FUTEISHA: Dannato

Man kann Futeishas „Dannato“-Tape nicht im engeren Sinne als Apokalyptic Folk bezeichnen, und doch sollte der Bezug zu dieser Traditionslinie nicht unterschlagen werden. Nicht, weil Juan Scassa, einer der Gitarristen von La Piramide di Sangue, in seinem Soloprojekt molllastige Akustiksongs spielt und schon im Titel (gr. „thanatos“) auf letzte Dinge deutet. Auch nicht bloß, weil der aus Argentinien stammende Turiner neben anderen Vorlieben auch auf die alte World Serpent-Schule schwört. Eher deshalb, weil man unter Futeishas mystischen Psychedelia heute Dark Folk verstehen könnte, wenn sich die Dinge in den greater times etwas anders entwickelt hätten und sich die „hippieske“ Seite v.a. bei Current 93 (man denke etwa an “Horsey” oder an einige Stücke, die zunächst auf der Compilation “Emblems” einen Platz fanden) etwas besser gegen den szeneprägenden Stock im Arsch durchgesetzt hätte.

All dies wäre sicher auch dann der Rede wert, wenn Futeisha nicht schon im Opener unmissverständlich auf einen Klassiker bezug genommen hätte, einen Song, der einen Hindugott als Diktator auf einem weißen Pferd durch die Landschaft eines absurden Acidwestern traben lässt, begleitet von Beckenrauschen und monotonem Geschrammel. „Temujin“ heißt das Ganze und referiert auf einen Herrscher, dessen kriegerische Taten ebenfalls eine apokalyptische Dimension hatten. Es ist nicht der einzige Song, der Asiatisches anklingen lässt, was bei dem Namen des Projektes auch nicht wundert – Futeisha war im Japan der 1960er eine abwertende Bezeichnung für als Outlaws betrachtete koreanische Migranten und wurde von politischen Aktivisten aus dieser Community bald als positive Eigenbezeichnung umgemünzt.

Der Sprung zum nächsten Stück zeigt, wie heterogen der noch frische Sound Futeishas ist, denn „Lamento Funebre per Tutti noi“ klingt mit seinem schwermütigen Saitenspiel viel lieblicher, ornamentaler, springt von der Dystopie zur mittelalterlich anmutenden Utopie. Der weitere Verlauf des Tapes erscheint wie eine episodische Pilgerfahrt durch Totentanzlandschaften, begleitet von einer Musik, die Lofi als positive Qualität betrachtet und kleine Unstimmgkeiten im Takt und in den Lautstärkenverhältnissen nicht nur in Kauf nimmt, sondern bewusst anzusteuern scheint. Unterwegs wird man in die verschiedensten Stimmungsszenarien geworfen, von okkulter Lagerfeuerromantik über den Schauplatz eines nächtlichen Roadmovie bis hin zum chaotischen finalen Showdown, bei dem Futeishas Sound für Momente in reine Gewaltmusik kippt. Unterstützt wird Scassa dabei von einer ganze Reihe an Kollaborateuren, deren fantasievolle Namen sämtlich aus den mysteriösen Tiefen Afrikas und des mittleren Ostens stammen, und von denen einige vermutlich sogar real sind. Sehr real ist Scassas Schwester Paula von der Rockband JC Satán, die das liebevoll gestaltete Artwork im Geiste Pieter Brueghels angefertigt hat.

Die filmische Assoziationen sind hier nicht nur der Fantasie des Rezensenten geschuldet, denn die Szenenfolge ist von zahlreichen Sprach- und Geräuschsamples durchzogen. Die machen „Dannato“ zu einer wahren Fundgrube für cineastische Fährtensucher, die hier ebenso auf ihre Kosten kommen sollten wie aufgeschlossene Neofolker, Freude der “Occult Psychedelia” und Boring Machines-Afficionados. (U.S.)

Label: Brigadisco/Old Bicycle Records