BLACK SUN PRODUCTIONS: Toilet Chant

Vor rund vier Jahren gab die Schweizer Musik und Performance-Gruppe Black Sun Productions ihre Auflösung bekannt, um fortan in anderen Projekten aktiv zu sein, jüngst erfuhr man, dass die Mitglieder Massimo und Pierce wieder ihren alten Namen Anarcocks benutzen. Rückblickend muss man sagen, dass sie ein ungewöhnliches und bemerkenswertes Phänomen waren, denn ihre Nähe zu Coil war mit keinem anderen mir bekannten Fantum vergleichbar: Ihnen fehlte das Verdruckste, gewollt eigenständige, das Bemühen, jemand anderes zu sin und zugleich unter den Teppich zu kehren, dass es diesen anderen schon Weiterlesen

OREN AMBARCHI / MASSIMO PUPILLO / STEFANO PILIA: Aithein

Es gibt in der etwas abstrakteren Musik ein paar Motive, die nie langweilig werden, vorausgesetzt sie gelingen. Eines davon ist die mit vielen kleinen Spannungsmomenten in der genau richtigen Unbestimmtheit gehaltene Steigerung von Intensität und Klangfülle, die sich – ausgehend von einem eher zaghaften Bündeln von Energie – an einem eruptiven Höhepunkt entlädt und ein ungewisses Nachspiel einleitet. Da denken manche an Aristoteles und die klassische Tragödie, fröhlichere Zeitgenossen vielleicht an Sex, wieder andere an Weiterlesen

NIEDOWIERZANIE: Atalante

In den letzten Jahren ist Leo Maury mit Niedowierzanie und diversen Zusammenarbeiten äußeres produktiv gewesen, und man kann sich den introvertierten Kauz gut in einem abgedunkelten Appartement vorstellen, wo er zwischen Weltschmerz und Hyperaktivität ständig an neuer Musik bastelt. Was dabei herauskommt erreicht immer wieder den Umfang und die Stimmigkeit eines Albums putty download , anderes dagegen bleibt Einzelphänomen und landet vielleicht auf seiner Soundcloud. Die Aufnahmen, die vor kurzem unter dem Titel „Atalante“ auf Bandcamp erschienen sind, entstanden vor Weiterlesen

AND ALSO THE TREES: Born Into the Waves

Als Andrew Eldritch 1993 nach seiner Supportshow für Depeche Mode in London das Set der Sisters of Mercy getreu dem Motto “bite the hand that feeds you” mit dem Ausruf „Enjoy the puppet show“ beendete, da wusste er vielleicht noch nicht, dass er im Jahre 2016 zwar nicht als Marionette, aber bestenfalls als Zombie mit zerfressenen Stimmbändern Karaokeshows mit T-Shirt-Verkauf abliefern würde. Schaut man sich die Setlists von The Cure -die es in den letzten 24 Jahren auf gerade einmal vier (mediokre) Studioalben gebracht haben- an, dann fällt auf, dass sich die Songauswahl stark an den bis zu den frühen 90er Jahren veröffentlichten Alben orientiert, ganz so, als sei man sich bewusst, dass die musikalisch großen Zeiten vorbei sind.  Weiterlesen

V.A.: This Is Kologo Power!

Das in Ghana populäre Kologo ist ein sehr altes Instrument, hat etliche Verwandte in weiteren westafrikanischen Ländern und gilt als einer der Vorläufer des amerikanischen Banjo. Zwei Saiten über einen mit Ziegenfell bespannten Resonanzkörper gespannt erzeugen einen hellen und zugleich erdigen Klang und brachten seit Jahrhunderten lokale Musiker dazu, den fast unvermeidlichen Minimalismus in etwas Hypnotisches zu sublimieren. Seit ein paar Jahren erfreut sich das Instrument einer neuen Beliebtheit und ist geradewegs dabei zu einem Pop-Phänomen zu werden. Weiterlesen

MATT ELLIOTT: The Calm Before

Es macht überhaupt nichts, dass Matt Elliotts Gitarrenspiel immer etwas improvisiert und sprunghaft wirkt, auch nicht, dass seine gesamte Instrumentierung manchmal einen spontan zusammengezimmerten Eindruck macht und er sich auch beim Gesang ein paar Nachlässigkeiten erlaubt – nicht nur weil das an sich schon ganz charmant sein kann, sondern weil er stattdessen über eine ganz andere Qualität verfügt: Elliott ist ein Meister der ungreifbaren Stimmungslagen, die ihre verschiedenen Nuancen oft erst nach mehrmaligem Hören entfalten. Weiterlesen

THE DWARFS OF EAST AGOUZA: Bes

Eine Band, die aus Sam Shalabi, Alan Bishop und Maurice Louca besteht, nennt sich natürlich nur höchst ironisch Dwarfs, denn musikalisch sind die drei, die sich vor einigen Jahren eine Wohnung im Kairoer Bezirk Agouza teilten, alles andere als Zwerge. Eigentlich gab es in der Zeit gerade genug zu tun. Bishop hatte mit den Invisible Hands gerade einen würdigen Nachfolger für die Sun City Girls ins Leben gerufen, Shalabi arbeitete emsig mit dem Land of Kush-Kollektiv und Louca, der wahrscheinlich schon Ideen zu seiner künftigen Band Alif ausbrütete, hatte gerade sein Solodebüt in den Regalen stehen. Weiterlesen

PUCE MARY: The Spiral

Die Dänin Frederikke Hoffmeier, die sich als Puce Mary (inhaltlich wie musikalisch) extremeren Formen elektronischer Musik widmet, erinnert , was ihre Rezeption durch die Medien anbelangt, etwas an die auch auf diesen Seiten rezensierte Margaret Chardiet (Pharmakon), denn auch Puce Mary hat schon ihre Nobilitierung durch Besprechungen und Interviews in Magazinen abseits des „Special Interests”-Forums erfahren, was dazu geführt hat, dass in The Wire (Invisible Jukebox, Februar 2016) plötzlich Namen auftauchen Weiterlesen

REVOLUTIONARY ARMY OF THE INFANT JESUS: Beauty Will Save The World

Auch in deutschen Szenemagazinen tauchte zu Beginn der 90er hin und wieder die Band mit dem einprägsamen Namen Revolutionary Army of the Infant Jesus auf, und alles was man über das mysteriöse Projekt erfuhr, war, dass die Musiker aus Liverpool kamen und – für eine britische Band, die Musik mit Bezug zu rituellem Dark Folk spielte, eher untypisch – nichts mit dem Dunstkreis des World Serpent-Vertriebes zu tun hatten. Bei genauerem Hinhören musste man bei aller Liebe auch einräumen, dass RAIJ tatsächlich so manches, was schon damals im Neofolk verkultet wurde, in Sachen Weiterlesen

MAGDA MAYAS: Terrain

Magda Mayas zählt sicher zu den derzeit renommiertesten Vertreterinnen der Inside Piano-Techink, des improvisierenden Auslotens der Möglichkeiten, die ein geöffneter Klavierkasten bietet. Obwohl sie durchaus mit Kontaktmikros und Amplifier arbeitet, dominiert bei ihr meist ein akustischer Klangeffekt, so auch über weite Passagen ihrer soeben erschienenen LP “Terrain”, ein aus zwei längeren Tracks bestehendes Album, bei der auch ihr zweites Lieblingsinstrument, das Clavicord zum Einsatz kommt. Weiterlesen

FRANK BENKHO: The Revelation According To Frank Benkho

Frank Benkho, der eigentlich Mika Martini heißt, hat mit seiner Offenbarung bereits vor zwei Jahrne begonnen, als er in seinem Heimstudio in Santiago de Chile einmal mehr seinen Vorlieben für altes analoges Equipment fröhnend die vier geheimnisvollen Tracks in Echtzeit improvisierte. Die vollständige Offenbarung, deren Details man je nach eigenem Strickmuster durchaus apokalyptisch interpretieren könnte, erblickt natürlich erst nach einem langwierigen Prozess des Be- und Überarbeitens „in tranquility“ das Licht der Welt. Weiterlesen

RUSALNAIA: s/t

In den Jahren nach 2000 verbrachte die englische Ausnahmesängerin Sharron Kraus einige Jahre in den USA, um als an englischen Traditionen geschulte Musikerin amerikanische Spielarten des Folk kennen zu lernen und neue Kontakte zu knüpfen. Schnell fand sie Anschluss an eine kleine Szene in Philadelphia, wo im Umfeld von Greg Weeks’ Language of Stone-Label und den Hexham Head Studios gerade interessante Folkgewächse aus dem Boden schossen. Weiterlesen

ARBRE DU TÉNÉRÉ: Quando gli Uomini Adoravano la Luna

Irgendwann in Jahr 1973 rammte ein betrunkener Lastwagenfaher einen Baum in der Region Ténéré im südlich der Sahara gelegenen Staat Niger. Sicher ist am gleichen Tag in China der eine oder andere Sack Reis umgefallen, aber mit dem Baum starb – beinahe – ein regionaler Mythos. Die Akazie, die der Trucker zu Fall brachte, stand dort einige Jahrhunderte und war der Überlieferung nach der einzige Baum im Umkreis von vierhundert Kilometern, diente lange als Wegweiser für Karawanen und galt in der Folklore der Einheimischen als Weiterlesen

IVAR GRYDELAND: Stop Freeze Wait Eat

Wenn man hört, dass ein Album das Ergebnis einer PHD-Arbeit ist, klingt das erst einmal nach Kopfgeburt und wenig Hörgenuss, was natürlich Quatsch ist, wie einem meist schon unmittelbar bewusst wird, denn eine wichtige Projektarbeit kann ebenso gut ein Garant für Gründlichkeit, Konzentriertheit und leidenschatliche Anstrengung sein. Der Norweger Ivar Grydeland, in der Vergangenheit aktiv in diversen Improv- und Rockbands wie Huntsville, Finland und Dans Les Arbres, stellte in seiner Abschlussarbeit (und somit im Album „Stop Freeze Wait Eat“) die Frage nach Weiterlesen

FURSAXA: Immured

Als vor sechs Jahren Tara Burke unter ihrem Projektnamen Fursaxa auf ATP Records „Mycorrhizae Realm“ veröffentlichte, da war das das bislang fertigste, eventuell auch (im weitesten Sinne) zugänglichste, weil songorientierteste Album. Ein Album, das so klang, als habe eine die Bezeichnung Weird Folk verdienende Band sich entschieden, sich nicht an der glasklaren Stimme von Comus‘ Bobbie Watson zu orientieren, sondern eine Wiedergängerin Nicos als Chanteuse auszuwählen: „Was Stimmung wie Stimme anbelangt, könnte man fast soweit gehen und sagen, dass Fursaxa näher Weiterlesen

SKREI: Önämuumänö

Ich weiß nicht, ob der Name SKREI etwas bedeutet oder ob das seltsame Palindrom des Titels aus eine ugro-finnischen Sprache stammt, hinter dieser geballten Ladung sprachlicher Obskurität jedenfalls verbirgt sich der in Berlin ansässige Neopolitaner Giuseppe Capriglione, der bereits auf eine ereignisreiche Zeit im weiten Feld zwischen Gitarrendrone, Improv und Harshnoise zurückblicken kann – als Betreiber von rührigen Tape- und Vinyl-Labels, als Veranstalter von Konzertreihen und mit eigenen Musikprojekten wie Gun, Gunzard und Weiterlesen

RAPOON: Blue Days

In den letzten Jahren haben sich zwei Entwicklungslinien im Werk von Robin ‘Rapoon’ Storey herausgebildet. Während der frühere Zoviet France-Musiker in einigen Arbeiten seine rituell-ambiente Seite in langsam aufbauenden Kompositionen primär auf Wirkungsintensität ausrichtet, gibt es seit einiger Zeit vermehrt Veröffentlichungen, denen man nur im weitesten Sinne Albumcharakter attestieren kann, die eher Sammlungen von Skizzen sind, bei denen man als Hörer oft nicht umhin kann, sich die einzeln vorgeführten Sounds in größeren konzeptuellen Zusammenhängen vorzustellen. Weiterlesen

FUTEISHA: Sulla Via Del Re Nel Ritorno

Juan Scassa ist einer der Mannen von La Piramide Di Sangue und hat vor gut einem Jahr mit seinem Soloprojekt Futeisha debütiert. Mit dem Album „Dannato” wäre er vermutlich als spätes Wunderkind des Neofolk gefeiert worden, wenn es bei einem entsprechenden Label herausgekommen wäre, denn solche Kriterien sind mittlerweile der am ehesten ausschlaggebende Faktor für Genrezuweisungen dieser Art – vorausgesetzt man besingt die entsprechenden Themen und lässt, wenn man aus Italien kommt, ab und an ein Akkordeon im Weiterlesen

MATS ERLANDSSON: Valentina Tereshkova

Das Schweigen der unendlichen Räume des Alls ließ schon Pascal erschau(d)ern und ein österreichischer Misanthrop setzte diese berühmten Worte aus den Pensées des Franzosen vor seinen Roman Verstörung. Hollywood hat sich in den letzten Jahren (wieder) vermehrt dem Weltraum zugewendet: Alfonso Cuarón hat mit Gravity dem Zuschauer zumindest kurzzeitig verdeutlicht, was man (auch) unter der Geworfenheit des Menschen verstehen kann, um dann allerdings durch das obligatorische (und wohl notwendige) against-all-odds happy ending Konsequenz vermissen zu lassen, Weiterlesen