INTERRACIAL SEX: Forced Busing

Power Electronics war von Anfng an das besonders schmutzige Kind des Industrials, nicht notwendigerweise allein wegen der monomanischen Lust an der Beschäftigung mit dem Verfemten und Verdrängten – das konnte auch die erste Industrialgeneration gut – , sondern weil Konfrontation mit dem weniger Erquicklichen und partiell Tabuisierten zusammen mit Faszination und (manchmal) Affirmation zu einer dunklen Masse verschmolz, die sich nicht mehr so einfach in ihre Bestandteile auflösen und eindeutig deuten ließ. Dabei bewirkte z.B. eine Strategie wie (scheinbare?) (Über-)Identifikation, dass man auf der einen Seite kontrovers und provokant sein konnte, gleichzeitig aber der gewählte Ansatz als Kritik am Dargestellten gelesen werden konnte.

Das nicht gerade subtil benannte Einmannprojekt Interracial Sex hat jüngst ein Tape veröffentlicht, in dem es um einen Teil der amerikanischen Geschichte geht, als versucht wurde, etwas gegen die Segregation an Schulen zu tun. Obwohl der Oberste Gerichtshof schon 1954 Rassentrennung an Schulen als verfassungswidrig eingestuft hatte, änderte sich häufig erst einmal nichts an der ethnischen Zusammensetzung vieler Schulen. Der Transport von Schülerinnen und Schülern an andere Schulen sollte dann dazu beitragen, dies zu ändern. Man mag das als historischen Schrittt auf dem Weg zur Gleichberechtigung sehen, leider zeigt sich (und das nicht nur seit dem Amtsantritt des Manns mit den kleinen Händen und der Twitterlogorrhoe), dass die Segregation an Schulen (inzwischen wieder) höher ist als früher, wenn auch aus anderen Gründen als zu Zeiten von Jim Crow.

Das Tape „Forced Busing“ will man von Labelseite verstanden wissen, als „in-depth exploration of racial desegregation in American cities“. Auf 62 Minuten werden historische Aufnahmen mit analogen, atonalen Passagen kombiniert und vermischt. Immer wieder finden sich Auszüge aus einem Report aus dem Jahre 1956 über die (Klein-)Stadt Clinton in Tennessee mit ihren 4000 Einwohnern, von denen die meisten Weiße waren und in der es Proteste gegen die Versuche gab, die Schulen zu desegregieren. Es ist schon beklemmend, wenn der Kommentator lapidar feststellt: „by tradition and custom most of [the inhabitants of Clinton] believe in seperate schools“. Dann hört man verfremdete Interviewpassagen, analoges Gebrummel und Gebrutzel, verschwommene, ineinandergehende Stimmen und brutale Noisepassagen. Die zweite Seite des Tapes beginnt mit den Worten des (weißen) Baptistenreverend Paul Turner: „[Black people, who have] of course the legal right to attend Clinton High School, had stayed home because of harassment, and hindrance and heckling and threats upon their lives“. Turner berichtet dann, wie er selbst von Protestierenden attackiert wurde. Eine (weiße) Frau sorgt sich um den Verfall der Hauspreise, sollten mehr „colored“ Familien einziehen, und auf die Frage, warum andere Bewohner Clintons Integration unterstützen, antwortet sie nur: „Frankly, I don’t know what reason they can have for it.“ Sie möchte alles tun, um diese Familien wegzubekommen, „legally and peacefully“ [sic].

Es ist interessant, wie unterschiedlich die Rezeption dieses Tapes ausfällt. Meinte ein User im Special Interests-Forum (man muss fürchten anerkennend) „pretty brave for an artist to advocate for school segregation in this day n’ age.“, wurde im Wire attestiert: „[The tape is an] hour-long reminder that the past is prologue“. Letztlich ist “Forced Busing” ein mehr als beklemmender Tonträger, auch weil man sich in einem Akt des Zeitreisens vorstellen könnte, dass der gegenwärtige POTUS bzgl. Clinton gesagt hätte, dass auf jeder Seite “very fine people” seien.(JM)

Label: New Forces