HEDEROMERUHEN: 2

Als der Grafiker Daisuke Ichiba und der Noiser Yasutoshi Yoshida vor knapp zwei Jahren ihr „Antifolk“-Steckenpferd namens Hederomeruhen ins Leben gerufen hatten, konnte man die krude Mixtur aus monotonem Geschrammel, wilden Zitaten und durchaus schönen Akustiksongs auch als einmaligen Jungenstreich abtun – schon weil einer der beiden Japaner nicht einmal primär aus der Musik kommt. Doch die beiden sind Serientäter: In regelmäßigen Abständen produziert Ichiba neue Tusche-Zeichnungen mit der gewohnt brutalen Erotik, die trotz ihrer Vielzahl an Sujets eine eigene Handschrift und die Lust an der Repetition offenbaren. Ähnliches gilt Weiterlesen

MUTE SWIMMER: Second

Schon vor einigen Jahren schrieb ich zu einer früheren Mute Swimmer-Platte, dass es sich bei Guy Dales Stücken eigentlich um unplugged gespielte Rocksongs handelt – entgegen der hin und wieder getroffenen Rubrizierung im Folk. Die spärliche Instrumentierung hat dem Briten sicher in mehrfacher Hinsicht gut getan, ließ sie ihm doch Raum zum experimentieren und die Gelegenheit, sich auf einen weiteren Aspekt seines Projektes zu konzentrieren – seine poetischen Lyrics, die in den meisten Fällen sowohl im musikalischen als auch im rein literarischen Zusammenhang funktionieren (würden). Weiterlesen

LEILA ABDUL-RAUF & TOR LUNDVALL: Ibis/Quiet Seaside 7”

Leila Abdul-Rauf und Tor Lundvall blicken bereits auf langjährige Laufbahnen zurück, wenngleich Lundvalls Name öfter fällt, ist der im Nordosten der USA lebende Maler und Musiker doch hauptsächlich unter seinem bürgerlichen Namen und solo aktiv. Die in Kalifornien lebende Gitarristin Abdul-Rauf agierte bisher v.a. im Kontext verschiedener Bands, die wie Amber Asylum, Hammers of Misfortune oder Bastard Noise eine Bandbreite von organischem Ambient über Metal bis Noise und Powerviolence abdecken. Vor zirka drei Jahren trafen die beiden sich erstmals und fassten den Plan, ihren Vorlieben für heimelig-unheimliche Ambientwelten Weiterlesen

ASMUS TIETCHENS: Humoresken und Vektoren

Humor fand sich schon immer im Werk des Hamburgers, Titelgebung auf den frühesten Platten (etwa hier) zeugten von einer Haltung, der das Karnevaleske abging, die aber (vielleicht gerade deswegen) in besonderem Maße noch immer funktioniert und auch seine (hier gesammelten) Paralipomena mit Titeln wie „Das Scheitern als eine der schönen Künste betrachtet“ sollten in diesem Kontext nicht unerwähnt bleiben. Weiterlesen

SUDDEN INFANT: Wölfli’s Nightmare

Es gibt Bands, die sich bei gefühlt jeder Veröffentlichung neu erfinden und solche, die sich über Jahrzehnte in der gleichen Umlaufbahn bewegen und ihren Stil nur minimal variieren. Wenn eine Band oder ein Künstler nach etlichen Jahren einen plötzlichen Wandel vollzieht, erregt das Aufsehen, und was für die einen der Ausverkauf, ist für die anderen eine vitale Frischzellenkur. Sudden Infant war für die letzten drei Jahrzehnte das Projekt von Joke Lanz und zwar nur Joke Lanz. Als ein solches wurde es nach einer abschließenden Tour und einem limitierten Tape vor ein paar Monaten zu Grabe getragen. Auferstanden ist Sudden Infant seit kurzem als Trio, zu dem neben Lanz nun noch ein Schlagzeuger Weiterlesen

DER BLUTHARSCH AND THE INFINITE CHURCH OF THE LEADING HAND: All To Pieces

Viele Musiker verändern ihren Stil im Laufe der Zeit, doch längst nicht alle schaffen es, dabei ein gleichbleibendes Popularitätsniveau zu halten bzw. dieses trotz aller Wandlungen noch in kleinen Schritten zu steigern. Irgendetwas muss dran sein an diesem Albin Sunlight Julius, das von all seinen Liebäugeleien mit Musikrichtungen unberührt bleibt, das sich in mittelalterlichen Soundscapes ebenso wiederfindet wie in martialischer, rockiger oder psychedelischer Gestalt. Ist es einfach nur gute PR und das Talent, das Richtige zur rechten Zeit zu machen? Ein Händchen auch für Entertainment? Weiterlesen

PJUSK: Solstøv

Instrumentale Musik kann (oftmals lediglich) durch Titelgebung und Artwork die Rezeption in eine gewisse Richtung lenken, dabei sind im Bereich des (Dark) Ambients auch immer wieder die Regionen des ewigen Eises ein beliebter Topos gewesen, man denke etwa an Thomas Köners Frühwerk oder daran, dass es inzwischen sogar ein Label namens Glacial Movement Records gibt, auf dem passenderweise das norwegische Duo Pjusk ein Album veröffentlicht hat. Weiterlesen

MALATO: Avamposto Malato

Für eine Band, die sich Malato – „krank“ – nennt, fabrizieren die fünf Italiener aus dem Dunstkreis von Ain Soph und Circus Joy eine ausgesprochen wohlorganisierte Musik – zumindest entsteht dieser Eindruck beim ersten Hördurchgang ihrer (noch) aktuellen EP „Avamposto Malato“. Die vordergründig kompakten Songs sind durchgehend auf Clubtauglichkeit getrimmt, auch wenn sie im Einzelnen ziemlich unterschiedliche Poptraditionen channeln – wavige, housige und zuguterletzt solche, die recht nah am Industrial sind. Weiterlesen

TANZ OHNE MUSIK: Between Our Body Shapes

Bei dem Boom elektronischer Retromusik der letzten Jahre wundert man sich fast, dass das Zufallsprodukt Angst Pop, das seit Ende der 90er auf unzähligen Flyern auftauchte, nicht hip geworden ist. Kühle Analogsounds in spartanischer Gestaltung, exponierte Taktschläge aus der Eismaschine, viel Vibrato und monotone Vocals zwischen Sekretärinnenerotik und nihilistischer Abgeklärtheit – es war schon ein sehr eigenes Konglomerat, das ein deutsches Paar auf einem längst renommierten Seitenprojekt entwarf, und das in seiner Reinform doch nie über die Clubs der Post Industrial-Gemeinden hinauswachsen konnte. Zum Glück, mag man kontern, und letztlich haben trotz allem Weiterlesen

STONE BREATH: Children of Hum

Nach Stone Breaths 2009 mit dem Album „The Shepherdess And The Bone-White Bird“  – das in der Kernbesetzung Timothy Renner, Prydwyn und Sarada eingespielt worden war – eingeläuteter Rückkehr, entstanden in den darauffolgenden Jahren eine Reihe von Alben (u.a. “The Aetheric Lamp”), die Timothy mit einem neuen, selbst so bezeichneten „lokalen“ Lineup (Don Belch, Brooke Elizabeth) einspielte. Die EP „Children of Hum“ wurde dagegen lediglich von Renner und Prydwyn aufgenommen, der Besetzung also, die auf dem zweiten Album „A Silver Thread To Weave The Seasons“ zu hören war. Weiterlesen

KING AYISOBA: Wicked Leaders

Dass man mit monotonem Anschlag auf Gitarren- oder Banjosaiten ein ungemein „mystisches“ Stimmungsfaszinosum erzeugen kann, wissen alle, die schon einmal in die Welt obskurerer Formen des Folk und Altcountry eingetaucht sind und z.B. Bekanntschaft mit den aus Zigarrenkisten hergestellten Instrumenten Timothy Renners gemacht haben. Auch dass mollastige, doch besser nicht zu süßlich gespielte Flöten und schlichte Trommelbegleitung einen solchen Effekt noch steigern können. Fällt dabei gelegentlich die Bemerkung, dass solche Musik auch stark auf afrikanischen Einflüssen basiert, neigt man vielleicht dazu, das beiläufig abzunicken Weiterlesen

DAVE PHILLIPS: Homo Animalis

Erst kürzlich las ich in einer Kolumne die ironisch gemeinte Beweisführung, dass Roboter die besseren Menschen seien, bzw. dass sie eben darum besser seien, weil sie alle Beschränkungen der menschlichen Psyche und Physis hinter sich gelassen haben. Seit langem träumen Utopisten davon, den Menschen zwar nicht abzuschaffen, ihn aber mittels Technik über seine anthropologischen Grenzen hinauswachsen zu lassen. Transhumanismus nennt man das. Wenn Dave Phillips von einer Erneuerung der menschlichen Spezies spricht, zielt er in die beinahe entgegengesetzte Richtung, denn was er unter Schlagworten wie “humanimal” und “homo animalis” stark macht, sind Weiterlesen

NIEDOWIERZANIE: Felicita

Leo Maury und sein Projekt Niedowierzanie sind längst ein fester Bestandteil jener kleinen Nische, die sich irgendwann im neuen Jahrtausend aus dem experimentierfreudigeren Teil der Post Industrial-Szene herauskristallisiert hat, um die Fühler in alle musikalischen Himmelsrichtungen auszustrecken und dabei doch nie vollends in anderen – „psychedelischen“ – Genres aufzugehen. Die Rede ist von dem Musikkosmos, in dem auch Namen wie Novy Svet, O Paradis, Wermut oder Escama Serrada umherschwirren. Maurys Musik mag dem Wesen nach Ambient sein, doch pendelte sie stets an der Grenze zwischen einem verträumten europäischen Folksound und leicht rhythmischer Musik mit Reminiszenzen an die Tradition des Cold Wave. Weiterlesen

NICK GREY AND THE RANDOM ORCHESTRA: You’re Mine Again

Die Liebe hat in der Popkultur seit jeher einen schweren Stand – nicht dass ihr keine interessanten Schöpfungen gewidmet wären, doch ihre Zahl ist gering im Vergleich zu all dem Eskapismus der dummen Weiber und Kerle, der die weite Welt der liebestrunkenen Lieder, Filme und Romane überschwemmt. Es dauerte bis in die Zeit des Punk und Wave, als über den Abschied vom „Peace and Love“-Motto der 60er kritische Absagen an die schmachtvolle Liebesutopie auch lowbrow salonfähig wurden. „This is not a lovesong“ hies die Devise, es war die Zeit der verhuscht unterkühlten Umwege, der murder ballads, der ironischen Brechungen und subtilen Ausnahmen. Seit dieser Zeit muss ein Weiterlesen

ESPECTRA NEGRA: Savage Justice

Schon der Projektname und der Titel dieser Veröffentlichung legen nah, dass es hier ausgesprochen düster und archaisch zugeht. Espectra Negra, das schwarze Gespenst, ist das aktuelle Soloprojekt der aus Mexico stammenden Noiserin Verónica Mota Galindo, deren meist zwischen Ambient und postidustrieller Klangkunst verortete Sounds bereits in Gruppen wie Cubop, The Sublime und The Devil And Miss Jones zu hören waren. Das 5-Track-Tape “Savage Justice”, auf dem auch Drums von John Murphy zu hören sind, mag für ein Konzept(mini)album zu heterogen ausgefallen sein, doch sind die kompakten Szenarien aus diversen Erdteilen von roher Gewalt und religiös eingefärbtem Ritualismus zusammengehalten. Weiterlesen

HOLGER CZUKAY: Der Osten Ist Rot_Rome Remains Rome

Seit einem knappen Jahr widmet sich Groenland Records der löblichen Aufgabe, wesentliche Teile des Werks von Holger Czukay wieder zugänglich zu machen, und so erschienen letzten Herbst die Wiederveröffentlichungen des Albums “On the Way to the Peak of Normal” und des einmaligen Projektes Les Vampyrettes. Dass seine klassischen LPs “Der Osten ist rot” und “Rome Remains Rome” im Zuge dessen nicht komplett neu aufgelegt werden, ist sicher dem Bekanntheitsgrad des Materials und somit dem weniger großen Nachholbedarf geschuldet. Weiterlesen

HEROIN IN TAHITI: Canicola

Wenn Musiker die Sonne, die Flora und die regionalen Bräuche ihrer Länder besingen, endet das nicht selten im Postkartenkitsch, v.a. wenn es sich bei dem Land auch noch um ein beliebtes Touristenziel handelt. Wer Heroin in Tahiti kennt, weiß allerdings, dass sie unter exotischem Charme etwas anderes verstehen, denn ihre im Zeitlupen-Surfsound beschworenen Südseesettings strahlten eine dreckige Düsternis aus, die mehr mit einem Neo Noir-Streifen gemein hat als mit einem auf Hawaii spielenden Elvis-Schinken. Wer die römische Band in den Jahren ihres Bestehens etwas genauer verfolgt hat, der erinnert sich vielleicht daran, dass sie sich auch schon ihrer italienischen Heimat gewidmet haben. Weiterlesen

OTHON: Pineal

Dass das dritte Album des Pianisten Othon Matagaras nach dem kleinen Organ im Gehirn benannt wurde, das durch die Melatoninproduktion den Tag-Nacht-Rhtyhmus steuert, überrascht nicht, denn – und das dürfte bei der Titelwahl entscheidender gewesen sein – in esoterischen Kreisen wurde die Zirbeldrüse über die Jahrhunderte als Sitz der Seele, als drittes Auge gesehen und schon auf seinem ersten Album „Digital Angel“ wurde deutlich, dass Othon Konzepte schätzt und dass es nicht selten in seinem Schaffen um Transformation(en) geht. Weiterlesen