YUKO ARAKI: IV

Wie in den meisten Musiksparten hat sich auch in der Welt des Noise, die eigentlich nicht unbedingt eine Musiksparte sein wollte, ein konservatives Element herausgebildet, eine Tendenz, bekannte und gewohnte Strukturen zu reproduzieren, zu überbieten oder allenfalls noch zu variieren.

Seit jeher, vor allem aber in den jüngeren Dekaden, gab es innovative Künstlerinnen und Künstler, die die Strukturen des Noise und noisenaher Musik in neue kreative Bahnen lenkten und mit der Zeit auch die entsprechende Aufmerksamkeit von szeneübergreifenden Medien und Hörergruppen ernteten. Da die größeren Medien sich dabei vor allem auf vermarktbare Acts stürzten und diese entsprechend popularisierten, lies die Kritik und der Hipstervorwurf aus den puristischen Schmollwinkeln nicht lange auf sich warten, und aus dem Munde von unbekannteren, vielleicht übergangeneren Künstlern konnte sich diese Kritik dann zumindest dem Anschein nach eine gewisse moralisch-ästhetische Überlegenheit attestieren. Die Frage, ob Noise im gegenwärtigen Moment museal sein will oder aber die Unbestimmtheit eines lebendigen Prozesses für sich beansprucht, wird vermutlich ganz anders beantwortet werden, je nachdem in welcher Bubble man sich aufhält. Aus einer Totalen betrachtet schien all das zuletzt etwas im Sande zu verlaufen.

Die japanische Noise- und Experimentalmusikerin Yuko Araki, über deren bisherige Soloalben wir bereits berichteten und die nebenbei noch in einer schwer klassifizierbaren 5th World Prog-Band spielt, wird sicher nicht die Welt des gepflegten Lärms komplett vom Kopf auf die Füße stellen, ihr neues Album, recht lakonisch “IV” nummeriert und von einer unprätentiösen Kompaktheit, könnte der Diskussion aber durchaus neuen Stoff geben und das Thema wieder auf die Tagesordnung bringen.

Wenn man in “IV” eines ziemlich schnell lernen kann, dann dass Entgrenzung und Intensität nicht von Plan- und Strukturlosigkeit abhängen müssen, denn vieles erscheint in den sechs Stücken als gut abgemessen und genau am richtigen Platz. Beim eröffnenden “‡Magnetar” gerät die von spannungsgeladenen Pauken vorangetriebe verzerrte Klangkulisse nie überbordend, stets wird ein gewisser Minimalismus gewahrt und doch ändert das nichts an der aus allen Ritzen des Soundmaterials quellenden Infernalik, die Arakis forschen proklamatorischen Vocals, die auch in einen HipHop-Refrain gepasst hätten, zusätzliche Energie verleihen. Manche Stücke, wie das folgende “‡Otiron”, scheinen ihre Kraft aus der ständigen Veränderung zu schöpfen: startet das Stück eher mit einen gewissenen Minimalismus wahrenden gebrochenen Rhythmen und evokativen Rextrezitationen, so kippt das ganze irgendwann in eine Orgie aus quietschenden Sounds, die vielleicht ebenfalls auf verfremdeten Stimmaufnahmen basieren. Gebrochene Rhythmen leiten über in ein zerfranstes Szenario, in welchem das Stück unter mysteriösem Stimmengemurmel seine eigene Implosion feiert.

Nach den von Eispickeltakten und aufwühlendem Gemurmel durchzogenen Reibeflächen von ”‡Damantoid” geht es in “Gravitational Collapse” zunächst in verzerrte Ambient-Gefilde, die einen zu einer von Noisegebruzzel begleitenden Talfahrt einladen. Doch auch hier ereignet sich wieder ein rasanter Szenenwechsel, wenn rhythmische Strukturen und alarmierende Synthiesirenen das Bild auswechseln. Während “†White Petals” mit seiner monumentalen Rauheit und seinen gebrochenen Takten im Midtempo eine starke Spannung und zugleich eine gewisse Aufgeräumtheit wahrt und dabei das Potenzial zu einem dunklen Clubhit hat, ist “†VCR8″ mit seinen trötenden und schmatzenden Retrosounds schon um einiges näher am Kontrollverlust, der sich im finalen “†Sloshing” dann endgültige Entladung verschafft: Vor der Kulisse eines eher flächig psychedelischen Noise presst der zweite Gastvocalist Taichi Nagura von der zahlreiche extreme Musikarten verknüpfenden Band Endon stoßweise seine infernalischen Schmerzensschreie samt Lunge und weiterer Organe heraus. Dass die Stimme dabei kaum an den vorderen Bühnenrand dringt sondern eher zu einem Teil der Lärmkulisse wird, wirkt fast wie ein finales Statement.

Yuko Araki hat mit “IV” etwas geschaffen, das viele immer noch als paradox betrachten, nämlich einen feinsinnig gestalteten Kraftakt von entgrenzter Intensität, bei dem kein überflüssiges klangliches Material verbraten wird und dem es vergönnt sein sollte, von Freunden des Lärms ganz unterschiedlicher Prägung gehört zu werden. Wer diese Musik in unseren Breiten live erleben will, dem sei diese Tour ans Herz gelegt. (U.S.)

Label: Room40