SIAVASH AMINI: Eidolon

Ganz ohne Vorwarnung weht einen der iranische Komponist und Producer Siavash Amini mit einem prasselnden Windrauschen in die Mitte eines turbulenten Geschehens. “Ortus”, der Opener seines neuen Albums “Eidolon”, startet mit hohem Tempo, das ohne rhythmische Strukturen auskommt und dessen Fluss auf feinsinnig faseringen Sounds basiert, die von gelegentlichen Detonationen durchzogen sind. Gerade wenn man sich auf ein ziemlich noisiges Klangbild eingestellt hat, wandelt sich der Sound in etwas Luftigeres, unter das sich mehr und mehr ein dunkles, hallendes Dröhnen schiebt.

Was hier bisweilen wie ganz spontan und beiläufig entstanden wirken könnte, basiert in Wirklichkeit auf langen Überlegungen, denn Amini hat sich in der Vergangenheit – und nicht nur im Vorfeld der Aufnahmen zu “Eidolon” – ausgiebig mit musikalischen Skalen befasst, die nicht auf den vertrauten westlichen Halbtonsystemen basieren und somit mikrotonalen Intervallen einen zentralen Raum geben. In klassischer persischer Musik konnte ein solches Tonleitersystem wie die von Safi-al-din Urmavi konzipierte 17-Ton-Skala reizvolle, oftmals kontrastreiche Resultate hervorbringen. Amini ging der Frage nach, inwiefern solche Systeme auch in der heutigen Musik (und seiner eigenen) relevant sein könnten und begann, auf diese Weise für eine experimentelle Musik zu komponieren, die klassische Instrumente als Rohmaterial mit Elektronik kombiniert. Bereits in der Produktion von “A Trail of Laughters” fanden solche Überlegungen statt, vielleicht auch schon bei dem vor knapp einem Jahr erschienenen “Songs for Sad Poets”, doch es sollte bis zur Komposition von “Eidolon” dauern, dass sie eine zentralen Rolle spielen.

Was an “Ortus”, das man aus dem Lateinischen u.a. mit Entstehung übersetzen kann, beeindruckt v.a. durch sein stetiges Begriffensein im Wandel, bei dem man tatsächlich einem Entstehungsprozess beizuwohnen meint. Das dunkle Dröhnen nimmt eine wellenförmige Struktur an und drängt die lärmigen Schleifgeräusche bald in den Hintergrund, irgendwann meint man einen Regenschutt zu hören, der ebenfals diese Wellenförmige Struktur bekommt, nur um irgendwann ganz plötzlich im Äther zu verschwinden. Singelnde Hochtöner und die – kontrastierende – Illusion von sakraler Orgelschwere sind weitere Wegmarken des Stücks for seinem Finale, und dass man “Ortus” auch als Sonnenaufgang übersetzen kann, mag man angesichts der unglaublich dunklen Musik hier kaum glauben.

Die beschriebene Heterogenität und der stetige Gestaltwandel prägen auch die beiden anderen Stücke des Albums. “Instant”, dessen Titel auf gewisse Weise auf den unmittelbaren Moment verweist, der in dem Zusammenhang immer ein Moment des Bruchs sein muss, startet rauer, krachiger und lässt zugleich einen monoton levitierenden (Synthie?)-Orgelsound dröhnen. Gleichwohl sich der Track gemächlicher entwickelt, ist in der langsamen Bewegung durch eine desolate Landschaft mit sirrenden Obertönen eine stetige Intensivierung zu spüren. Ein fast aufschreckender Bruch leitet dann über in einen weitaus harmonischeren Teil, in welchem so etwas wie Streicher-. Bläser- und Vokalparts zu vernehmen sind. Nicht ohne Spannungsmomente steigert sich der melodische Wohlklang zu einem geradezu erlösend hellen Finale. Auch “Relicto” (das Verbleibende), das mit einem unregelmäßigem, leicht schwindeligen Kreisen von so etwas wie Celloklängen beginnt, verdankt seine Intensität zahlreichen Wendungen, Engführungen und klanglichen Illusionsbildungen. Das Anfangstableau, das sich mit der Zeit rauschender gibt, wird zum Hintergrund allerlei krachendes, klapperndes, rauschendes und hochtönendes, in dessen Lärm sich die Illusion von Vogelstimmen mischt, bis ein Dröhnen von der Qualität eines Schiffshorns übernimmt.

Viele weitere Details erscheinen auf dem Plan, doch stets sind sie der Ausgangspunkt neuer Bewegungen, bis alles in einem sanften, behutsamen Ausklang endet. Zurück bleibt – quasi als Relikt – der Eindruck einer ungewöhnlichen und doch fesselnden Musik, die westliche Verständnisse von Tonalität vielleicht ähnlich bereichern kann wie die Neue Musik Irans duch die Kombination klassischer Tonalität mit elektronischen Klängen und experimentellen Techniken. (U.S.)

Label: Room40