POST SCRIPTVM: Gauze

Es gibt Musiker, die erst nach einigen Jahren ihre besondere musikalische Sprache finden, vielleicht anfangs noch einem Genre anhängen und erst mit der Zeit einen unabhängigen Stil finden. Oder aber sie irren anfangs noch etwas unsicher umher um erst nach einigen wechselhaften Releases ihre Heimat in etablierten Strukturen finden. Dann gibt es aber auch solche, die von Anfang an wissen, wohin die Reise geht und ihre einmal eingeschlage Richtung nur variieren und verfeinern. Zu dieser Gruppe zählen die beiden in New York lebenden Andrei und Liana, die als Post Scriptvm dunkle hörspielartige Klangkollagen in Serie veröffentlichen. Spätestens seit „Grey Eminence“ sind sie Freunden des experimenteller ausgerichteten Industrial ein Begriff, und nachdem mit „Benommenheit“ und der Live-Anthologie „Seance“ nachgelegt wurde, erscheinen nun Teile des Frühwerks im Rahmen der „Tesco Archaic Documents“-Reihe.

“Gauze” erschien vor rund 15 Jahren limitiert auf CDr bei Seomnambulant Corpse und debütiert mit einer noch roheren Form dessen, wofür Post Scriptvm heute steht: kompakte und trotzdem epische Kompositionen, die mal auf gesampleten Sounds, mal auf meist auf durch Verzerrung bearbeiteter Elektronik basieren und und dank Sprachsamples und weiteren Spuren menschlichen Wirkens oft an Hörspiele oder die Tonspur eines Kurzfilms erinnern, und das alles durchdrungen von einer Dunkelheit, die die Neugier des Entdeckers weckt statt zu deprimieren.

Unter roh darf man sich hier aber auch keine allzu hausbacken Klanggestaltung vorstellen, denn all der Sinn für das Zusammenspiel heterogener Komponenten und für Plastizitat ist – lediglich in einer das Elektronische noch etwas mehr betonenden Form – auch hier schon im kleinen vorhanden. Ebenso der Sinn für Spannung durch vagheit: Verwaschene Männerchöre im noisig-ambienten Irrgarten des Auftaktes „Cunctator“, gefolgt vom hämischem Kichern, und alles wirkt deshalb so verstörend, weil man die Szenerie kaum deuten kann. Bei „Trepan“, dessen Distortion auch damals schon nicht in Clubnoise ausgeartet ist und düster beschwörende Vocals umfängt, sorgt eine Spieluhr für geheimnisvolle Erwartung, natürlich auch, weil dieses Detail Erinnerungen an unzählige Filme triggert. Merkwürdig segmentierte Stimmen in „Pore“, dem Anschein nach bedeutungsschwangeres, nasses Gluckern in „Vox Calamantis“. Ein Sample in „On the Brink“, das nur verschwommen zu hören ist, in dem allerdings ein Sturm an Aufruhr und Gebrüll zu toben scheint. Dies und einiges mehr scheint nur lose und assoziativ verknüpft und schafft ein Labyrinth voller falscher Fährten und finsterer Sackgassen.

Auch auf rein klanglicher Ebene wussten die beiden schon damals zu beeindrucken, so wirkt der letztgenannte Song auch deshalb wie die kaum aushaltbare Ruhe vor dem Sturm, weil die zittrigen Takte sich immer wieder vom Glühen der hintergründigen Drones wie von einer Welle erfassen und übertönen lassen und somit die angedeutete Progression nicht stattfinden lassen. Zudem fungieren im Unterschied zum Standard die dunklen Ambientflächen in „Cunctator“ nicht als Hintergrund, um dann diversen Noisefragmenten als Grundlage zu dienen, vielmehr ist es umgekehrt, und die flächigen Sounds schießen eher in das Verzerrte hinein und schaffen somit noch mehr Spannung.

Der Re-Release erschien vor kurzem handnumeriert in 250er Ausführung, ein paar Exemplare sollten noch zu haben sein.

Label: Tesco