So ganz ohne Hipster geht es anscheinend auch bei uns nicht, aber so lange man das mit dem altehrwürdigen Londoner Traditionslabel 4AD gemeinsam hat, kann nicht allzu viel falsch daran sein. Die haben nämlich vor kurzem die Kanadierin Claire Boucher a.k.a. Grimes unter Vertrag genommen – anlässlich ihres dritten Lonplayers „Visions“, der zur Zeit Lob aus allen Richtungen bekommt und dessen Cover ebensogut den zweihundertsten Konzertmitschnitt von Aaron Dilloway zieren könnte. Weiterlesen
Sabotage Dressed Up As Song: Ein Interview mit Guy Dale von Mute Swimmer
Es gibt eine Menge Musik und Kunst, die man nur schwer greifen kann, aber das besondere an den Arbeiten Guy Dales ist, dass man sie gar nicht unbedingt greifen muss. Die Musik, die der Engländer mit seinem Akustikprojekt Mute Swimmer spielt, entfaltet eine sehr unmittelbare Wirkung, scheint fast physisch im Raum greifbar zu sein und ist in ihrem wesentlichen Kern doch schwer zu begreifen. Auch wenn die berührende Melodik, der intime Gesang und der fast poppige Appeal seiner Songs auf den ersten Eindruck mit der abstrakten Reflexivität seiner Texte im Kontrast steht, hat man stets das Gefühl, dass Musik und Worte Weiterlesen
CARTER TUTTI VOID: Transverse
„Transverse“ ist die Aufnahme eines gemeinsamen Auftritts von Chris Carter, Cosey Fanni Tutti und Nik Void (Factory Floor) im Roundhouse in London anlässlich des Mute-Jubiläums im vergangenen Jahr und natürlich kann man den Auftritt durch den Altersunterschied der Beteiligten als ein Treffen der Generationen interpretieren und symbolisch hochstilisieren. Weiterlesen
ROMA AMOR: Occhi Neri
Das Duo Roma Amor ist in unseren Breiten noch nicht so richtig bekannt geworden, und trifft man einmal jemanden, der die Gruppe kennt, dann sieht man sich oft mit vorschnell produzierten Fehlinformationen konfrontiert. Euski und Michele kommen weder aus Rom, noch hat der Stil der beiden mit Neofolk im engeren Sinne zu tun. Die beiden stammen aus der Region Emilia-Romagna und singen gelegentlich im Dialekt ihres Landstriches. Die Musik, die sie spielen, ist eine italienische Ausprägung des klassischen Torch Song. Bisweilen auch lupenreiner Chanson. Weiterlesen
MACU: Retrospectives
Susanne Hafenschers Projekt MaCu wurde vor einigen Monaten bereits im Zusammenhang ihrer Kollaboration mit Federico Barabino vorgestellt. Unter dem Titel „Retrospectives“ fasst die österreichische Gitarristin und Pianistin, die sich irgendwann der Bearbeitung von Field Recordings und der Ausgestaltung hypnotischer Gitarrendrones verschrieb, ihre neuesten Arbeiten zusammen. Der Begriff des Retrospektiven referiert hier jedoch nur teilweise auf das Alter der Aufnahmen, denn lediglich drei überarbeitete Sampler-Beiträge wurden in die Auswahl integriert – insgesamt ist es mehr das Zurückblicken und Erinnern als mentaler und emotionaler Vorgang, der in den sieben Abschnitten in Töne gefasst wird. Weiterlesen
SO LIKE DORIAN: Stranger
Den etwas unscheinbar klingenden Namen So Like Dorian könnte man in Zukunft öfter zu hören bekommen. Der Kopenhagerner Rasmus Steffensen, der seit drei Jahren unter diesem Namen sein eigenes Terrain im Bereich fragiler Folkmusik beackert, ist niemand, der mit der Tür ins Haus fällt, und so ließ er sich mit seinem Projekt auch erst einmal Zeit und machte sich erst nach und nach in den entsprechenden Kreisen bemerkbar. Nach immer regelmäßigeren Auftritten und einer Reihe an kleineren Veröffentlichungen ist nun für dieses Jahr der erste Longplayer geplant. Weiterlesen
Wie ein unendlicher Fluss von Emotionen: Interview mit Anemone Tube
Seit 1996 veröffentlicht Anemone Tube anspruchsvolle Geräuschmusik, die sich irgendwo zwischen Dark Ambient und Power Electronics bewegt, wobei das Klangbild durchgängig differenzierter ist und enge (Genre-)Grenzen nur da zu sein scheinen, um ge-und durchbrochen zu werden. Dies beweisen auf den ersten Blick so unterschiedliche Veröffentlichungen, wie die Zusammenarbeit mit Christian Renou auf „Transference“, auf der organisch-melodische Tracks zu hören sind, die in ihrer Differenziertheit und Zerbrechlichkeit an Projekte wie Mirror erinnern Weiterlesen
VCMG: Ssss
Dass in den Medien nach Bekanntwerden der Zusammenarbeit von Martin Gore und Vince Clarke schnell von einer „Sensation“ die Rede war, hatte (natürlich) erst einmal weniger mit der Musik als mit den Beteiligten, insbesondere ihrem Verhältnis zueinander zu tun und natürlich mit der enormen zeitlichen Distanz zwischen der (gemeinsamen) Arbeit am ersten Depeche Mode-Album und dem neuen Technoprojekt VCMG. In den dazwischen liegenden drei Dekaden haben Martin Gore und Vince Clarke mit durchaus unterschiedlichem Instrumentarium und einer fast gänzlich anderen Ästhetik elektronische Weiterlesen
CARMEN BURGUESS: Seventeen (Buch)
Carmen Burguess ist nicht nur die weibliche Hälfte des Psych Punk-Duos Mueran Humanos, dessen Wege irgendwann von Buenos Aires über Barcelona bis in deutsche Gefilde führten. In der spanischsprachigen Welt konnte sie sich bereits ein Renommee als Illustratorin erarbeiten, bereicherte mit ihren reizvoll ätzenden Porträts Zeitschriften wie „Quimera“, illustrierte ein Buch des argentinischen Romanciers Javier Calva und zuletzt einen Band mit Gedichten Lovecrafts. Dabei deckt sie von der Kollage über die Zeichnung bis zum Acrylbild eine respektable Bandbreite an Medien ab. Gemeinsam ist all ihren Arbeiten die Leichtigkeit von Comic und Karrikatur und die Lust an der unerbittlichen, schwarzhumorigen Entzauberung all dessen, was man so als Lebensfreude aufgetischt bekommt. Weiterlesen
PREMATURE EJACULATION: Part 3
In den vergangenen Rezensionen zu Rozz Williams’ „Lost Recordings“ habe ich wiederholt darauf hingewiesen, dass die frühen SPK insbesondere ästhetisch-thematisch eine wichtige Rolle für ihn gespielt haben und dass Premature Ejaculation sich (durch Artwork, Tracktitel und Samples) immer wieder mit den Versehrungen des menschlichen Körpers (und Geistes) beschäftigt haben: Diesmal erinnert das das Cover zierende Bild einer Trepanation natürlich an das erste unter dem Namen System Planning Korporation veröffentlichte Album „Information Overload Unit“. Weiterlesen
A PLACE TO BURY STRANGERS: Onwards To The Wall
Anscheinend ist A Place To Bury Strangers keine Nerd-Band, andernfalls wäre die Herkunft des Bandnamens schon öfter diskutiert worden – der stammt nämlich von unser aller Kinderschreck Aleister Crowley und ist im Untertitel eines frühen Gedichtes enthalten. Markant ist er auch ohne Vorwissen, und passt somit bestens zu einer Band, die lange bevor Begriffe wie Shoegaze und Postpunk in den hippen Medien ein Revival feierten, das Erbe eines für längere Zeit verdrängten Sounds antraten. Weiterlesen
AGENT SIDE GRINDER: Hardware
Ein Albumtitel wie „Hardware“ referiert natürlich auf eine Zeit, als man im Informationsbereich noch einen viel größeren Bezug zum Materiellen hatte als heute. Im Falle von Agent Side Grinder beschreibt er aber auch den Sound sehr gut, denn das Trio spielt eine analoge Musik, die melodisch, eingängig und kurzweilig ist, und jede der rund fünfundvierzig Minuten geht in Ohr und Bein. Harte Ware ist sie dennoch. Von einer Popgruppe sagt man das eher selten. Weiterlesen
To Fuck Up Tradition – Interview mit dem Folkmusiker und Verleger Alan Trench
Alan Trench befasst sich seit etwa zwei Jahrzehnten mit der Vermittlung von Folk in verschiedensten Formen und Ausprägungen – sei es als jemand, der als ein Drittel von World Serpent dazu beigetragen hat, Bands, die ihre ganz eigenen Vorstellungen und Interpretationen von Folk hatten, eine Plattform zu bieten, sei es als jemand, der selbst in einer Reihe von Formationen musikalisch aktiv ist. Am bekanntesten dürfte seine Hauptband – die aus Trench, Amanda Prouten und Tracy Dawn Jeffery bestehenden – Orchis sein. Weiterlesen
LIZ GREEN: O, Devotion!
Im Zuge der vielen (mal mehr, mal weniger gelungenen) Wiederbelebungsversuche des Folk erschien eine beachtliche Reihe an Stilmischungen auf der Bildfläche, und die Überblendung englischer und angloamerikanischer Traditionen wurde um einige interessante Facetten bereichert. Je nach Ausrichtung lassen sich solche Hybride auch kaum vermeiden, wenn man bedenkt, wie eng beide Linien miteinander verknüpft sind. Dennoch bringt die junge Engländerin Liz Green, die in der britischen Musikpresse derzeit unzählige Lobeshymnen erfährt, eine markante neue Nuance ins Spiel, denn die Bandbreite ihrer Songs geht weit über den Einbezug von Blues und Apallachian Folk hinaus. Weiterlesen
THE PROTAGONIST: A Rebours
Aufgrund seines gepflegten Stils assoziiert man den klassischen Dandy gerne mit Mode, doch in Wirklichkeit waren die Dandys des 19. Jahrhunderts recht unzeitgemäße Originale, die sich mit ihrem herausgeputzten Äußeren dem Stildiktak ihrer Zeit entgegen stellten. Ihr Protest gegen die moderne Schelllebigkeit, die uns heute nichtig erscheinen muss, war so radikal wie skurril. Es wird gesagt, dass französische Dandies Schildkröten als Haustiere hielten und sie in demonstrativer Langsamkeit an der Hundeleine vor Fabrikanlagen spazieren führten. Arbeit galt laut Oscar Wilde als eines der größten Laster der trinkenden Klassen. Weiterlesen
SKIN AREA: Rothko Field
Die Wiener Aktionisten und insbesondere Rudolf Schwarzkogler haben einen nicht unerheblichen Einfluss auf verschiedenste Industrialgenerationen gehabt. So (re)produzierte Steven Stapleton (ob intendiert oder nicht) den Mythos von Schwarzkoglers vermeintlicher Autokastration. Die Performances von COUM Transmissions wären ohne die Vorarbeit der Wiener Gruppe undenkbar gewesen. Dass oftmals der Bezug bei weniger inspirierten Künstlern ein nur oberflächlicher zu sein scheint, der eher schmückendes Beiwerk denn ernsthafte Auseinandersetzung ist, daran kranken weite Teile der Subkultur. Weiterlesen
DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES: Métamanoir
Nach der immensen Aufmerksamkeit, die dem dunklen Sound des Kilimanjaro Darkjazz Ensembles und seinem Pendant im Zeichen des Mount Fuji zuteil wurde, hätte man fast vergessen können, dass es noch ein weiteres, wenn auch kleineres Gebirgsmassiv gibt, das zumindest indirekt als Namensgeber eines bizarren Zeitlupengroove fungiert: Gemeint sind die fiktiven Twin Peaks aus der gleichnamigen Serie von David Lynch. Vor ihrer Kulisse versuchte ein FBI-Agent namens Dale Cooper einen myteriösen Mord aufzuklären. Weiterlesen
SOAP&SKIN: Narrow
Soap&Skin polarisiert. Die einen stecken ihre Songs gar zu schnell in die Ecke für sensible und leicht überdrehte Mädchenmusik – eine Drama Queen, die sich psychisch entblößt und der neurotischen Jugend von heute ihr Identitätsfutter gibt. Andere setzen auf hohen Stil und fahren schwere Geschütze klassischer Bildung auf, holen die Gedichte Trakls aus der Kiste und bemühen das romantische Kunstlied, um sich einen Reim auf die Anziehungskraft zu machen, die ihr Debüt „Lovetune for Vacuum“ vor ein paar Jahren ausstrahlte. Natürlich nicht ganz zu unrecht. Anja Plaschg, die Person hinter dem Namen, sieht sich als Popmusikerin, und ihr Unbeeindrucktsein gegenüber all den klugen Fachsimpeleien Weiterlesen
You Killed Me First: The Cinema of Transgression
Es wird immer noch gelegentlich behauptet, die 80er wären generell verklemmter und weniger freizügig gewesen als die 70er. Sicher mag das in vielen Fällen auch so gewesen sein, und warum sollte das in einer Kultur, die in vielerlei Hinsicht nach den Gesetzmäßigkeiten von Konjunkturzyklen funktioniert, auch verwundern. Relevanter ist die Beobachtung, dass das Enthemmte, Dionysische, das man mit vielen Phänomenen der Jahre um 1970 in Verbindung bringt, ein Jahrzehnt später zu einem Großteil in die Subkulturen abgewandert ist, und dort weniger die Liebe und den Frieden feiert, sondern vielmehr Weiterlesen