SIXTH JUNE: Back For A Day

Irgendwann vor ein paar Jahren waren sie da, die Achziger als positive Bezugsgröße derzeitiger Popmusik. Schnell waren sie allgegenwärtig, zuletzt so selbstverständlich, dass man sie bald kaum noch hervorheben musste. Mittlerweile kann man die Frage, inwiefern sie nur Vorstufe von etwas waren, das noch kommen sollte, unter veränderten Vorzeichen neu stellen. Ein großes Novum, das sich im New Wave und seinen musikalischen Ausdrucksformen abzeichnete, war eine neue Sprache über Liebe Weiterlesen

V. A.: Thanateros – Visions Of Love & Death

Jede Subkultur kennt sie: Familientreffen, bei denen sich alte Freunde die Hand schütteln, sich gegenseitig versichern, dass man noch immer zusammen gehört, auch wenn sich die Bande über die Jahre etwas gelockert haben. Familien dieser Art bilden sich häufig im Umfeld beliebter Bands oder im Dunstkreis einiger Kultlabels. Gelegentlich auch um Magazine. Weiterlesen

CONTROLLED BLEEDING: Odes to Bubbler

Inmitten der akzellerierenden und ins Absurde gesteigerten Genreneuschöpfungen sollte man sich der Einfachheit halber vielleicht darauf einigen, dass es auf der einen Seite die Bands gibt, denen man Konsequenz bescheinigen kann, deren Werk sich nur minimal(st) ändert und die die an sie gestellten Erwartungen niemals enttäuschen – die Kehrseite ist eine oftmals große Vorhersehbarkeit, die ermüdend sein kann, von vielen Hörern aber sehr geschätzt wird (der Hörer möchte „nicht in seiner Ruhe gestört sein […] sondern [ist] schon glücklich […], wenn er die alte, vertraute Landschaft wiedersieht“ (Bataille)). Weiterlesen

MARC ALMOND & MICHAEL CASHMORE: Feasting With Panthers

Ein Festmahl mit Raubtieren – eine ebenso reizvolle wie bedrohliche Situation, bei der es zwangsläufig vom Wesen des einzelnen abhängen muss, welche der beiden Empfindungen als stärker wahrgenommen wird. Im spätviktorianischen England, als dekadente Ausschweifungen vor der Fassade bürgerlicher Prüderie gerade einen rebellischen Geist versprühten, bezeichnete man mit dieser Wendung eine konkrete Situation. Es ging um die Neigung reiferer Herren, sich die Gunst weniger betuchter Jünglinge zu erwerben. Und um das Risiko, dadurch Opfer eines Skandals zu werden. Weiterlesen

THE HAXAN CLOAK: s/t

Es ist erfreulich, wenn in einer Zeit der zunehmenden Irrelevanz von Musik noch Labels existieren, die eine konsequente Labelpolitik betreiben. Dabei haben es Aurora Borealis in den letzten Jahren geschafft, im Spannungsfeld zwischen Akustik und Elektronik, zwischen Song und Experiment Bands zu veröffentlichen, die alle eine eigene, oftmals sehr originelle Handschrift tragen. Ich habe schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass eine Reihe der Künstler dieses Labels versuchen, einen locus horribilis zu erschaffen, Musik machen, die den Hörer in Regionen versetzen soll, in denen nichts (mehr) sicher zu sein scheint, Weiterlesen

FOVEA HEX: Here Is Where We Used To Sing

„Down down to the valley to dream of the faraway“

Als zwischen 2005 und 2007 die drei Mini-Alben „Bloom“, „Huge“ und „Allure“ veröffentlicht wurden, die die „Neither Speak Nor Remain Silent“-Trilogie konstituierten und später in einer Box zusammengefasst wurden, ging ein Rauschen durch den Blätterwald: Clodagh Simonds, in den 60ern Vokalistin bei MELLOW CANDLE und später kurzzeitig Gastsängerin bei u.a. THIN LIZZY und Mike Oldfield Weiterlesen

MARISSA NADLER: Marissa Nadler

Es hat immer den Hauch von etwas besonderem, wenn ein Musiker oder eine Band nach einigen Jahren erstmals ein selbstbetiteltes Album herausbringt. Es kann, wie beim berühmten schwarzen Album Metallicas ein endgültiges Ankommen im Mainstream markieren, oder auch für die Selbsteinschätzung stehen, nun endgültig den eigenen, unverwechselbaren Stil gefunden zu haben. Etwas wie auch immer Endgültiges scheint da stets anzuklingen. In Marissa Nadlers Fall dürfte ersteres zum Glück nicht gelingen, doch in der Tat scheint sie musikalisch ein bisschen zu sich selbst gekommen zu sein. Weiterlesen

ORGANUM: Sorow

David Jackman ist ein Meister der Reduktion: Waren die frühen auf L.A.Y.L.A.H. erschienenen Veröffentlichungen noch von Bildern (u.a. einem mittelalterlichen Holzschnitt oder einem ägyptischen Motiv) geziert, folgten an Max Ernst erinnernde komplexe Kollagen, später fanden sich nur noch Photos, bevor auf den Veröffentlichungen der jüngeren Zeit (wie auch schon bei den Compilations „Volume One“ und „Volume Two“) völlig auf das Piktorale verzichtet wurde und eine völlige Konzentration auf das Wort, auf den Titel stattfand. Weiterlesen

ROZZ WILLIAMS / PREMATURE EJACULATION: Body of a Crow

Die (Wieder-)Veröffentlichung von Rozz Williams’ „Lost Recordings” geht in die fünfte Runde. Unter dem Projekttitel The Happiest Place on Earth (der natürlich an Disneyland anspielt) 1986 auf Tape gebannt, knüpfen die von Williams und Chuck Collison gemachten Aufnahmen nahtlos an Premature Ejaculation-Tracks an. Auf „Body of a Crow“ finden sich 26 kurze Stücke, die wieder stark loopbasiert sind. Weiterlesen

ARBEIT/BEAUCHAMP/PALUMBO: Torino 012010

Ich weiß nicht, wann Jochen Arbeit erstmals auf das schon länger befreundete Gespann Beauchamp und Palumbo gestoßen ist, das meist noch zusammen mit Julia Kent unter dem Namen BLIND CAVE SALAMANDER firmiert. Die Zusammenarbeit der drei Klangbastler stand jedenfalls von Beginn an unter einem guten Stern. Seit Jahren touren sie inklusive Verstärkung, und die sanfte Dröhnung ihrer gemeinsamen Jams dürfte gerade für den Gitarristen der EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN eine willkommene Abwechslung darstellen. Weiterlesen

MIMICOF: RundSkipper

Die aus Kyoto stammende Pianistin und Soundkünstlerin MIDORI HIRANO hat sich mit ihren Tonträgern und Filmscores längst auch in ihrer deutschen Wahlheimat einen Namen gemacht. Mit ihren ambienten Klangwelten, deren meditativer Charakter stets hervorgehoben wird, ist die Musikerin ein regelmäßiger Gast auf Berliner Bühnen; Club Transmediale und das bekannteste Filmfestival der Stadt sind dabei nur bekannte Wegmarken, kleinere Themenabende wie zuletzt bei Staalplaat willkommene Gelegenheiten, ihre Musik auch im kleineren Rahmen zu präsentieren. Weiterlesen

DAVID ÅHLÉN: New Jerusalem

Wenn in subkulturellen Kontexten Bezug auf Religion genommen wird, so wird das oft (nur) in der Übersteigerung, im Spektakulären goutiert und akzeptiert, etwa in der Beschwörung der Apokalypse, dem sich Nutzbarmachen des Feuer und Schwefel-Vokabulars des Alten Testaments (z.B. Eugene Edwards), in dem Gott noch ein strafender war. Oder aber man vertont Hymnen randständiger und abseitiger Gruppierungen (wie jüngst SABBATH ASSEMBLY). Weiterlesen

ANEMONE TUBE: Death Over China

In einem Land, in dem Turbokapitalismus sich mit einem autoritären Regime paart, sind die Konsequenzen für die Umwelt katastrophal und weithin dokumentiert. Verglichen mit dem in einer Reihe von chinesischen Städten zu atmenden Miasma, das Atemluft zu nennen ein Hohn wäre, mutet Manchester zur Zeit der industriellen Revolution wie ein Luftkurort an. Weiterlesen

CUT HANDS: Afro Noise I

Spätestens als 1997 auf Susan Lawly „Extreme Music from Africa“ erschien, wurde klar, dass William Bennett sich für den dunklen Kontinent interessierte, ein Interesse, das sich allerdings erst 2003 auf dem WHITEHOUSE-Album „Bird Seed“ musikalisch manifestieren sollte (es sei denn, man folgt denen, die behaupten, die auf oben genannter Compilation vertretetenen Projekte wie ROROGWETA oder THE MBUTI SINGERS seien alles Pseudonyme von Bennett selbst gewesen, was beim erneuten Hören des Albums in unmittelbarer Nähe zu CUT HANDS nicht ganz so abwegig erscheint). Weiterlesen

SOL INVICTUS: The Cruellest Month

Bis zum 2005 erschienenen Album „The Devil’s Steed“ war es Tony Wakeford über die Jahre mit Hilfe von Leuten wie Sally Doherty und Matt Howden gelungen, SOL INVICTUS in eine harmonischere und klassische Richtung zu lenken und auf „Thrones“ sogar dezente Jazzeinflüsse zu integrieren. Er selbst bezeichnete das damalige Lineup mehrfach (u.a. in den Linernotes zu der Compilation „The Giddy Whirls of Centuries“) als das beste der Bandgeschichte. Weiterlesen

NOVÝ SVĚT: …Into Your Skies

Im Laufe der Jahre haben wir eine Reihe von sehr fruchtbaren Interviews mit Jürgen Weber geführt, die seine Herangehensweise(n) an die Musik beleuchteten und manchmal erhellten. Gleichzeitig sagte er uns zuletzt, wie sehr ihn an Interviews die oft zu Missverständnissen führende Zitierbarkeit störe. Insofern sollte man vorsichtig sein, wenn man sich jetzt auf frühere Äußerungen bezieht. Weiterlesen

GREAT LAKE SWIMMERS: Lost Channels

Die GREAT LAKE SWIMMERS wurden mir im Vorfeld als Band in der Nachfolge von Jason Merritt angekündigt. Das ist natürlich eine Empfehlung, nicht nur weil ich den Banjofolk und das ergreifende Tremolo des publicityscheuen Portlanders schätze, sondern auch weil seine beiden Projekte, die Band TIMESBOLD und das Einzelunternehmen WHIP, die Welt nicht gerade mit Aufnahmen überschütten. Da ist ein bisschen Schulemachen mehr als legitim. Weiterlesen

HAUS ARAFNA: New York Rhapsody

Puristen – und die gibt es insbesondere in Subkulturen so häufig, dass man sich vor lauter Reinheit manchmal  nach etwas Schmutz sehnt – mögen sich zuerst einmal vor den Kopf gestoßen fühlen: ein Album, das anlässlich des Auftritts der Modedesignerin Katie Gallagher bei der New York Fashion Week am 12. September 2009 konzipiert wurde?  Handelt es sich gar um den Versuch, Eintritt in die glamouröse Welt der Models gewährt zu bekommen? Was hat das mit Industrial, mit Transgression zu tun?  Weiterlesen

V. A.: Free Music Impulse. A Double Disc Compilation To Keep Hybrida Alive

Wie ein Rundumschlag durch die unterschiedlichsten Black-relevanten Musiksparten mutet diese Compilation an, auf der insgesamt dreiunddreißig Künstler das italienische Hybrida-Netzwerk in Erinnerung rufen – und einen kleinen engagierten Beitrag zu dessen Fortbestand leisten. Weiterlesen