der Art von Balladen wie „Polly Vaughn“, zeigt den Musiker in Bestform und ist zugleich eines der Stücke, die über den reinen Akustiksound hinausgehen. Die Auswahl der Lieder sorgt dafür, dass „Winter“ nicht nur für Hörer interessant ist, die The Great Park bereits kennen, auch zum Einstieg in Burchs Musik ist das Album eine Empfehlung wert, enthält es doch beliebte Stücke wie den pyromanischen „Song for Fee“ oder „The Royal Canal“, das hier mit fast rituellem Gitarrenspiel eingeleitet wird und sich ebenfalls ganz nah an die Stille herantraut.

„Winter“ wäre die perfekte Platte gewesen, um der kalten Jahreszeit nicht zu entfliehen, sondern ihr etwas Frostig-Schönes abzugewinnen – fast ist es ein bisschen schade, dass das nun gar nicht mehr so passt. Aber als betont roh und ungekünstelt eingespielte Best-of-Sammlung ist die CD allemal zu empfehlen und verkürzt die Wartezeit auf das nächste reguläre Album. (U.S.)