DIVUS: s/t

Ungleiche Duette gibt es viele, doch Lucianno Lamanna und Luca T. Mai haben sich, wie es scheint, gerade zur richtigen Zeit zusammengefunden, um ihre so unterschiedlich gediehene Kreativität in eine gemeinsame Bahn fließen zu lassen. Lammana, dessen Wurzeln im Techno liegen, bewegte sich in seinen jüngsten Projekten immer mehr in experimentellen Gefilden, eine Wegmarke war das Split zwischen seinem Projekt Lunar Lodge und Mai Mai Mai. Der Saxophonist Mai, aufgewachsen mit Metal, Punk und Hardcore, hat in Weiterlesen

AMKLON: Collision of Absolutes

Bei Amklon scheint sich vieles um Wandlung und Umformung zu drehen. Gitarrist Sergio Albano spielt mit Projekten wie Grizzly Imploded zerschredderten Noiserock, Giuseppe Mascia, der ich hier um die Elektronik kümmert, ist von Haus aus Technomusiker. In den abstrakten Synthies und den vielen verfremdeten Sounds von Amklon klingt beides zwar an, aber lediglich als tiefste Grundierung in einem vielschichtigen klanglichen Palimpsest. Der Titel ihres Debüts „Collision of Absolutes“ entstammt einer Passage aus Philip K. Dicks „Exegesis“ und verweist Weiterlesen

HERMETIC BROTHERHOOD OF LUX-OR: Anacalypsis

Das in Sardinien beheimatete Duo mit dem markanten Namen hat bereits sechs Alben im Katalog, und mit dem neuesten Streich „Anacalypsis“ ist der Band ein Werk mit überraschenden Momenten gelungen. Lauscht man den noch leisen Tönen des sich langsam aufbauenden Openers, dann erwartet man angesichts des blechernen Rasselns und des rauen Rumorens sicher allerhand mysteriöses Pathos, aber kaum den ekstatischen Lärm, mit dem das Album zum Abschluss kommt. Viel weniger noch mit den Weiterlesen

MAI MAI MAI: Phi

Vor Jahren hob Toni Cutrone, der bislang in diversen noisigen Rockformationen spielte, sein Soloprojekt aus der Taufe und beglückte die Musikwelt als Mai Mai Mai mit der „Mediterranean Trilogy“, die die Frühzeit des griechisch-römischen Kulturkreises als maritime Lebenswelt erforschte. Teil dieses archaischen Symbolkosmos war ein zwischen rhythmischem Lärm und retrolastiger Elektronik verorteter Sound, der dem südlichen Setting einen kühlen, aquatischen Beigeschmack verpasste. Nach „Tetra“ und „Delta“ erschien noch Weiterlesen

EVEREST MAGMA: Gnosis

Als der für amaricanalastige Folkvariationen bekannte Rella The Woodcutter vor zwei Jahren mit einem rhythmusbasierten elektronischen Album überraschte, wurde das hier und da noch als Experiment betrachtet, doch wie heißt es so schön: Das beste Mittel gegen das Image als Eintagsfliege besteht darin, einfach konsequent weiterzumachen, und Everest Magma tat dies mehrfach live, u.a. im Vorprogramm einer Soloshow von Thighpaulsandra, und seit kurzem auch auf einer neuen LP, die sich im Weiterlesen

BERTONI / BOCCARDI / MONGARDI: Litio

Die initiale Idee zu diesem Trio kam dem Mailänder Alberto Boccardi, der von Haus aus elektronischer Sounddesigner ist, aber auch ein Faible für Gitarrenmusik jenseits herkömmlicher Rockstrukturen hat. Nachdem er sein Electronica-Album „Fingers“ herausgebracht hatte, konsultierte er seine beiden Landsleute Antonio Bertoni (Bass) und Paolo Mongardi (Drums), die vom Rock und vom Jazz kommen, für eine auf dem Album basierende Tour. Während dieser wurde Weiterlesen

OCCULTO presents: ONGAPALOOZA (10 yrs of Boring Machines) im West Germany, Berlin

Vor zehn Jahren wurde in der italienischen Kleinstadt Treviso das kleine Label Boring Machines gegründet. Zu der Zeit ahnte wahrscheinlich niemand, dass das Projekt einmal zu einer der rührigsten Institutionen der alternativen Musikgeschichte Italiens werden sollte. Zahlreiche jüngere Bands aus den unterschiedlichsten Regionen des Landes und aus verschiedenen Genres zwischen Psychedelia, Drone, Noiserock und electronica debütierten dort oder brachten dort zumindest ihre ersten im größeren Rahmen vertriebenen Aufnahmen heraus, zu den bekanntesten zählen La Piramide di Sangue, Father Murphy, Heroin in Tahiti, Mai Mai Mai, Squadra Omega, Cannibal Movie, Mamuthones oder die in Berlin lebede Musikerin DuChamp. Aber auch altgedientere Musiker wie Z’ev oder Simon Ballestrazzi veröffentlichten bei Boring Machines. In einer Reihe Events feiert das Label nun sein zehnjähriges Bestehen, eines der Festivals mit ausschließlich Boring Machines-Bands wird im Juni vom Berliner Oculto-Magazin im Kreuzberger West Germany veranstaltet. Der Name Ongapalooza referiert auf den Namen des Labelgründers Onga sowie auf eine nordamerikanische Pferderasse namens Apalooza. Weiterlesen

EVEREST MAGMA: Modern / Antique

Hinter dem Namen Everest Magma verbirgt sich der Turiner Musiker mit dem Pseudonym Rella The Woodcutter, der auch an dem Kollektiv Eternal Zio beteiligt ist oder zumindest war. Alles, was man hierzulande bisher von ihm zu hören bekam, bewegte sich im Schnittbereich archaischer Ritualistik und einem blueslastigen Folksound, der ein starkes Interesse an amerikanischen Traditionen offenbart, in den etwas opulenteren Stücken aber auch schon immer ein Faible für Schräges und Fuzziges zur Schau stellte. Hört man zum ersten mal die Weiterlesen

SATAN IS MY BROTHER: They Made Us Climb Up Here

Denkt man an doomige, dronige oder sonstwie dunkle Klangwelten, die mit Jazzelementen angereichert sind, dann entsteht schnell die Vorstellung eines doch alles in allem runden und harmonischen Hörerlebnisses, aller düsteren Hardboiled-Melancholie zum Trotz. Der imaginäre Thriller entpuppt sich als lineares Narrativ mit klarer Schlussgebung und nicht als surrealer Trip durch unwegsames Gelände. Natürlich ist diese Assoziation naheliegend angesichts einiger recht populärer Musik, die gerade in unseren Breiten aufgenommen oder veröffentlicht wird. Dass angejazzte Slowtempo-Musik auch Weiterlesen

ZONE DEMERSALE: Motore Primo

Ob man Zone Démersale die intensive Beschäftigung mit Philosophie anhört, die Michele Ferretti und Pietro Riparbelli als Inspirationsquelle für ihren dunklen Ambienttechno angeben, ist schwer zu sagen. Etwas nachvollziehbarer wird dieser Hintergrund, wenn man bedenkt, dass die beiden Produzenten vor allem der Reflexion über Wahrnehmungsphänomene zugetan sind und die sinnlichen Vorgänge untersuchen, die griechische Philosophen aisthesis nannten, wovon unser Begriff der Ästhetik abstammt. Als Zone Démersale spielen sie eine Musik Weiterlesen

DREAM WEAPON RITUAL: Ebb and Flow

Simon Balestrazzi mag seinen verschiedenen Projekten nach T.A.C. in etwa den gleichen Status beimessen und sie alle als gleichwertige Stationen seiner musikalischen Suche verstehen – letztlich ist Dream Weapon Ritual jedoch die Band, die am ehesten das Erbe der legendären „Tomografia“ angetreten hat. Zum einen ist Monica Serra wieder mit von der Partie, die während ihrer Zeit bei T.A.C. eine zweite Karriere als Schauspielerin begonnen hatte. An Mikro und Kaoss Pad ergänzt sie Simons düstere Soundscapes in einer Weiterlesen

Z‘EV & SIMON BALESTRAZZI: Reverbalizations

Mit Z’ev und Simon Balestrazzi treffen zwei Urgesteine des Industrial aufeinander, die die Szene seit mehr als drei Jahrzehnten geprägt haben und doch immer recht untypische Pionierarbeit geleistet hatten. Stefan Joel Weissers Beitrag zur Musikgeschichte wirkt formal betrachtet nahezu minimal und lässt sich auf eine Metallperkussion beschränken, die ihren rituellen Wert erst offenbart, wenn man sich vollends darauf einlässt. Im dystopischen Lärm der Industrial Culture fand er einen Rahmen, bei dem er – u.a. in zahlreichen Kollaborationen – seinem Stil immer neue Facetten entlocken konnte. Von Balestrazzi und seiner früheren Weiterlesen

FAUSTO MAIJSTRAL: s/t

Fausto Maijstral wurde vor vier Jahren in Berlin gegründet, doch die Wurzeln des Drone-Duos sind quasi weltumspannend. Da wäre Will Gresson aus dem neuseeländischen Auckland, der heute in London lebt und schon seit einigen Jahren solo und in Bands wie Palatial spielt. Unseren Lesern vielleicht bekannter ist die Mailänderin DuChamp, deren Debüt “Nar” bei Boring Machines auf Platte erschien und auf unseren Seiten bereits Erwähnung fand. Ihr gemeinsames Projekt, benannt nach einer Figur aus Thomas Pyncheons Roman „V“, kann schon auf eine solide Zahl an Auftritten zurückblicken, jüngst erschien dann auch ihr Debüt auf 250 Vinylscheiben. Weiterlesen

HEROIN IN TAHITI: Canicola

Wenn Musiker die Sonne, die Flora und die regionalen Bräuche ihrer Länder besingen, endet das nicht selten im Postkartenkitsch, v.a. wenn es sich bei dem Land auch noch um ein beliebtes Touristenziel handelt. Wer Heroin in Tahiti kennt, weiß allerdings, dass sie unter exotischem Charme etwas anderes verstehen, denn ihre im Zeitlupen-Surfsound beschworenen Südseesettings strahlten eine dreckige Düsternis aus, die mehr mit einem Neo Noir-Streifen gemein hat als mit einem auf Hawaii spielenden Elvis-Schinken. Wer die römische Band in den Jahren ihres Bestehens etwas genauer verfolgt hat, der erinnert sich vielleicht daran, dass sie sich auch schon ihrer italienischen Heimat gewidmet haben. Weiterlesen

FUTEISHA: Dannato

Man kann Futeishas „Dannato“-Tape nicht im engeren Sinne als Apokalyptic Folk bezeichnen, und doch sollte der Bezug zu dieser Traditionslinie nicht unterschlagen werden. Nicht, weil Juan Scassa, einer der Gitarristen von La Piramide di Sangue, in seinem Soloprojekt molllastige Akustiksongs spielt und schon im Titel (gr. „thanatos“) auf letzte Dinge deutet. Auch nicht bloß, weil der aus Argentinien stammende Turiner neben anderen Vorlieben auch auf die alte World Serpent-Schule schwört. Eher deshalb, weil man unter Futeishas mystischen Psychedelia heute Dark Folk verstehen könnte, wenn sich die Dinge in den greater times etwas anders entwickelt hätten und sich die Weiterlesen

MAI MAI MAI: Δέλτα (Delta)

Mai Mai Mai ist eine moderne Abenteuergeschichte, eine Art Odyssee durch eine analoge mediterrane Welt, in der der mythische Held, sein Name ist Toni, allerhand Dinge zu meistern hat, die für den Rezipienten vage und abstrakt bleiben müssen. Dies ist v.a. dem Medium der Geschichte geschuldet, denn Mai Mai Mai ist weder Epos, noch Film, noch Balladensammlung, sondern ein weitgehend instrumental gehaltenes, elektronisches Musikprojekt – diesmal unterstützt durch eine handvoll Gäste, die das Album “Delta” ein gutes Stück vom Vorgänger “Theta” abheben. Weiterlesen

LA PIRAMIDE DI SANGUE: Sette

La Piramide di Sangue sind ein Unikat, das in der heutigen Psychedelia- und Stoner-Szene einen eigenen Platz beanspruchen kann, auch wenn es sicher etliche gibt, die sich in der Tradition von Embryo oder der Third Ear Band wähnen und ausladende, experimentelle Rockstrukturen mit orientalischen Elementen garnieren. Was das Turiner Septett, das aus einer doppelten Rockbesetzung und einem Klarinettisten besteht, hervorhebt, ist eine kraftvolle und unberechenbare Aufbruchstimmung, bei der man dankbar sein kann, dass das Ganze zumindest nicht durchgehend auf Metal hinausgelaufen ist. Dies traf Weiterlesen

DONATO EPIRO: Fiume Nero

Ein Debüt ist „Fiume Nero“ nur im allerformalsten Sinne, denn Donato Epiro ist im italienischen Underground kein Unbekannter und auch Leser unserer Seiten sollten den Namen kennen. Er ist Teil des Duos Cannibal Movie, das mit Orgel und Schlagwerk die Geister alter Exploitation-Filme beschwört und zugleich auf die Frage, was ein etwas abgegriffener Begriff wie Psychedelic heute noch bedeuten kann, ein paar interessante, düstere Antworten zur Hand hat. Solo ist Epiro weitaus elektronischer unterwegs und offenbart ein Interesse an harten, entgrenzten Ritualklängen. Einiges davon erscheint seit Weiterlesen

I believe each one of us has to deal with a personal void. Interview mit Father Murphy

Die italienische Band Father Murphy, die jüngst vom Trio zum Duo geschrumpft ist, lässt sich nicht leicht in gängige Begriffe fassen – zumindest, wenn man damit ihre Musik unmittelbar kategorisieren will. Ihre lärmenden, basslastigen Klanglandschaften, die manchmal ganz plötzlich etwas Meditatives bekommen, ihre wuchtigen, eruptiven Klagelieder, strafen jede subkulturelle Spartenlogik Lügen. Die Konturen ihrer Welt werden deutlicher, wenn man sich ihr über Inhalte nähert und den Worten folgt, die Freddy Murphy und Chiara Lee selbst immer wieder in Songs und Liner notes fallen lassen. Im Zentrum ihres Denkens erscheinen Weiterlesen