V.A.: Girih. Iranian Sound Artists Volumes I – IV

Auf ganzen vier Tapes mit insgesamt zweiundvierzig Tracks präsentiert das Label Zabte Sote einen extensiven Einblick in die in unseren Breiten nur wenig bekannte, aber in den letzten Jahren zu beachtlicher Größe angewachsene experimentelle Musikszene Irans und ihrer Ableger im Rest der Welt, wo viele Iraner seit der Revolution Ende der 70er im Exil leben. Was jeden, der irgendein Faible für Noise, Soundart und experimentierfreudige Elektronik hat, beeindrucken muss, ist die große Bandbreite an kreativen Ansätzen, die diese lokale Community zu bieten hat.

Obwohl man auf der Compilation weder Gefälliges, noch reines Lärmgedresche zu hören bekommt, ist der hier gespannte Bogen zwischen filigran und derb ziemlich weit. Da wären zum einen vielschichtige und feingewebte Soundscapes, denen das titelgebende Girih, ein traditionelles Deckenmuster religiöser Bauwerke, gut zu Gesicht steht. Zu ihnen gehört gleich der Opener “Farewell, Warden” vom in Frankreich ansässigen Projekt SarrSew: Leicht folkige Stimmtupfer einer Sängerin, die mit etwas Fantasie an Fovea Hex erinnert, nehmen anfangs fast a capellaartig den gesamten Raum ein, während sich unter ihnen nach und nach ein Teppich aus elektrifizierten Zikaden und dezentem Dröhnen ausbreitet, der allerdings in ein alles zerschredderndes Gitarrenfeedback überleitet – ein großartiger Auftakt. Mir der gleichen Sängerin, aber etwas sperrigeren Sounds, zählt auch der Beitrag von 9T Antiope in diese Kategorie, ebenso das schön meldierte Ambientstück von Ixuol, dessen verfremdete Saitenklänge an Crete und Niedowierzanie erinnern, und das auf den ersten Blick sehr traditionell anmutende Saitenmuster in Aso Kohzadis “Neyrizan”. Die ambienten Beiträge knüpfen dann auch ganz gut an die Compilation “Visions of Darkness” an, mit der Unexplained Sounds Group und Cold Spring im letzten Jahr einen etwas engeren Fokus auf die persische Dark Ambient-Szene richteten.

Auf der anderen Seite des Spektrums finden sich zwar ebenso fein gestaltete, doch von der Gangart und Klangbeschaffenheit her harsche Tracks, die mal auf düsteren Drones basieren, manchmal aber auch die Hektik eines technoiden Rhythm Noise aufweisen – so z.B. die organisch düsteren Cellodrones, die in Phers “In Evil Hour” in abgründiges Grollen übergehen oder die martialische Monumentalität voll kalter Detonationen und Kāves “Ash Industry”. Der Höhepunkt an verzerrtem Harsh Noise findet sich in Shaahin Saba Dipoles “Overtones”. Ash Koosha spielt mit filigranen Synthies und steigert diese in (intelligenteren) Aggrotech, Bescolour lässt seine originellen Rhythmen im passend betitelten “Simplexity” durch einen virtuellen Großraumclub donnern und in Aria Rostamis “Delaram” preschen die niemals zu fett gestalteten Takte so heiter nach vorn, dass es fast an eine Cheerleaderparade erinnert.

Zwischen diesen Eckpunkten sind alle denkbaren Graustufen vertreten, von filigranen Rhythmen und orchestralen Gitarrendrones über organische Rumpelkollagen bis zu Stimmexperimenten aller Art und hochfrequenten Attacken auf die Trommelfelle. Wer sich also von der Vielzahl an unbekannten Namen nicht abschrecken lässt, wird auf den vier Kassetten, die es sowohl in der Box mit dickem Booklet als auch einzeln gibt, reichlich belohnt. (U.S.)

Label: Zabte Sote