Das Wort Multiinstrumentalist wird etwas zu häufig verwendet und wirkt entsprechend prätentiös, impliziert es doch, dass jemand eine Vielzahl an Instrumenten gleichermaßen beherrscht und regelmäßig spielt. Emil Amos ist in erster Linie Drummer, ein ziemlich renommierter sogar. Seine bekannteste Band Grails wäre ohne seine Handschrift kaum denkbar, und dass er in Al Cisneros’ idiosynkratischem OM-Kosmos das schwere Erbe Chris Hakius’ anzutreten versteht, spricht ebenso sehr für ihn. Und damit sind längst nicht all seine musikalischen Allianzen aufgezählt. Sein Soloprojekt Holy Sons Weiterlesen
Archiv der Kategorie: Reviews
DUCHAMP: Nar
Zu den interessantesten Effekten statischer Geräusche, sei es Summen oder Rauschen, zählt die Illusion von Zeitlosigkeit, die sich zwangsläufig irgendwann einstellt, wenn man einem solchen Klang die angemessene Konzentration entgegenbringt und zulässt, ganz in ihm aufzugehen. Vielleicht trug dies ja, zusammen mit dem körperlichen Gefühl angenehmer Vibration, dazu bei, dass Federica alias DuChamp als Kind mit dem Summen des mütterlichen Haartrockners ein Gefühl des Geborgenseins verband. Im Infotext zu ihrem Projekt erwähnt sie diese Weiterlesen
WILLIAM BASINSKI: Nocturnes
Fast immer sind William Basinskis Arbeiten (auch) Meditationen über das Wesen der Zeit und der Vergänglichkeit, die dem Hörer aber – zumindest für die Dauer der jeweiligen Komposition – das Gefühl geben aufgehoben, der Tyrannei der Zeit entzogen und entrissen zu sein – trotz oder gerade wegen des melancholischen Charakters der Musik. Etwas, das dem inzwischen in Los Angeles ansässigen Basinski mit „Nocturnes“ erneut gelingt. Weiterlesen
KEITH HOWDEN & MATT HOWDEN: Barley Top (Buch und CD)
Familien, die mehrere Generationen von Kreativen hervorbringen, sind keine Seltenheit. Das Schöne bei den Howdens ist, dass Vater Keith und Sohn Matt nicht nur seit Jahren im künstlerischen Dialog sind; beide beackern zudem Gebiete, die sich gut zusammenbringen lassen, sobald ein gemeinsames Thema gefunden ist. Und davon scheint es eine Menge zu geben. Keith Howden ist Autor und Maler, Matt wiederum singt, komponiert und spielt Violine. Der Vater steuerte von Beginn an Texte und Bilder zu Matts Aufnahmen bei, der wiederum vertonte Weiterlesen
THESE NEW PURITANS: Fields of Reeds
Puritanisch waren These New Puritans nie, ganz gleich, ob man darunter Stilpurismus oder unterkühlte Reduktion versteht. In der Folge ihrer zweiten Platte „Hidden“ galten die vier Engländer eine zeitlang als die Shootingstars des – ja, des was eigentlich? Dass gerade die gute alte Punk’n'Wave-Zeit wieder hochleben durfte kam ihnen gerade recht, auch wenn sie von den gängigen Stereotypen weit entfernt waren. Neoklassiche Elemente sind im Pop immer mal angesagt, nur die Art und Weise ändert sich stetig, und auch in der Hinsicht war das Quartett um die Barnett-Brüder keines Geistes Kind und passte umso besser auf die nicht festgelegte Agenda kurz vor Weiterlesen
ZAHAVA SEEWALD & MICHAËL GRÉBIL: From My Mother’s House
Würde man „From My Mother’s House“ anhand seiner vielen Komponenten beschreiben, dann liefe man Gefahr, ein völlig falsches Bild zu vermitteln. Die zahlreichen Gedichtzitate, die unterschiedlichen Vortragsweisen, Stimmlagen, Instrumente und Spielweisen, die Momente, in denen neue Abschnitte ganz abrupt beginnen – all dies könnte zu Unrecht den Eindruck chaotischer Überladenheit vermitteln. Das Gegenteil ist der Fall. Weiterlesen
HAUS ARAFNA: All I Can Give 7″
Haus Arafna haben durch Namensgebung und Themenwahl immer wieder auf die unschönen Seiten der menschlichen Natur hingewiesen, ganz so, als wollten sie zeigen, dass Blut das „sprachgewandte Säugetier“ wie ein Ariadnefaden durch den Irrgarten der Geschichte führt. Musikalisch wurde das anfangs („Sex U Mas“-EP, „Blut“) durch brachial-rabiate analoge Klänge illustriert, die aber im Laufe der Jahre immer mehr durch reduziertere, melodischere Momente ergänzt und teilweise ersetzt wurden, die von der Band selbst – in Anlehnung an SPKs „Walking On Dead Steps“ – als Angst Pop bezeichnet wurden; Weiterlesen
V.A.: Alien Wedding
Aus Alien Symbiosis wurde Alien Wedding: Arianna Degni, besser bekannt unter dem Namen XxeNa, und der allseits bekannte postindustrielle Trompeter Flavio Rivabella gaben sich nach einigen Jahren am 1. Dezember 2012 das Ja-Wort. Zur Hochzeitsfeier zählte auch eine Reihe von Auftritten. Mittschnitte davon sind seit kurzem als Download erhältlich, zu hören gibt es vier Stücke jeweils in der Länge von zirka zwanzig Minuten. Der episodische Aufbau der improvisiert wirkenden Kurzauftritte ist eines der verbindenden Elemente. Weiterlesen
Our nostalgic feelings are projected towards the future. Interview mit Cannibal Movie
Als Teile der Menscheit begannen, sich als modern und rational zu betrachten, bedurfte es einer markanten Kehrseite, welche die eigene Zivilisiertheit im Kontrast umso deutlicher hervorscheinen ließ. Furchteinflößend musste der finstere Doppelgänger sein, war es doch seine Aufgabe, die zurückgelassene Roheit umso barbarischer und jeden Rückfall undenkbar erscheinen zu lassen. Neben übernatürlichen Gestalten musste vor allem der sogenannte Wilde dafür herhalten, und der Kannibale war einer seiner krassesten Ausprägungen, weshalb er auch nie die romantische Inversion als “edel” erfahren hat. Moderne Europäer dachten beim Kannibalen meist an Völker aus den Kolonien, freilich gibt es Verzehr von Menschenfleisch auch in der eigenen Geschichte. Weiterlesen
HATI & Z’EV: Collusion
Kollaborationen verlangen nicht nur dann besonderen kreativen Einsatz, wenn Musiker aus weit außeinanderliegenden Bereichen aufeinander treffen. Gerade im Bereich rituell angehauchter Perkussion gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass sich bestimmte Rhythmen recht einfach in die unterschiedlichsten Klangbilder integrieren lassen. Will sagen: Ethnogetrommel jedweder Art passt zu den meisten Musikarten von entweder flächiger oder eben sehr freier Struktur. Z’ev und Hati sind in der Vergangenheit schon die unterschiedlichsten Verbindugen eingegangen, meist mit Weiterlesen
NOBLESSE OBLIGE: Affair of the Heart
Im Berliner Musikzirkus gibt es bekanntlich zahllose Bands, die auf der Retro-Schiene fahren, hybride Stilkombinationen wagen, mit Goth kokettieren, und wenn man ein bisschen recherchiert, erfährt man, dass die Mitglieder nebenbei Kunst und Theater machen, beim Film sind oder in der Bar nebenan auflegen. Das übliche, und es wurde so oft kommentiert, dass es fast schon wieder egal ist. Begegnet man Noblesse Oblige in dem Kontext, könnte man sie vielleicht auch in dieser langsam etwas Staub ansetzenden Bohème einordnen, doch so einfach kommt man damit nicht durch. Ich meine nicht einmal, dass sie Weiterlesen
HERMANN KOPP: Zyanidanger
Als im Jahr 2008 das Album „Under a Demon’s Mask“ von Hermann Kopp auf Galakthorrö veröffentlicht wurde, verwiesen die Referenzpunkte (u.a. Huysmans und Bataille) auf sein Interesse an der Transgression und auch schon seine Arbeiten an drei (von vier) Langfilmen Jörg Buttgereits machten deutlich, dass Kopp sich gerne dem Abseitigen, Morbiden, Heterogenen (Bataille) widmete. Das zweisprachige Portmanteauwort, das dem neuen Album seinen Titel gibt, macht das erneut deutlich. Inspiriert wurde „Zyanidanger“ von dem im 19. Jahrhundert veröffentlichten Werk Die Geschichte der Chemie des deutschen Chemikers, mit dem der Künstler seinen Namen teilt und das in Braunschweig veröffentlicht wurde. Koinzidenzen überall. Weiterlesen
THE INVISIBLE HANDS: s/t
Dass Alan Bishop, mehr noch als sein Bruder Sir Richard, hierzulande nur Leuten mit speziellen Interessen ein Begriff ist – man weiß nie so recht, ob man das bedauern oder doch eher trotzig befürworten soll. An seiner bekanntesten Band, den nach dem Tod des Drummers aufgelösten Sun City Girls, bissen sich bereits federführende Diskursblätter die Zähne aus und blamierten sich in Konzertberichten ähnlich wie seinerzeit die Ruhrpott-Postillen bei den Essener Songtagen. Und wenn immer jemand den improvisierten Stilmix lobt, mit dem die frühen Animal Collective bei all der animistischen Folknähe weder Weiterlesen
OM: Gethsemane Dubplate 12”
Was vor zirka zwei Monaten mit „Addis“ begann, findet nun in „Gethsemane“ seinen Abschluss: Die kurze Remix-Serie zu Stücken des OM-Albums „Advaitic Songs“ durch das britische Roots/Dub-Duo Alpha & Omega, stilvoll verewigt auf Dubplates aus solidem schwarzen Vinyl. Man könnte viel zu den Obsessionen beider Bands sagen, zu Al Cisneros’ integraler Auslotung mystischer Ideen, und zu den wiederkehrenden spirituellen Themen bei A&O. Letztere konzentrieren sich auf Rastafari, doch diese Religion ist sehr mysthisch-orthodox ausgerichtet und liegt folglich dem OM-Kosmos nicht allzu fern. Weiterlesen
ANEMONE TUBE AND DISSECTING TABLE: This Dismal World
Ebenso wie die letzten hier besprochenen Veröffentlichungen von Anemone Tube ist auch diese Split-LP mit Dissecting Table stark konzeptionell ausgerichtet: So geht es auf dem Album um die vier edlen Wahrheiten, die das Fundament des Buddhismus darstellen. Diese lauten, dass das Leben leidvoll ist (vgl. den Titel des Albums), dass die Ursachen für dieses Leid(en) u.a. Hass und Gier sind, die Auflösung dieser Ursachen das Leiden zum Erlöschen bringen kann, und dass man dies durch den edlen achtfachen Pfad schaffen kann. Weiterlesen
HOWLING LARSENS: Fool of Sound and Furry
Stellt man die Howling Larsens als eine Band vor, deren Hauptbesetzung ansonsten bei Orchis und The Gray Field Recordings aktiv ist, dann rechnen viele wohl erst einmal mit akustischen Gitarren, ätherischem Gesang und allen möglichen Begleiterscheinungen, die dunkle, entrückte Folkmusik so mit sich bringt. Bei den hörspielartigen Dialogen, die vor kunstvoll arrangierten Klanglandschaften voll plastischer Alltagsgeräusche geführt werden, denkt man vielleicht sogar an die berühmte falsche Platte, die man versehentlich im Player hat. Selbst ab dem Moment, wenn Weiterlesen
MACELLERIA MOBILE DI MEZZANOTTE: Black Lake Confidence
Die Band mit dem Kürzel MMM nennt ihren Stil Swing Noir und wird erwartungsgemäß gerne mit dem Film Noir in Verbindung gebracht. Zurecht, in gewisser Weise, haftet ihren dunklen, angejazzten Soundscapes doch das Schattenhafte, Abgeklärte an, dass konstitutiv ist für die schwarze Serie und ihre lonerhaften Antihelden. Und doch beinhaltet die Musik etwas, das mit den bewegten Bildern der 40er und 50er Jahre nur bedingt vereinbar ist, ein entgrenzter, splatterhaft-animalischer Ton, der schon im Clive Barker entlehnten Bandnamen anklingt und die vornehme Abgewetztheit dieser Filme immer nur als Weiterlesen
IN ZAIRE: White Sun Black Sun
In einer gepfefferten Auskennerreview könnten In Zaire schlecht wegkommen. Warum kann Rock nicht von seiner eigenen Geschichte lassen? Was kann man noch hinzufügen zu den fraglos interessanten Kapiteln, die Gruppen wie Hawkwind oder Pink Floyd vor rund vierzig Jahren zum Thema psychedelischer Musik eröffneten? Wozu braucht es nach dem jahrelangen Retrohype noch ein weiteres Psych Rock-Album? All diese Fragen sind berechtigt, doch wenn einem „White Sun Black Sun“ trotz allem frisch und radikal erscheint, dann muss es wohl etwas geben, das schwerer wiegt als Innovation. Weiterlesen
PHARMAKON: Abandon
Auch wenn Industrial von Anfang an Grenzen überschritten hat – die Transgression vielleicht sogar das bestimmendste Merkmal war – und wenn ein Viertel der Gründungsband weiblich war, so ist Industrial dennoch immer primär ein Phänomen weißer Männer gewesen – sowohl auf Seiten der Produzenten als auch Rezipienten. Das führt natürlich dazu, dass oftmals in besonderem Maße hervorgehoben wird, wenn eine Künstlerin sich an extremer elektronischer Musik versucht, so auch im Falle von Pharmakon, dem Projekt der 22-jährigen in New York ansässigen Margaret Chardiet, die trotz ihres jungen Alters schon seit einigen Jahren aktiv ist: So war sie ein Gründungsmitglied des Weiterlesen