CONSUMER ELECTRONICS: Airless Space

„Airless Space“ ist so etwas wie ein Kulminationspunkt der Entwicklung von Philip Bests reaktiviertem und seit etlichen Jahren in der festen Besetzung Best, seiner Frau Sarah Froelich und Russell Haswell agierenden Noiseprojekts. Schon auf dem 2014 veröffentlichten Album „Estuary English“ gab es vereinzelt Momente, auf denen deutlich wurde, dass Rhythmus (in was für einer fragmentierten Form auch immer) zu einem Bestandteil des Klangbilds geworden war und auch der Klang insgesamt transparenter, minimalistischer wurde, man auf die brachialen Verzerrungen, die z.B. auf „Crowd Pleaser“  noch dominierten, weitgehend verzichtete. Eine stärkerere elektronisch-rhyhtmisch-technoide Ausrichtung zeigte sich auf der „Repetition Reinforcement“12”. Best selbst schien sich schreitechnisch zurückzunehmen und schließlich trat Sarah als (Co-)Vokalistin auf.

Gleich das Eröffnungsstück „Body Mistakes“ charakterisiert, was auf weiten Teilen des Albums zu hören ist: Beats, ein paar Effekte im Hintergrund, leichte Dissonanzen und dazu dann das Geschrei Sarah Froelichs. Dieses Wüten, das in jeder ausgespuckten Silbe Froehlichs („we need real choices to sin/feel it /only now / fuckdoll limp“) manifest wird, wird kontrastiert mit der doch verhältnismäßig entspannten Musik, die ohne die Vocals durchaus zum Chillen einladen könnte. „Carnage Mechanics“, auch der Titel eines demnächst erscheinenden T-Shirts, ist der erste Höhepunkt des Albums: Von einem gleichbleibenden Beat begleitet, klingt Best anfangs noch wie ein distanzierter Beobachter, der ein verstörendes Szenario entfaltet: „syria and southern turkey/impacts setting off car alarms/as men moan and twist/angles of meat/voids of skin and muscle“. Doch im weiteren Verlauf bricht seine Stimme, zittert er, scheinen die Emotionen kaum noch (er-)tragbar zu sein: „the ragged storm coming [...] survivors will self-censor/whatever the cost/in white trash bags/marked with the cross“.  Am Ende wird dann die zutreffende Diagnose gestellt: „life adapts/and grief is constant“. Vielleicht klang Best nie empathischer als auf diesem beeindruckenden Track, der wie eine Fortsetzung von „Murder The Masters“ klingt. Auf „Play Therapy“ gibt es ein Duet: Best spricht/Froehlich scheit; untermalt wird das von Passagen, die an ein Theremin erinnern und einer Rhythmusmaschine, die wie Doktor Avalanche auf der „Damage Done“-Single einer inzwischen zur Parodie verkommenen Band aus Leeds klingt: „dark, unlit homes/and abandoned stadiums/caked with anthrax/under cool grey spurts of sky/and the small everyday evils“.

Es ist vielleicht bezeichnend, dass „Afterfits“, als das einzige Stück, das mit seinem hysterischen Verzerrungen an frühere Aufnahmen anknüpft und so klingt, als sei Yamazaki Takushi zum Jammen vorbeigekommen, weitgehend ohne (verständliche) Vocals auskommt. Auf dem fast vietelstündigen „Murder of JJ“ wechseln sich Best und Froelich erneut am Mikro ab, während die Bassdrum gleichmäßig zu hören ist. Wenn Sarah auf dem von kaputten Beats durchzogenen „we the makers“ schreit: „i want to do my job the best i can/i don’t fake it/i never fake it“, dann kann man das auch vielleicht als Kommentar auf ihre Rolle in Consumer Electronics lesen. „Locust“, erneut ein Duett, ist der Track, auf dem auch Best brüllt und deutlich macht, dass es keinen besseren Power Electronics-Vokalisten als ihn gibt: „malnunutrition and shock/the low-budget/wood of the cross/riddled/stabbed and flogged“. Musikalisch erinnert der Track an Rhythm Industrial. Am Ende des Tracks wird ein weiteres verstörendes Bild gezeichnet: “kids strung in chains from giant trees/as cops pose for snapshots beneath”. Vielleicht ein weiteres “everyday evil”?

„Airless space“ ist auf textueller Ebene ein polyvalentes Werk, das sich (allzu) eindeutigen Lesarten verweigert und man hat inzwischen den Eindruck, dass viele Leser, Hörer, Zuschauer Ambivalenzen, Uneindeutigkeiten und Leerstellen nicht ertragen können und sich nach einfach(st)en (Be-)Deutungen sehnen. Für all diejenigen, die verstehen (und akzeptieren), dass gute Kunst sich nicht in solch ein Prokrustesbett pressen lässt, für den sind die 60 auf Doppel-Vinyl gepressten Minuten eine Offenbarung. (JM)

Label: Harbinger