HÈLÉNE CATTET & BRUNO FORZANI: Amer (DVD)

Es gibt verschiedene Arten, als Filmemacher von heute auf den italienischen Giallo zu referieren, und in den wenigsten Versuchen wird sich zugleich auf die typischen Genremotive als auch auf Aspekte des Plots, der visuellen Sprache und der hervorgerufenen Atmosphäre bezogen. Gemessen daran, wie stark diese heute allgemein verkultete Form des stilisierten Thrillers im Italien der 60er und 70er Jahre verwurzelt ist, ist das auch ganz gut so. „Amer“, der vor drei Jahren unter der Regie des Paares Hèléne Cattet und Bruno Forzani in belgisch-französischer Koproduktion entstanden und seit kurzem auch in Deutschland auf Weiterlesen

CONTAGIOUS ORGASM & TZII: Blind Shadows

Hiroshi Hashimoto und der Mann, der sich Tzii nennt, sind zwei unstete Geister, die sich ungern zu lange an einem Ort aufhalten. Der Japaner, besser bekannt als Contagious Orgasm, durchkreuzt seit einem Vierteljahrhundert die weitläufige Landkarte elektronischer Musik, und das beschränkt sich keineswegs auf die dunklen und krachigen Gefilde, mit denen man ihn meist assoziiert. Neben der Stilpalette von Ambient bis Rhythm Noise war stets Raum für Trippiges und für Ausflüge in diejenige Tanzmusik, die man einst mit dem Attribut „intelligent“ versah, neben Weiterlesen

SIX ORGANS OF ADMITTANCE: Ascent

Die mit Psych Folk nur unzureichend klassifizierten Six Organs Of Admittance gehören zu den Bands, die es in verschiedener und vor allem verschieden starker Instrumentierung gibt und die mal im rockigen, mal im akustischen Klanggewand antreten. Zuzüglich sämtlich denkbarer Zwischenstufen. Ben Chasny, Mastermind des Projektes, spielt nebenbei eine ebenso wichtige Rolle im Gitarrennoise-Trio Comets On Fire und ließ beide Gruppen schon mal kurzerhand für eine Konzerttour fusionieren, und doch waren Six Organs dabei immer noch Six Organs. Weiterlesen

NOVEMBER NÖVELET: Heart of Stone

Die großen Melancholiker und diejenigen im Galakthorrö-Kosmos, deren Musik am nächsten am Pop (im besten Sinne des Wortes) ist, veröffentlichen ihre inzwischen dritte EP mit vier neuen Songs, die in einer klanglichen wie textlichen Kohärenz emotionale Zustände in all ihrer Doppelbödigkeit illustrieren.

Das Titelstück wird von analogen Vintagesynthsounds durchzogen, die wie eine singende Säge oder ein Theremin klingen und den Eindruck erwecken, als werde die emotionale Versteinerung, die besungen wird, zutiefst bedauert; und emotionale Kälte ist eben oft (auch) eine (Über-)Lebensstrategie. Weiterlesen

V.A.: Reuse, Recycle, Remix (C-60 Tape, lim. 16)

Ich bin eigentlich kein Freund von so ganz strengen Limitierungen, aber der Legende nach soll es sich bei dieser Tape-Compilation mit einer Stückzahl von abenteurlichen sechzehn Exemplaren ohnehin etwas anders verhalten haben als üblich: Eine der beteiligten Personen, Gerüchten zufolge Flavio Rivabella, ein italienischer Soundart-Trompeter und Betreiber des verantwortlichen DIY-Labels, muss wohl sechzehn alte, verstaubte Tapes aus seiner Jugend gefunden haben, irgendwo in den Tiefen eines seit Ewigkeiten Weiterlesen

Lisa o Piu. Interview mit der schwedischen Sängerin Lisa Isaksson

Es gibt im Zusammenhang mit Folkmusik ein journalistisches Klischee, das mich aufgrund seiner Dummheit bisweilen rasend macht. Irgend ein googelnder Schreiberling muss eine (meist irgendwie „indie-hippe“) Akustikplatte abfeiern und betont, dass gerade dieser Interpret im Vergleich zum Gros des Folk so gar nicht konservativ und betulich sei, und hebt lobend hervor, dass man die unterschiedlichen und zum Teil recht untraditionellen Einflüsse des Künstlers mit jeder Note greifen kann. Dass genau dies ebenso auf viele andere Musiker auch jenseits spexiger Modepüppchen zutrifft, und dass das Stereotyp des weltfremden Feld-, Wald- und Wiesen-Romantikers auch im Folk nur selten existiert, kommt den Experten weniger in den Sinn. Die Schwedin Lisa Isaksson zählt zu den Weiterlesen

SUBLIMINAL: Under Pressure

Nach der nach zwei Alben („Gracebudd“ aus dem Jahr 2000, „Coping“ von 2006) 2009 erschienenen „Look at the Creation“-EP folgt mit „Under Pressure“ eine visuell fast identisch gestaltete 7′ mit erneut vier Stücken, die auch musikalisch an den Vorgänger anknüpfen. Ich habe schon bei der Besprechung von „Kosmoloko 2“ darauf hingewiesen, dass das Einmannprojekt von Albert Fisch inzwischen das rabiateste auf Galakthorrö ist und insbesondere die immer zwischen Aggression und Verzweiflung pendelnden Vocals, die seit dem zweiten Album „Coping“ ein typisches Merkmal des Projekts sind, sind im doch Weiterlesen

LAIBACH: Reproduction Prohibited

Das Jahr 2012 wird wohl als ereignisreiches Jahr in die Laibach-Annalen eingehen. Seit ihrer Beteiligung an dem Klamaukstreifen „Iron Sky“ wieder in aller Munde, soll auch ihre kurz darauf stattgefundene Tour gut besucht und enthusiastisch beklatscht worden sein, der Konzertmitschnitt aus der Tate Modern erschien bereits auf CDr. Gutes Timing also für die Slowenen, auf schon Erreichtes und längst Klassisches zurück zu blicken und einen Einblick in gut dreißig Jahre orchestraler Elektronik, provokativer Konzeptalben und jeder Menge Theatralik zu gewähren. Der Fan der alten Schule wird auf ihrem gerade erschienenen Beitrag zu Mutes „Introduction“-Reihe das meiste kennen. Spätgeborene, angefixt durch den ganzen Mondnazi-Trash, dürften hier Weiterlesen

LA PIRAMIDE DE SANGUE: Tebe

Die Pyramide und das Blut sind Symbole mit einer langen Geschichte. Die Frage, ob bei La Piramide Di Sangue, einer Psych Rock-Bande aus Turin, all die zahlreichen Bedeutungen von der Lebenskraft bis zur monumentalen Ordnung zusammen kommen, wäre wohl eher spekulativ zu beantworten, schon weil die Musik der siebenköpfigen Gruppe weitgehend auf Texte verzichtet und die wenigen Ausnahmemomente mit Worten in einer mir fremden Sprache aufwarten. Angesichts der energiegeladenen Musik neige ich jedoch zu einem intuitiven Ja. Weiterlesen

V.A.: Kosmoloko 2

Die vor acht Jahren erschienene Zusammenstellung „Kosmoloko“ gab einen Überblick über die auf dem kleinen Label aus Braunschweig veröffentlichenden Künstler. Von den 2004 daran teilnehmenden Projekten fehlen auf dem Nachfolger zwei: Zum einen Karl Runau, der schon damals eine lange Phase des Schweigens hinter sich hatte, zum anderen Maska Genetik, das russische, schon vor einigen Jahren aufgelöste Einmannprojekt, dessen Schwanengesang „Strada“ von Galakthorrö 2011 posthum veröffentlicht wurde. Weiterlesen

ANTONY AND THE JOHNSONS: Cut The World

Die Vorstellung, dass unsere moderne Kultur von einer patriarchalen Denk- und Lebensweise geprägt ist, geht mindestens bis ins 19. Jahrhundert zurück und begleitet alle technokratischen Errungenschaften und ihre Schattenseiten als ein untilgbares Korrektiv. Das Anliegen dahinter ist keinesfalls bescheiden, will man doch dem phallogozentischen Denken (Derrida) eine feminine Sprache und je nach Credo auch Spiritualität nicht nur an die Seite stellen. Weiterlesen

PABLO UND DESTRUKTION: Animal Con Parachoques

Es gibt eine Menge Versuche, traditionell akustische Klänge mit moderner Experimentierfreude zu kombinieren, doch der direkte Versuch, Urtümlichkeit mit Abstraktion und Disharmonie zusammen zu führen, wird seltener unternommen. Zu groß ist wahrscheinlich der Reiz, beim Erforschen des Ursprünglichen das vermeintlich Authentische zu suchen, die nostalgische Schwermut oder gleich den Kitsch. Ausnahmen gibt es, und vermutlich denkt jetzt so mancher an Animal Collective, deren Anhängern ich bis zum St. Nimmerleinstag die weniger hippen, aber umso usprünglicheren Sun City Girls empfehlen werde. Von irgendwelchen ganz obskuren Projekten einmal ganz abgesehen. Wendet man den Blick nach Europa, Weiterlesen

HIRSUTE PURSUIT: Tighten That Muscle Ring

Die schwule Subkultur der Bären betont eine archaische, scheinbar ungebrochene, will sagen: nicht feminisierte Maskulinität durch (Über-)Betonung gewisser Verhaltensweisen und Äußerlichkeiten (starke Behaarung etc.), wobei natürlich jede Subkultur nur durch Abgrenzung existieren kann und will und daher auch von Symbolen und Codes abhängig ist, die die betreffenden Personen als zugehörig oder nicht zugehörig ausweisen. Weiterlesen

OM: Advaitic Songs

Es ist nicht einfach, den religiösen oder spirituellen Gehalt von OM zu durchblicken, und ehrlich gesagt habe ich es auch nie ernsthaft versucht. Al Cisneros Lyrik ist, auch wenn sie an manchen Stellen deutlich hinduistische oder frühchristliche Bezugspunkte anklingen lässt, viel zu abstrakt und hermetisch, um eine klare Botschaft zu transportieren, und wahrscheinlich will sie das auch gar nicht. Cisneros predigt nicht. Viel eher scheint er sich, ähnlich seinem Freund und zeitweise Kollaborateur David Tibet, in einem eigenen subjektiven Kosmos eingerichtet zu haben, in dem Weiterlesen

S.Q.E.: 5+4

J Greco alias S.Q.E. blickt bereits auf einen umfangreichen Backcatalogue zurück. Unter dem Pseudonym The Fruitless Hand wirkte er bei Ure Thrall an etlichen elektronischen Dronealben mit, zuletzt überraschte er im Dunstkreis von Cryptanthus Records und Gruppen wie Orchis und Temple Music. Das Werk des Brooklyners, den man gerne im Prokrustesbett experimenteller Electronica verortet, ist geprägt von einer großen Unberechenbarkeit, mit „Rise of the Vulcans“ überschritt der zuletzt die Grenze zum Eklektischen. Mit einem Dub-Album Weiterlesen

AMBER ASYLUM: Live In Wroclaw

Seit Gründung Mitte der 90er spielen Amber Asylum eine Musik, bei der Streicher ins Zentrum gerückt werden und die man vielleicht in Ermangelung eines besseren Begriffs als eine Form der Kammermusik bezeichnen könnte, was m. E. besser passt als das Label Postrock, das die Band selbst auf ihrer Website verwendet und das oft auch in Rezensionen fällt – was sicher auch damit zu tun haben mag, dass Kris T. Force, die seit Anbeginn die einzige Konstante im Lineup ist, in den letzten Jahren auch u.a. durch ihre Arbeit mit Steve von Till in einem Postmetal/Postrock-Kontext rezipiert und verortet wird. Weiterlesen

MOMBU: Zombi

Mombu hatten bereits letzten Sommer debütiert und wurden in der Zwischenzeit von einigen als die Jazzcore-Hoffnung des neuen Jahrzehnts gefeiert. Mombu? Richtig, hierzulande hat man von der Begeisterung noch nicht allzuviel Wind bekommen, zumal es sich auch weniger um einen Hype, als mehr um ein Raunen in Spezialistenkreisen handelte. Mombu ist ein in Rom ansässiges Duo, bestehend aus dem Saxophonisten Luca T. Mai und dem Drummer Antonio Zitarelli, die sich bereits in bekannteren Gruppen (Zu, Neo) einen Namen gemacht haben. “Zombi” ist nicht ihr zweites Album, sondern eine im Tracklisting leicht erweiterte Neuauflage ihres Erstlings. Ich unterstelle mal keine bösen Absichten. Weiterlesen

BOTANIST: Doom In Bloom

So variantenreich Black Metal auch ist, auf die Gitarre wird selten verzichtet. Klammert man stilfremde Nebenprojekte aus, so bleiben nur wenige Ausnahmen wie beispielsweise die griechischen Necromantia mit ihren zwei Bässen. Botanist, das seit rund drei Jahren bestehende Einmannprojekt aus der kalifornischen Bay Area, erreicht mit seinem Gitarrenverzicht einen fast konträren Effekt, was an der Wahl eines für Black Metal ungewöhnlichen Instruments liegt. Statt einer Gitarre verwendet der Musiker, der sich Otrebor nennt, nämlich einen Hammered Dulcimer, hierzulande bekannt als Hackbrett. Weiterlesen

DEAD CAN DANCE: Anastasis

Die Nachricht von der Wiederbelebung Dead Can Dance’ erreichte viele Fans sicher zu einem Zeitpunkt, als man sich längst damit abgefunden hatte, einer mittlerweile klassisch gewordenen Formation aus einer anderen Zeit die Treue zu halten – einer Band, die sich bestenfalls alle Schaltjahre für retrospektive Konzerttourneen reformiert. Tatsächlich planten Lisa Gerard und Brendan Perry schon vor ein paar Jahren eine Reunion, die nach einer ausgiebigen Tour dann doch nicht stattfand, da die Musiker sich konzeptuell wohl nicht einig wurden. Nach zahlreichen Weiterlesen