REVEREND CLAIRE: Medjugorje

Das Projekt Reverend Claire beschäftigt sich auf „Medjugorje“ mit dem titelgebenden Ort im ehemaligen Jugoslawien (und heutigen Bosnien-Herzegowina), an dem einer Reihe Jugendlicher 1981 angeblich die Jungfrau Maria erschien. Im Gegesatz zum portugiesichen Fátima (dem sich u.a. sowohl Current 93 als auch The Legendary Pink Dots widmeten) erscheint Maria dort fast täglich oder wöchentlich. Inzwischen hat es wohl um die 50000 Mitteilungen gegeben und damit schlagen die Weisheiten der Gottesmutter den Wetterbericht von David Lynch – zumindest quantitativ.

Oftmals lässt sich bei instrumentaler Musik der konzeptionelle Überbau nur sehr begrenzt (respektive mit viel gutem Willen) erkennen, Reverend Claire machen auf ihrem Tape allerdings ausgiebig Gebrauch von Sprachsamples, wie schon beim Eröffnungstrack „Our Lady Of Medjugorje” deutlich wird: Hier finden sich längere Interviewpassagen – offenbar mit einem Pilger, der behauptet: „God is there for me. He is.“ Untermalt wird das von verzerrtem Gebrutzel und einem Melodieloop. Wenn der Sprecher meint: „I felt a strong desire to go there“ und von „peace and quiet“ redet, fiept als Kontrast dazu die Elektronik, stampft der Noise. Auf „Mirjana“ kommt offensichtlich eine Seherin selbst zu Wort, spricht davon, wie die Polizei sie damals zu kommunistischen Zeiten festgenommen habe. Hier brummen im Hintergrund die Dissonanzen. Die Noiseelemente auf „Apparition Hill (Meghan’s Story)“ sind wesentlich stärker im Vordergrund, begraben die Sprecherin fast, sodass man auf den 11 Minuten „Meghans Geschichte“ nur erahnen kann. Bei „Radio Maria“ hört man Stimmen, Hunde bellen und sakraler Frauengesang wird mit hochfrequenter fiepsender Elektronik kombiniert, der Sängerin/Seherin wird gratuliert („you got me crying“), dann setzt eine brutale, unruhige Noisewand ein. „Dear Children! Pray! Pray!“ scheint primär aus der Tonspur einer Dokumentation eines offenbar britischen Senders zu bestehen, während die atonalen Elemente im Hintergrund bleiben.

Die Destruierung und Entauratisierung des (vermeintich) Heiligen geschieht hier einerseits durch die in Titeln, Artwork und Samples stattfindende (Über-)Affirmation. So in etwa wie bei Mike Dandos Sermon-Serie („Seven reasons why I love my saviour Jesus Christ“) und andererseits durch die Kontrastierung der Scharlatanerie mit allgemein als dissonant wahrgenommener Musik, die wahrscheinlich von den wenigsten der hier gesampelten Sinnsuchenden goutiert würde.

Übrigens: Der Vatikan erkennt Medjugorje als Wallfahrtsort nicht an. Insofern wird man den Kanzlerkandidaten, der schon einmal Klausuren verliert, dort wahrscheinlich nicht finden, aber wer weiß: Vielleicht gefällt es seinem Büroleiter dort.  (MG)

Label: Orb Tapes