Vor einigen Jahren veröffentlichten das Downloadportal Woven Wheat Whispers und das Label Cold Spring die Doppel-CD „John Barleycorn Reborn”. Unter dem Titel des vielfach interpretierten Traditionals „John Barleycorn” (ver)sammelten sich eine Vielzahl britischer Künstler, die alle ihr eigenes Folkidiom sprachen und die mit verschiedenen Ansätzen und unterschiedlichen Mitteln versuchten, Folk für das 21. Jahrhundert relevant zu machen. Dabei reichte die Bandbreite zwar von eher experimentelleren bis hin zu sehr der Tradition verpflichteten Tracks, wobei dennoch deutlich wurde, dass alle Beteiligten weitaus Weiterlesen
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STONE BREATH: The Aetheric Lamp
Kurz nach der Split-LP mit Language of Light folgt das den gleichen Titel tragende Vollzeitalbum des neuen, „lokalen“ Lineups von Stone Breath. Schon die drei Stücke auf dem Splitalbum machten deutlich, dass der Klang dieser Band durch das Zusammenspiel von Banjo und Akustikgitarre dynamisch(er) wirkt. Thematisch präsentiert Renner hier erneut (s)eine theologische Vision, die durch Zeilen wie „O the thunder has a voice if we have ears to hear it/Although the sound will terrify if we have reason to fear it“ („The Voice of the Thunder“) oder „Rise upon the altars of living breath or upon the shrapest horns of death“ stellvertretend Weiterlesen
OTHON: Impermanence
Drei Jahre nachdem Othon Mataragas sein Debüt „Digital Angel“ auf David Tibets Label Durtro veröffentlichte, folgt mit „Impermanence“ der schon länger angekündigte Nachfolger. Zwei der Sänger, die das Debüt entscheidend (mit)prägten – Ernesto Tomasini und Marc Almond -, spielen auch auf dem neuen Album eine zentrale Rolle. Vor einigen Monaten kündige Othon an, dass seine künftigen Werke alle unter dem Motto „PAN muzik“ stünden, dabei äußerte er sich jüngst in einem Interview mit dem Magazin Exeunt zum gewählten Begriff: „Pan transcends all styles and limitations. Weiterlesen
Alle Stammbäume der Menschheit laufen, wenn man in der Zeit zurück geht, irgendwo zusammen: Interview mit Weyes Blood
Seit einiger Zeit hat dunkle Musik auch wieder in Medien jenseits subkultureller Engstirnigkeit Akzeptanz gefunden. Die Gründe dafür sind sicher unterschiedlicher Natur: Aber wahrscheinlich sollte man es nicht als Widerspiegelung der düsteren Zeiten, in denen wir leben, deuten, sondern viel eher damit erklären, dass inzwischen eine Reihe Künstler mit anderer musikalischer Sozialisation und aus den verschiedensten Genres einer angestaubten und mumifizierten Gattung eine Frischzellenkur verpasst haben. Weiterlesen
STONE BREATH/MIKE SEED WITH THE LANGUAGE OF LIGHT: The Aetheric Lamp
„Before the many, there were the few“ schreibt Jeanette Leech in Seasons They Change – ihrer Abhandlung über die Geschichte des Acid- und Psychedelicfolk – im Kapitel, das sich den drei Bands widmet, die lange bevor Free/Weird/Wyrdfolk ein Thema der Mainstreammedien werden sollte, Musik spielten, die von der Incredible String Band und Comus beeinflusst war, nämlich Stone Breath, In Gowan Ring und The Iditarod. B’ee hat sich nach vier Alben als In Gowan Ring mit Birch Book stärker am amerikanischen Folk orientiert und drei hervorragende Alben veröffentlicht, wird aber immer noch primär von denen rezipiert, Weiterlesen
DAVID LYNCH: Crazy Clown Time
Wenn es einem Künstler gelungen ist, dass sein Name adjektivisch gebraucht wird, so bedeutet das mindestens zweierlei: eine Kanonisierung einerseits und andererseits, dass sein Werk gewisse inhaltlich-ästhetisch-gestalterische Konstanten aufweist, wiederkehrende Motiv(komplex)e. Beispiele wären etwa Kafka (der Mensch ist nicht zu durchschauenden Mächten ausgesetzt), Lovecraft (der Mensch ist einem nicht zu beherrschenden kosmischen Grauen ausgesetzt), Cronenberg (der Mensch in seiner Fleischlichkeit), Thomas Bernhard (Invektive in rhythmisch-musikalischer Sprache). Auch Lynch hat schon lange seinen Platz Weiterlesen
MIGHTY SPHINCTER: Rare Unearthed Videos
Gothic hatte schon von Anbeginn immer etwas Theatralisches und auf die Vergangenheit Gerichtetes: Man denke etwa an die Auftritte von Bauhaus, die durch die Beleuchtung an expressionistisches Kino erinnerten – nicht zufällig war die erste Veröffentlichung der Band eine (augenzwinkernde) Hommage an Bela Lugosi. Nik Fiend wirkte dank Schminke ganz so, als habe George A. Romero Mephisto auf Leinwand bannen wollen, die Nebelexzesse der Sisters of Mercy sind legendär und die Virgin Prunes, die natürlich nie in das enge (Genre-)Korsett passten, waren vielleicht die theatralischste all der Bands der frühen 80er. Weiterlesen
PREMATURE EJACULATION: Dead Whorse Riddles
Die sechzehn auf zwei CDs verteilten Tracks von „Dead Whorse Riddles“ (das Schachtelwort aus „whore“ und „horse“ verwendete Williams später als Titeltrack („Whorse“) als auch als Albumnamen („The Whorse’s Mouth“)) knüpfen an die bisher veröffentlichten Alben der „Lost Recordings“-Serie an, transzendieren sie aber auch zugleich: „The Nature of Pain“ schafft es durch das Zusammenspiel von Loops eine intensive Klangfläche zu erzeugen, in der die einzelnen Elemente sich zu einem Gesamten verdichten, das wie so oft bei Williams eine Atmosphäre der latenten Bedrohung ausstrahlt. Weiterlesen
SIMON FINN – Through Stones
Es mag diejenigen, die etwas mit Simon Finns Werk und Werdegang vertraut sind, nicht überraschen, dass er den Titel des Abschlusstracks „A Bad Plan is Better Than None“ in den Linernotes als Motto seiner Lebensphilosophie bezeichnet, denn in den Jahrzehnten seit Finn sein Debüt „Pass the Distance“ veröffentlichte, schien er zumindest partiell vom Pech verfolgt zu sein: Wegen unklarer Rechtslage verschwand das Album kurz nach Erscheinen recht schnell wieder aus den Regalen, seiner Tätigkeit als Biobauer in Kanada, wo er seit Anfang der 70er lebte, kam er zu einem Zeitpunkt nach, als die Zeit noch nicht reif Weiterlesen
SAMARIS: Hljóma Þú
Der Name Island hat eine ungeheure Resonanzkraft, die der archaischen Landschaft – welch Paradox: Ist doch das geringe Alter der Insel der Grund für die unberechenbare(n) Natur(gewalten) – geschuldet ist und wie bei keinem anderen Land der Welt wird eben diese Landschaft evoziert, um die Musik isländischer Künstler zu erklären und beschreiben. Zwei Beispiele, die ohne langes Suchen exemplarisch für den Konnex Natur-Kultur (Musik) Weiterlesen
CONTROLLED BLEEDING: Odes to Bubbler
Inmitten der akzellerierenden und ins Absurde gesteigerten Genreneuschöpfungen sollte man sich der Einfachheit halber vielleicht darauf einigen, dass es auf der einen Seite die Bands gibt, denen man Konsequenz bescheinigen kann, deren Werk sich nur minimal(st) ändert und die die an sie gestellten Erwartungen niemals enttäuschen – die Kehrseite ist eine oftmals große Vorhersehbarkeit, die ermüdend sein kann, von vielen Hörern aber sehr geschätzt wird (der Hörer möchte „nicht in seiner Ruhe gestört sein […] sondern [ist] schon glücklich […], wenn er die alte, vertraute Landschaft wiedersieht“ (Bataille)). Weiterlesen
THE HAXAN CLOAK: s/t
Es ist erfreulich, wenn in einer Zeit der zunehmenden Irrelevanz von Musik noch Labels existieren, die eine konsequente Labelpolitik betreiben. Dabei haben es Aurora Borealis in den letzten Jahren geschafft, im Spannungsfeld zwischen Akustik und Elektronik, zwischen Song und Experiment Bands zu veröffentlichen, die alle eine eigene, oftmals sehr originelle Handschrift tragen. Ich habe schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass eine Reihe der Künstler dieses Labels versuchen, einen locus horribilis zu erschaffen, Musik machen, die den Hörer in Regionen versetzen soll, in denen nichts (mehr) sicher zu sein scheint, Weiterlesen
KINIT HER – Interview
KINIT HER, das aus Nathaniel Ritter und Troy Schafer bestehende Duo, hat innerhalb kurzer Zeit mit einer Reihe von Veröffentlichungen ein originelles Werk erschaffen, das sich aus einem reichhaltigen Fundus teils randständiger Musik speist und das im Spannungsfeld zwischen Song und Experiment, Folk und rituellen Klängen steht. Titel und Artwork verorten KINIT HER in Regionen jenseits der Ratio und Nüchternheit. Seit kurzen besteht neben KINIT HER das neue Projekt WREATHES, das stärker auf den Song fokussiert ist. Weiterlesen
WRAITHS: Dust in Our Mouths
„I will show you fear in a handful of dust“ T.S. Eliot
„The nethermost caverns […] are not for the fathoming of eyes that see; for their marvels are strange and terrific. […] Great holes secretly are digged where earth’s pores ought to suffice, and things have learnt to walk that ought to crawl.” H.P. Lovecraft
Labels wie Aurora Borealis sind die Heimstatt von Grenzgängern, die enge Genrekorsetts zu Recht sprengen: MENACE RUINE, WOLFMANGLER, BURIAL HEX, KTL oder SYLVESTER ANFANG II sind nur ein paar der Bands und Projekte, die in den letzten Jahren dort Alben veröffentlicht haben. Weiterlesen
HERRMANN KOPP: Under A Demon’s Mask
Eine Neuerung gibt es bei dem kleinen Label aus Braunschweig: Fanden sich in der Vergangenheit neben dem Hausprojekt HAUS ARAFNA oder dessen Ableger/Ergänzung NOVEMBER NÖVELET nur Künstler, die auf Galakthorrö debütierten, wird nun zum ersten Mal ein Musiker veröffentlicht, der eine (musikalische) Vergangenheit hat: Herrmann Kopp, der am bekanntesten für seine Soundtracks zu den beiden Buttgereit-Filme “Nekromantik“ und “Der Todesking“ sein dürfte, hat ein Album aufgenommen, das von seiner elektrischen Geige dominiert wird, die teilweise klingt, als würde Hermann Kopp ein Theremin spielen. Weiterlesen
MONTE CAZAZZA – The Cynic
Wird der Name Monte Cazazza genannt, so ist das, was ich den Raunfaktor nennen möchte, sehr hoch, schließlich hat der Kalifornier in den 70ern den Slogan „industrial music for industrial people“ erfunden (der zur Bezeichnung für ein ganzes Genre werden sollte), drehte zudem angeblich den ersten Kunstfilm, in dem ein Fistfuck gezeigt wurde („Mondo Homo“) oder ließ auf einem Kunstevent einen verwesenden Katzenkadaver verbrennen und verwehrte den angeekelten Besuchern die Flucht. Weiterlesen
FURSAXA: Mycorrhizae Realm
Seit Jahren veröffentlicht Tara Burke unter dem Namen Fursaxa Alben, die sich einer einfachen Kategorisierung (Schublade „Weird Folk“ auf und wieder zu) widersetzen. Was Stimmung wie Stimme anbelangt, könnte man fast soweit gehen und sagen, dass Fursaxa näher an Nico als an Vashti Bunyan oder Shirley Collins ist (eine Einschätzung, die einige andere Rezensenten zu teilen scheinen). Teilweise erinnert Burke auch etwas an Sharron Kraus (mit der sie auf dem Projekt Tau Emerald zusammengearbeitet hat). Weiterlesen
ROZZ WILLIAMS: The Lost Recordings
Rozz Williams hat spätestens mit seinem Freitod am 1. April 1998 endgültig (s)eine Apotheose erfahren und ist in den Olymp (oder besser: Hades) eingekehrt. Obwohl primär durch seine songorientierten Arbeiten verkultet – Christian Deaths 1982 erschienenes Debüt „Only Theatre of Pain“ dürfte eines der besten Death Rock-Alben aller Zeiten sein, Shadow Projects zweites Album „Dreams for the Dying“ fügte gothischer Grundstimmung komplexe und experimentelle Strukturen hinzu, seine zwei sicher von Jim Morrisons „American Prayer”-Album beeinflussten Spoken Word- Alben präsentierten Szenarien gespeist aus Heroin- und Alkoholabusus, aus Depression(en) und (A-)Religiosität. Weiterlesen
LUSTMORD – Interview
„There is a place/Within darkness/Beyond, between/Without name“
Brian Williams’ Projekt entstand in den Nachwehen der ersten Industrialgeneration. Seine Bekanntschaft mit Throbbing Gristle, SPK und Monte Cazazza ließ ihn zuerst noch in bester transgressiver Tradition atonale Klänge herstellen, bevor er sich weniger konfrontativer und atmosphärisch dichterer Musik zuwandte und dabei ein Genre erfand, das unglücklicherweise wenig originell mit Dark Ambient betitelt wurde Weiterlesen