Als ich vor rund zehn Jahren erstmals auf einer heute nur noch für Archäologen interessanten Platform namens Myspace auf The Balustrade Ensemble stieß, war ich recht angetan von der filigranen Musik des geheimnisvollen Kollektivs, das mit seinen wohligen Klängen nicht so recht “experimentell” klingen wollte, gleichzeitig aber auch zu abstrakt und zerfleddert daherkam, um als Postrock oder gar Pop zu gelten. Jedenfalls stach die Band, die damals noch kein release zu verzeichnen hatte, weit heraus aus dem Standard der zahlreichen Gewächse, die das gerade aufkommende Weiterlesen
VIRTUAL FOREST: Unconscious Cognition is the Processing of Perception
Beim langen Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenleben spielt in unserer Alltagssprache der Begriff der Initiation kaum eine Rolle. Lediglich die Literaturwissenschaft hat den Begriff der Initiationsgeschichte geprägt für einen Typ Erzählung, in der ein junger Mensch durch eine einschneidende, meist desillusionierende Erfahrung und mit Hilfe einer Mentorfigur einen neuen – erwachseneren – Blick auf die Welt bekommt. In tribalen Gesellschaften von überschaubarer Größe wurde der Übergang viel bewusster und aktiver angegangen. Weiterlesen
MACIEK SZYMCZUK: Music For Cassandra
Kassandra, die trojanische Königstochter, die die Zukunft voraussagen kann und zugleich gestraft ist, für immer ungehört zu bleiben – wie würde ihr Ruf klingen, wäre er Musik? Wäre er schrill und hysterisch, um voller Verzweiflung gegen die tauben Ohren derer anzukämpfen, die ihr Fatum vergessen und verdrängen? Oder wäre er ganz leise, kaum hörbar, im diffusen Rauschen der Welt verhallend? Maciek Szymczuk entwirft in seiner „Music for Cassandra“ eine Figur, die längst Teil des Schicksals geworden ist, das sie voraussagt, und die der Taubheit und Indifferenz ihrer Adressaten eine genügsame Weiterlesen
ÉTANT DONNÉS: Aurore
Wie es scheint, widmen sich die Gebrüder Hurtado, die in den frühen Eighties die nach einem Spätwerk Duchamps benannte Band Étant Donnés gründeten, zur Zeit verstärkt der Zugänglichmachung vergriffener Aufnahmen. Nachdem vor kurzem einige alte Tape-Aufnahmen bei Vinyl on Demand auf Schallplatte erschienen sind, steht nun – dankenswerterweise, muss man sagen – eines ihrer bekanntesten Alben wieder in den Läden. Weiterlesen
JOZEF VAN WISSEM: When Shall This Bright Day Begin
Seit den Tagen mit den Brethren of the Free Spirit ist viel Zeit vergangen, eine Zeit, in der auch die Musik Jozef van Wissem extrovertierter, songhafter und im weitesten Sinne popkultureller geworden ist. „When Shall This Bright Day Begin“ präsentiert den Lautenspieler zwischen besinnlichen Barock-Klängen und coolem Desert Rock, bei dem Ben Chasny die Saiten gespannt haben könnte. Weiterlesen
GRIZZLY IMPLODED: Steel From Your Brow
Die italienischen Musikszenen unterhalb der Wahrnehmungsgrenze langweiler Strebermagazine sind wie vieles in diesem Land einer starken Trennung zwischen den nördlichen und den südlichen Regionen unterworfen. Während zwischen Mailand und Bologna, zwischen Turin und Venedig eine solide Infrastruktur an Vertriebs- und Auftrittsmöglichkeiten plus gute internationale Vernetzung Standard ist, pflegt die südliche Hälfte nicht selten eine charmante Selbstorganisation, die oft ebenso hobbyistisch wie regional orientiert ist. Genau genommen trifft dies sogar schon auf Weiterlesen
SIEBEN: Briton EP
Mit der EP „Briton“ bringt Matt Howden alias Sieben nun die über Bandcamp vertriebene Trilogie über den Norden Europas zum Abschluss, die mit „Lietuva“ und „Norse“ begonnen hatte. Nach der Hommage an Litauen, einem Land, zu dem Howden über die Jahre einen besonderen persönlichen Bezug entwickelt hatte, und der dem Skandinavischen gewidmeten Fortsetzung, ist der Sänger und Geiger nun in seiner britischen Heimat angekommen und liefert seine eigene musikalisch-atmosphärische Interpretation dessen ab, was für ihn den Weiterlesen
REINHOLD FRIEDL: KORE Performed Live By Zeitkratzer
Auf „KORE” steht ein Merkmal im Vordergrund, das bei vielen Aufnahmen von Reinhold Friedl und seinem Ensemble zeitkratzer eine wichtige Rolle spielt, nämlich die Aufnahme live eingespielter Instrumentalbeiträge mit Amps, wobei es weniger um den Aspekt der Lautstärke geht, sondern um die vielfältigen Möglichkeiten, einzelne Klänge auf untypische Art zu fokussieren und zu exponieren, was zu einem mitunter stark veränderten Klangresultat führen kann. Der hier vorliegende Mitschnitt vom Hamburger Klub Katarakt-Festival 2013 ist eine Weiterlesen
MAJA OSOJNIK: Let Them Grow
Die in Wien lebende Sängerin und Klangbastlerin Maja Osojnik arbeitet seit den frühen 90ern mit zahlreichen Gruppen zusammen und wirkte an mehr als zehn Alben maßgeblich mit, die in die unterschiedlichesten musikalischen Himmelsrichtungen drängten. Kurz vor ihrem vierzigsten Lebensjahr bringt sie (nach einem vor sechs Jahren erschienenen Polka-Album) ihre erste nur auf Eigenkompositionen basierende Solo-Platte heraus, und nach eigenen Angaben ist das stark persönlich gefärbte „Let Them Grow” das Resultat eines Weiterlesen
ANDREW LILES: Animal Magick
Nach den rund zwanzig Jahren, die Andrew Liles nun die Welt mit musikalischen und visuellen Monstrositäten bereichert, kann man durchaus ein Resümee zu der Richtung wagen, die sein bisheriges Werk genommen hat. Liles ist über die Jahre bunter, schriller und extrovertierter geworden, der Spaß an immer wieder neuen Facetten des Bizarren ist offensichtlicher, und nichts ist ihm heute fremder als das bisweilen trockene und vornehme Image der allgemein als experimentell bezeichneten Musik. Weiterlesen
NOVEMBER NÖVELET: The World In Devotion
Von den minimalistischen analogen Dissonanzen, die das Debüt „More Satanic Heroes“ prägten, hat sich der Haus Arafna-Seitenableger hin zu einer von Vintagesynths geprägten minimalen, analogen und melancholischen Popmusik entwickelt und auf inzwischen drei Alben und drei EPs gezeigt, wie – Achtung! Oxymoron – zeitgemäße an der elektronischen Vergangenheit orientierte Musik klingen kann. Weiterlesen
KEDA: Hwal
Auf Koreanisch bedeutet „Hwal“ Bogen, und mit etwas Fantasie könnte man das auf den großen Bogen beziehen, der auf Kedas so betiteltem Debüt gespannt wird – von Korea über Frankreich bis Burkina Faso, von höfischer und volkstümlicher Musik bis hin zu Blues, Dub und experimenteller Elektronik. Vom Naturbelassenen bis zum gestylten Feinschliff. Von meditativer Ruhe zum tanzbaren Groove in dezenter Gangart. Darüber hinaus kommt auf der Musik aber auch ein Bogen zum Einsatz. Weiterlesen
GENETIC TRANSMISSION: Last
Das polnische Projekt, das sich nach einem bekannten SPK-Track benannt hatte, existiert schon ganze zwanzig Jahre lang und hat sich in vielen Aufnahmen einem Sound verschrieben, der dem entspricht, was Leute wie Vivenza einmal mit einem Begriff wie Industrial verbunden hatten: Gesamplete, kollagierte und nur subtil bearbeitete Sounds aus den Bildwelten industrieller Produktionsstätten. Dennoch bekommt man bei der Musik von Tomasz Twardawa schnell den Eindruck, dass es nicht einfach um eine Dokumentation oder atmosphärische Nachzeichnung von Weiterlesen
NOVÝ SVĚT / GERMAN ARMY: Split 7”
Von dieser im vergangenen Herbst erschienenen Split 7” sind wahrscheinlich nur noch wenige Exemplare zu ergattern, aber da mich das gute Stück nun nach einer postalischen Irrfahrt doch noch erreicht hat, soll es den Lesern unserer Seite, die sicher zum Großteil mit dem undefinierbaren Kosmos Nový Světs und der von Noise und Exotica angereicherten Elektronik German Armys vertraut sind, nicht vorenthalten werden. Weiterlesen
FAMILY FODDER: Sunday Girls (Director’s Cut)
Hätte es 1979 die Punk’n'Wave-Kultur noch nicht gegeben, so hätten Alig Pearce und seine Band Family Fodder diesen ganzen Kosmos im Alleingang erfinden können, denn wenige Bands aus dieser Ära, die Simon Reynolds in seinem Band „Rip It Up And Start Again“ abfeiert, konnten es mit dadaeskem Humor, rebellischem Sarkasmus und sprunghafter musikalischer Vielfalt mit dem nerdigen Kollektiv aufnehmen, dem in der gängigen Geschichtsschreibung alternativer Musik meist nur ein kleines Kapitel beigemessen wird, das unter Freunden experimenteller Weiterlesen
ANEMONE TUBE: Golden Temple
Im Zentrum von Tokyos Bezirk Minato erhebt sich die Skyline der Roppongi Hills, einer Gruppe von Bürotürmen um den mächtigen Mori Tower, den die kritisch gesinnten unter den Einheimischen in leicht abergläubischer Weise den bösen Turm nennen. In ihrer Wahrnehmung steht er für die Macht, die das Kapital und der entfesselte Konsum auf alle Lebensbereiche ausweitet. Für den Musiker Anemone Tube, der vor einigen Jahren Japan bereiste und am Fuße der Türme das Covermotiv und nicht wenige der Sounds seines aktuellen Albums „Golden Temple“ aufnahm, ist der Ort ein Symbol der Weiterlesen
JOCHEN ARBEIT & HUAN: s/t
Mit Jochen Arbeit und Víctor Hurtado alias Huan treffen zwei erfahrene Klangzauberer auf einander, die schon lange in unterschiedlichen Konstellationen aktiv sind. Arbeit, der erstmals mit Die Haut von sich reden machte, seit knapp zwanzig Jahren bei den Einstürzenden Neubauten die Gitarre spielt und neben vielen weiteren Aktivitäten mit Julia Kent, Palumbo und Beauchamp dröhnt und mit Mueran Humanos rockt, sollte hierzulande jedem Freund ausgefallener Musik bekannt sein. Sein katalanischer Kollege Hurtado ist jedoch nicht minder Weiterlesen
THE ISLAND BAND: Like Swimming
Wenn eine Island Band ein Album namens „Like Swimming“ herausbringt und das Cover noch mit einer Strandlandschaft illustriert, klingt das alles sehr nach Wohlfühlplatte, und dies zu allem Überfluss nicht einmal zu Unrecht. Aber es ist auch eine Wohlfühlplatte aus dem Hause Hubro, und damit sind doppelte Böden, überraschende Wendungen und ein bisschen Spannung und Verlorenheit inmitten all der Tagträumerei erwartbar. The Island Band ist eine Art Supergroup norwegischer Musiker quer durch alle möglichen und unmöglichen Weiterlesen
POST SCRIPTVM: Gauze
Es gibt Musiker, die erst nach einigen Jahren ihre besondere musikalische Sprache finden, vielleicht anfangs noch einem Genre anhängen und erst mit der Zeit einen unabhängigen Stil finden. Oder aber sie irren anfangs noch etwas unsicher umher um erst nach einigen wechselhaften Releases ihre Heimat in etablierten Strukturen finden. Dann gibt es aber auch solche, die von Anfang an wissen, wohin die Reise geht und ihre einmal eingeschlage Richtung nur variieren und verfeinern. Zu dieser Gruppe zählen die beiden in New York lebenden Andrei und Liana, die als Post Scriptvm Weiterlesen