Wie wenige andere Künstler verfolgt der in Neuengland ansässige Lundvall seine Vision(en) auf eine Weise, die mit konsequent nur unzureichend beschrieben ist, denn sowohl visuell als auch musikalisch ist seine Handschrift sofort zu erkennen, erschafft er Bilder und Alben, denen in ihren somnambulen Charakter immer eine gewisse Ambivalenz innewohnt, sind sie doch numinos, scheinen sie dem Hörer bzw. Betrachter oftmals gleichzeitig sowohl ein Gefühl der Geborgenheit als auch des Unheimlichen zu vermitteln. Wenn man soweit geht zu sagen, dass seine bevorzugte Jahreszeit der (ewige) Herbst ist, so könnte man vielleicht von dem Zwielicht als von seiner bevorzugten Tageszeit sprechen, ein Zwielicht, in dem (manchmal) Figuren (ver)einsam(t) in der Landschaft stehen, treten sie in Gruppen auf, tragen sie meistens Masken, sind zwielichtige Geschöpfe. Weiterlesen
Archiv des Autors: Michael
ALBATWITCHCRAFT: GAS!
Auf Crow Tongues „The Red Hand Mark“ hatte Timothy Renner auf „Ypres“ das Grauen des trench warfares besungen, den Schrecken des Ortes, an dem zum ersten Mal Giftgas eingesetzt wurde, in dem Krieg, der im englischen Sprachraum noch immer (durchaus doppeldeutig) The Great War genannt wird. In dem Text beschwor Renner ein Grauen voller von Schrapnellen zerfetzten Eingeweiden, eiternden Wunden und grinsenden Schädeln, das nicht anders zusammenzufassen war als mit den Worten „Death ahead, madness behind“. Weiterlesen
ALBATWITCH: Only Dead Birds Sing Over the Graves of Fallen Kings
Timothy Renner ist ruhelos. Obwohl die Wiederbelebung von Stone Breath vor einigen Jahren zu einer ganzen Reihe hervorragender Alben geführt hat, findet er immer wieder Zeit für Nebenprojekte. Politisch im eigentlichen Sinne konnte man Renners seit Mitte der 90er entstandenes Werk bislang nie nennen, viel eher waren all seine Bands und Projekte oftmals Widerspiegelungen einer spirituellen Weltsicht. Wenn überhaupt, dann könnte man sagen, dass seine Labelarbeit, seine sich dem Mainstream und marktstrategischen Überlegungen und Berechnungen weithin verweigernde künstlerische Tätigkeit und das kaum jemals auf sicheren Pfaden Verweilende („I took the [road] less travelled by“ könnte man in Anlehnung an Robert Frosts wohl berühmtestes Gedicht schreiben) natürlich für sich genommen schon ein Statement, eine klare Positionierung sind (eine ähnliche Überlegung wurde jüngst im Wire bezogen auf Wolf Eyes geäußert). Weiterlesen
REGGIE OLIVER: Virtue in Danger
Der auch als Schauspieler tätige Reggie Oliver ist als Autor nicht auf eine Gattung beschränkt: Ursprünglich Dramatiker, verfasste er eine Biographie seiner Tante – der Autorin Stella Gibbons -, dürfte allerdings einigen der Leser unserer Seiten durch seine in inzwischen mehreren Bänden gesammelten unheimlichen Geschichten bekannt sein, die weniger durch Drastik auffallen als vielmehr in der Tradition britischer Geistergeschichten stehen und einen Autoren zeigen, der ein begnadeter Stilist ist, Figuren scharf zeichnen kann und ein Ohr für Dialoge hat. Weiterlesen
TREPANERINGSRITUALEN: The Totality of Death
Das nach einer archaischen Methode Schädel zu operieren (eine Abbildung der Prozedur findet man auf dem „Ritualer, Blot & Botgöring“-Tape) benannte Einmannprojekt des Schweden Thomas Martin Ekelund sorgt mit dieser Zusammenstellung von (bis auf wenige Ausnahmen) schon veröffentlichten Stücken bewusst für leichte Verwirrung, veröffentlichen die beiden Label Silken Tofu und Malignant zeitgleich zwei gleich betitelte CDs, deren Artwork sich nur minimal unterscheidet, die allerdings völlig andere Stücke enthalten. Bei dieser Rezension wird es um die CD auf Silken Tofu gehen. Weiterlesen
COH: Retro 2038
Schon in einem Interview, das ich vor einigen Jahren mit Ivan Pavlov führte, sprach er davon, „mit nichts [zu] beginnen und mit einem Chaos aus Klängen [zu] enden“, bezeichnete den Computer als ein Instrument, das „größere Freiheiten [als konventionelle Instrumente ]“ biete und unterstrich damit fortwährend das Schöpferische seiner Tätigleit. Zudem wurde im Gespräch immer wieder deutlich, mit welcher Begeisterung der gebürtige Russe Klänge erzeugte – „Method As Fun“ heißt ein Track auf „Retro 2038“ dann auch passenderweise und im Innern der CD-Hülle finden sich folgende Worte: „Contains no instrument samples, patches or other Additives 100% hand-made computer sound“. Weiterlesen
ANEMONE TUBE: The Transfiguration Of The Image
Das Tape erlebt (insbesondere im (Post-) Industrial) als Tonträger eine gewisse Renaissance. Das liegt sicher an zweierlei. Zum einen ist es eigentlich das umständlichste Medium, dem gleichzeitig die „tactile pleasure of so-called obsolete media“ (David Keenan), die Vinyl innehat, fehlt und somit auf gewisse Weise sicher die anachronistisch-trotzigste Positionierung gegen das Nullmedium MP3 in all seiner Seelenlosigkeit ist. Zum anderen ermöglichten es Tapes in der Frühzeit experimenteller Musik auch Loops und Protosamples zu kreieren. Weiterlesen
LUSTMORD: The Word As Power
Worte und Wörter haben im bisherigen Oeuvre Brian Williams’ – zumindest musikalisch – lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt. So war die Stimme anfangs nur eine weitere Klangquelle inmitten des industriellen Schabens und Dröhnens, fand später dann Einsatz als Sprachsample (am deutlichsten durch den extensiven Gebrauch von Samples aus Tourneurs „Night/Curse of the Demon“ auf „The Monstrous Soul“) oder tauchte kurz als Choralsample (auf „Carbon/Core“) auf. In den Booklets wurden zudem (finstere) Stimmungen evoziert, (dunkle) Örtlichkeiten beschworen: Man fand sich unter „bones of men“, sah „the crumbling of idols“ oder „an eternal shadow“, befand sich in „the cold waste“, „cyclopean vistas“oder „strangest eons“, alles – natürlich – „within darkness“. Weiterlesen
Schleifengesänge: Damo Suzuki mit Kamakiri, 5te Kraft und Ai am 15. Juni im Musikzimmer in Düsseldorf
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Damo Suzuki, über weite Teile Künstler einer unverwüstlichen Musik unter der Fahne CAN, an einem Abend mit drei Bands im Musikzimmer auftritt und der erste Teil äußerst bizarr wirkt. Kamakiri, japanisches Duo, bieten etwas dar, das sich wie eine Parodie von Experimentalmusik manifestiert, zahllose „Hurz!“ Augenblicke aneinandergereiht. Zwischen völligem Dilettantismus und zugleich seriöser Miene oszillieren sie; da halte ich mir bei der Betrachtung den Bauch vor Lachen. Meinen die das ernst? Weiterlesen
CINDYTALK: A Life Is Everywhere
Nicht wenige Bands der Postpunk-Ära kommen als lebende Tote zurück, zwängen sich in schwarze Klamotten, helfen vielleicht noch mit Kajal nach, um einen Auftritt auf dem jährlich in Leipzig stattfindenden Szenekarneval zu ergattern; Cindytalk gehen schon seit Jahren ihren eigenen (sehr eigenständigen) Weg und haben sich klanglich dabei (wieder einmal) neu erfunden. Die Elektronik, die das letzte verbliebene Mitglied Gordon Sharp seit einigen Jahren passenderweise auf Editions Mego veröffentlicht, lotet aus, was im Spannungsfeld von Mensch und Maschine klanglich alles möglich ist. Weiterlesen
IN GOWAN RING: The Glinting Spade (Re-Release)
Der amerikanische Folktroubadour B’ee, dessen größte Konstante wohl sein unstetes Wanderleben ist, hat sich in der Vergangenheit nie endgültig zwischen seinen beiden Inkarnationen Birch Book und In Gowan Ring entschieden, beide „Gruppen“ scheinen wohl auf Langzeit nebeneinander zu bestehen. Zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Projekte ist viel gesagt worden, auch in unserem Interview mit dem Musiker wurde über die eher amerikanische und zugleich sehr erdverhaftete Grundierung Birch Books und die vergleichsweise europäische, abstrakte und zugleich weltentrückte Ausstrahlung des älteren Projektes In Gowan Ring gesprochen, ebenso über eine Entwicklung, die beides miteinander zu verbinden schien. Weiterlesen
Tara handles the earth elements, I handle the fire elements. Ein Interview mit Clay Rendering
Mike Connelly ist aus der amerikanischen Noiseszene nicht wegzudenken und zahlreich und zahllos sind seine Bands und Projekte: Mit Hair Police oder bis kürzlich noch mit Wolf Eyes erzeugt er Grenzen und Ohren sprengende atonale Musik und auf seinem Label Gods of Tundra veröffentlicht er alle nur denkbaren Formate und Musiken. Er kann aber auch weniger brachial und mit seiner Frau Tara, die u.a. als The Pool at Metz aktiv ist, hat er als The Haunting zurückhaltendere, atmosphärisch dichte Alben herausgebracht. Das jüngste Projekt der beiden, Clay Rendering, orientiert sich Weiterlesen
WILLIAM BASINSKI: Nocturnes
Fast immer sind William Basinskis Arbeiten (auch) Meditationen über das Wesen der Zeit und der Vergänglichkeit, die dem Hörer aber – zumindest für die Dauer der jeweiligen Komposition – das Gefühl geben aufgehoben, der Tyrannei der Zeit entzogen und entrissen zu sein – trotz oder gerade wegen des melancholischen Charakters der Musik. Etwas, das dem inzwischen in Los Angeles ansässigen Basinski mit „Nocturnes“ erneut gelingt. Weiterlesen
Zeitlos frei: Ai im FFT Düsseldorf am 24.05.2013
Ai fliegen unter dem Radar, noch. Die wichtigste Frage für eine Band ihres Formats, letztendlich: Kann eine Band wie Ai, deren Einflüsse des Soundentwurfs doch recht offen daliegen, mit ihrer Musik trotzdem überzeugen, auf Platte wie bei einem Konzert? Ist da mehr als nur eine Retroschleife, die gerade heute ausgiebig überstrapaziert wird? Erstere Aufgabe ist vorerst aufgeschoben; noch liegt außer einem Compilationbeitrag bei dem kleinen Düsseldorfer Label Slowboy nichts Amtliches vor. Das ist bedauerlich, denn ihr Konzert gelingt – von kleinen Abstrichen abgesehen – mit Bravour. Weiterlesen
HAUS ARAFNA: All I Can Give 7″
Haus Arafna haben durch Namensgebung und Themenwahl immer wieder auf die unschönen Seiten der menschlichen Natur hingewiesen, ganz so, als wollten sie zeigen, dass Blut das „sprachgewandte Säugetier“ wie ein Ariadnefaden durch den Irrgarten der Geschichte führt. Musikalisch wurde das anfangs („Sex U Mas“-EP, „Blut“) durch brachial-rabiate analoge Klänge illustriert, die aber im Laufe der Jahre immer mehr durch reduziertere, melodischere Momente ergänzt und teilweise ersetzt wurden, die von der Band selbst – in Anlehnung an SPKs „Walking On Dead Steps“ – als Angst Pop bezeichnet wurden; Weiterlesen
HERMANN KOPP: Zyanidanger
Als im Jahr 2008 das Album „Under a Demon’s Mask“ von Hermann Kopp auf Galakthorrö veröffentlicht wurde, verwiesen die Referenzpunkte (u.a. Huysmans und Bataille) auf sein Interesse an der Transgression und auch schon seine Arbeiten an drei (von vier) Langfilmen Jörg Buttgereits machten deutlich, dass Kopp sich gerne dem Abseitigen, Morbiden, Heterogenen (Bataille) widmete. Das zweisprachige Portmanteauwort, das dem neuen Album seinen Titel gibt, macht das erneut deutlich. Inspiriert wurde „Zyanidanger“ von dem im 19. Jahrhundert veröffentlichten Werk Die Geschichte der Chemie des deutschen Chemikers, mit dem der Künstler seinen Namen teilt und das in Braunschweig veröffentlicht wurde. Koinzidenzen überall. Weiterlesen
ANEMONE TUBE AND DISSECTING TABLE: This Dismal World
Ebenso wie die letzten hier besprochenen Veröffentlichungen von Anemone Tube ist auch diese Split-LP mit Dissecting Table stark konzeptionell ausgerichtet: So geht es auf dem Album um die vier edlen Wahrheiten, die das Fundament des Buddhismus darstellen. Diese lauten, dass das Leben leidvoll ist (vgl. den Titel des Albums), dass die Ursachen für dieses Leid(en) u.a. Hass und Gier sind, die Auflösung dieser Ursachen das Leiden zum Erlöschen bringen kann, und dass man dies durch den edlen achtfachen Pfad schaffen kann. Weiterlesen
PHARMAKON: Abandon
Auch wenn Industrial von Anfang an Grenzen überschritten hat – die Transgression vielleicht sogar das bestimmendste Merkmal war – und wenn ein Viertel der Gründungsband weiblich war, so ist Industrial dennoch immer primär ein Phänomen weißer Männer gewesen – sowohl auf Seiten der Produzenten als auch Rezipienten. Das führt natürlich dazu, dass oftmals in besonderem Maße hervorgehoben wird, wenn eine Künstlerin sich an extremer elektronischer Musik versucht, so auch im Falle von Pharmakon, dem Projekt der 22-jährigen in New York ansässigen Margaret Chardiet, die trotz ihres jungen Alters schon seit einigen Jahren aktiv ist: So war sie ein Gründungsmitglied des Weiterlesen
CHARLEMAGNE PALESTINE + Z’EV: Rubhitbangklanghear Rubhitbangklangear
Unter den Minimalisten ist Charlemagne Palestine sicher derjenige, der im etablierten und institutionalisierten Musikbetrieb weniger als seine Kollegen wahrgenommen wird. Die Auftritte und Aufnahmen Palestines hatten bzw. haben – nicht nur wegen dem Moment des Repetetiven (der sich auch im Titel widerspiegelt) – (auch) immer einen gewissen rituellen Charakter, etwa wenn z. B. die Stofftiere aus der extensiven Sammlung Palestines auf der Bühne drappiert wurden (vgl. die Rückseite der CD) und er sich den obligatorischen Cognac (der hier das Cover ziert) einschüttete. Und auch Z’EV hat sich sowohl musikalisch Weiterlesen