AIN SOPH / SIGILLUM S: s/t

In der Geschichte okkulter Musik waren die späten Achtziger eine wichtige Umbruchszeit. Zwar gab es okkult-rituelle Musik in der Tradition der Industrial Culture schon das ganze Jahrzehnt über, doch waren es die Jahre kurz vor den Neunzigern, als all dies mehr und mehr die Form von Genres annahm, ganz in der Nachbarschaft siedelte sich schon bald der personell und thematisch zum Teil verwandte Apocalyptic Folk an. Zeitgleich nahmen breitere Kategorien wie Post Industrial oder die Schwarze Szene ihre heutigen Konturen an und stellten als oft nur halbherzig akzeptierte Rahmen mit ihren Magazinen und Festivals einen wichtigen Multiplikator dar, was bis heute der Fall ist.

Italien war schon damals ein Land mit einer besonders rührigen Szene und zugleich weitaus obskurer als etwa der englischsprachige Raum. Mit Ain Soph und Sigillum S taten sich 1989 zwei Gruppen zusammen, die in ihrem damals bei Cthulhu Records veröffentlichten Tape einen recht weiten Bogen italienischer Okkultur spannten. Beider Gruppen kamen mit Rom und Mailand aus kulturell sehr unterschiedlichen Ecken des Landes. Doch auch musikalisch verkörperten die beiden Bands recht unterschiedliche Richtungen innerhalb des Ritualbereichs.

Ain Soph, die die erste Seite der frühen Tape- und Vinlyfassungen bestreiten, galten zu der Zeit als eine der mysteriösesten Kapellen der dunklen Subkultur – dies lag nicht nur an ihren geheimnisvollen Pseudonymen und den spärlichen Informationen, die es über sie gab, sondern auch an der verhuschten und zugleich urigen Musik: Auf den frühen Ritualaufnahmen „I“, „II“, „III“ und „Ars Regia“ ist eine Musik zu finden, die als fernes Echo unheiliger Riten wie aus einem unterirdischen Schacht in die profane Welt herüberweht, und als auf „Kshatriyah“ Noiseelemente und eine Sopranistin zu hören waren, verstärkte dies den gespenstischen Eindruck noch. Die vier Tracks auf der vorliegenden Split schließen diese Phase der Bandgeschichte ab.

Innerhalb des Ritualkanons stehen die Römer für eine primär europäische Form der Esoterik, auf dem eröffnenden „Rex Tremendae“, das mit untergründig rumorendem Dröhnen beginnt und eine bedrohliche, stets etwas veränderliche Melodie anklingen lässt, ertönt die verwehte, leicht tremolierende Stimme von Sänger Crucifige wie ein Choral, was im Kontext der düsteren Musik eine „schwarzmagische“ Atmosphäre entstehen lässt. Das folgende „Etsey“ greift die Sakrale Stimmung auf und ist zugleich überraschend songorientiert. Mit dem Troubadourgesang und dem besinnlichen Lautenspiel knüpft es bereits an die Phase des „Ain Soph“-Albums mit dem Puttenkopf an. „Katabasis“ dagegen mit seinem hintergründigen Prasseln und der fast zur Unkenntlichkeit verfremdeten Vokalspur ist pure Finsternis, und das mittelalterliche „Retrowange Novelle“ steht dem mit seiner schweren Orgel in nichts nach.

Wenn ich auf die Unterschiedlichkeit beider Gruppen verweise, soll das nicht heißen, Sigillum S stünden für eine heitere Form der Ritualmusik – von der Stimmung her sind sie ähnlich düster, und doch ist ihre Ästhetik eine ganz andere, wirkt längst nicht so sehr wie aus einer schattenhaften Parallelwelt gefallen, ist näher an Sound und Ikonografie des Industrial. Schon der Gesang Eraldo Bernocchis passte damals perfekt in die Zeit und erinnert hier und da an einen etwas aus den Fugen geratenen Monte Cazzazza. Zudem ist der Ritualcharakter um einiges „weltmusikalischer“ ausgerichtet, im die zweite Seite einleitenden „Sea ov Dreams“, das die Zerstörung eines alten, zu überwindenen Zustands zu feiern scheint, kontrastieren düstere Soundscapes mit verhalten ekstatischer Perkussion und folkigen Flötenklängen, die allerdings nichts Pastorales an sich haben.

In „Abyss Dissection“, bei dem der Rhythmus antreibender wird und insgesamt die Elektronik mehr im Vordergrund steht, tauchen erneut tremolierende Bläserklänge aus der auf und abschwellenden Dröhndecke und erinnern stark an die Instrumente vom Dach der Welt, die die Mailänder auf früheren Arbeiten verwendet hatten. Mit dem Klangstrudel, der aus diesem Gemenge entsteht, ziehen Sigillum S alle Register der Düsternis, mit allem Gruftiepathos im Gepäck fühlte man sich direkt in Dantes tiefsten Höllenkreis geworfen, gegen den das folgende, etwas luftigere „The Deepest of my Brain“ trotz der knarzigen Männerstimme wie Labsal anmutet – allerdings nur für kurze Zeit, denn filmreife John Carpenter-Synthies und weiblicher Gesang aus der Giallo-Kiste tauchen „Into the Nothing“ erneut in Schwärze, an der sich bis zum aufgewühlten Ausklang von „Iconsire“ nichts mehr ändert.

Die Split ist nicht nur deshalb ein Juwel, weil sowohl das Original-Tape als auch die Ende der 90er von Old Europa Café herausgebrachte Vinylversion gesuchte Raritäten sind. Es ist auch ein schönes und emotional immer noch funktionierendes Exponat aus einer Zeit, als im gerade erst mit diesem Begriff versehenen Ritual-„Genre“ noch das Experimentieren und Ausprobieren vorherrschten, als man alle möglichen Formen des Düsteren aus Hoch- und Populärkultur im Interesse eines ambitionierten und doch auch oft augenzwinkernden Okkult-Ansatzes zweckentfremdete, und das ganze noch nicht so sehr in allzu spezielle Konzepte parzellisiert war. Vor kurzem hat sich Old Europa Café erneut dem Material angenommen und erstmals eine CD-Version herausgebracht. (U.S.)

Label: Old Europa Café