TRONDHEIM VOICES / ASLE KARSTAD: Rooms and Rituals

Die norwegischen Trondheim Voices sind ein ungewöhnlicher Chor, und auf den ersten Eindruck tut man sich fast etwas schwer, einen solch traditionellen Ausdruck zu verwenden. Er besteht je nach Auftritt aus sieben bis zehn Sängerinnen, die während der Shows, die meist an Orten mit besonderer Akustik stattfinden, ständig ihre Positionen verändern und damit die Gegebenheiten des jeweiligen Ortes bestmöglich ausnutzen – ausgestattet mit unverkabelten Boxen, in denen sich Weiterlesen

SWANS: Soundtracks for the Blind (+ Die Tür Ist Zu)

Viele Musiker, die sich am Ende eines Schaffensabschnitts sehen, ziehen irgendeine Art Resümee, und es ist immer erfreulich, wenn dies nicht nur in Form einer ordinären Best-of Compilation erfolgt. Swans haben vor ihrer vorübergehenden Auflösung Mitte der 90er „Soundtracks for the Blind“ herausgebracht, ein schon von der Länge her monumentales Album, das vielleicht nicht sofort als ein solches Resümee zu erkennen ist, bei genauerem Hinhören jedoch wie eine eigenwillig gestaltete Summa ihrer Weiterlesen

HERZ JÜHNING: Samsara

Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, dass die auf Galakthorrö veröffentlichenden Künstler nicht nur klangliche Gemeinsamkeiten haben – meistens eine Fokussierung auf analoges Instrumentarium im Spannungsfeld von Angst Pop und Power Electronics-, sondern es auch thematische Konstanten gibt: so etwas wie eine Konzentration auf das (scheinbar) Abseitige, eine Abarbeitung an den Nachtseiten der menschlichen Existenz. Auf jeder Veröffentlichung des kleinen Labels scheint das Bataillesche Heterogene, der verfemte Teil um die Ecke zu Weiterlesen

MUTE SWIMMER / OWN ROAD: Old Love

Guy Dale und Simon Skjødt Jensen alias Mute Swimmer und Own Road verbindet nicht nur ein gemeinsames Talent für poetische Akustiksongs, sondern auch eine lange kreative Freundschaft, und bereits einmal, vor knapp fünf Jahren, taten die beiden sich zusammen brachten ein Mini-Album heraus, dessen Ort zwischen Split und Kollaboration nicht hundertprozentig zu bestimmen war, so sehr wirkten die einzelnen Stücke trotz der unterschiedlichen Gesansstile wie aus einem Guss. Weiterlesen

ZU93: Mirror Emperor

Endlich erscheint das vor einigen Jahren aufgenommene und schon u.a auf dem Donausfestival 2011 aufgeführte Album der Zusammenabeit von David Tibet und den italienischen ZU. Man mag vielleicht vorschnell einen Vergleich zu Hypnopazuzu, Tibets Zusammenarbeit mit Killing Jokes Youth, ziehen (deren Debüt ebenfalls auf House of Mythology veröffentlicht wurde), aber während „Create Christ, Sailor Boy“ von einer orchestralen Opulenz geprägt war und sich Weiterlesen

THE NECKS: Body

Seit über dreißig Jahren bereits basteln The Necks aus Sydney an ihrer eigenen improvisierten Jazzvariante, basierend auf dem klassischen Instrumententrio Schlagzeug, Bass und Piano, wobei letzteres auch immer mal wieder durch die Hammondorgel ersetzt wurde und der Bass gelegentlich durch Gitarre. Die einzelnen Arbeiten bestehen meist aus albumfüllenden Longtracks, die vor dem Losjammen gut durchdacht und erörtert werden und anschließend auf prägnant betitelten CDs erscheinen. Weiterlesen

THE GREAT PARK: When I was Single

Die englischsprachige Songtradition ist voll von morbiden und makaberen Geschichten. Lange vor Nick Cave gab es Murder Ballads, und wer sich einen kleinen Einblick in dieses Thema verschaffen will, der findet einiges dazu in unseren Besprechungen zu Shirley Collins und The Hare and the Moon. Wenn ein Sarkast wie Stephen Burch von The Great Park in gewissen Abständen überlieferte Songs zwischen seine Eigenkompositionen packen will, steht ihm also ein großer Fundus an Weiterlesen

SIEBEN: Crumbs

Matt Howden war schon zufriedener mit seinem Land und seiner Zeit. Dieser Tage jedenfalls hadert er so sehr, dass er seinem Ärger, seiner Hoffnungslosigkeit, aber auch seiner Zuversicht ein kraftstrotzendes, raues, an manchen Stellen geradezu punkiges Sieben-Album namens “Crumbs” gewidmet hat. Weiterlesen

CHRISTOPHER CHAPLIN: Paradise Lost

Der englische Komponist und Musiker Christopher James Chaplin, der jahrelang mit Hans-Joachim Roedelius zusammenarbeitete, hat ein großes Interesse an der Umsetzung literarischer und v.a. lyrischer Texte im Medium Musik. Umsetzung meint in dem Fall weder eine von Hintergrundmusik untermalte Lesung, noch die Verwandlung von Gedichten in mehr oder weniger stimmige Songs, sondern eine Vertonung, bei der Texte, Gesang und Musik gemeinsam an einem Ausdruck arbeiten. Weiterlesen

AMUTE: Some Rest

Ganz gleich, an welcher Stelle von „Some Rest“ man die Plattennadel ansetzt, man wird immer Zeuge eines eigentümlichen Schauspiels: Die tiefen Saiten eines Cellos, abstrakte Dronescapes oder leicht verwaschener Gesang verströmen eine Ruhe, deren einlullende Besinnlichkeit regressiv anmuten würden, wären sie nicht von einer deutlich spürbaren Aura der Ernsthaftigkeit umgeben. Doch die Ruhe hat einen doppelten Boden. Weiterlesen

RAFAŁ KOŁACKI: Ā’zan. Hearing Ethiopia

Es gehört nicht nur ein gutes Ohr, sondern auch ein gutes Maß an Kunstfertigkeit dazu, die Seele eines Ortes, oder bescheidener ausgedrückt: das, was einen Ort ausmacht, anhand seiner Klänge wiederzugeben. Man sollte Realist sein beim Aufspüren und Auswählen von charakteristischen Geräuschen, doch durch und durch Musiker, wenn es darum geht, diese so zusammenzusetzen, dass sie ohne allzu viel Verfremdung mit ästhetischem Gewinn gehört werden. Es gibt zahlreiche Künstler, die – ethnographische oder sonstige – Feldaufnahmen zu ermüdenden Slideshows reihen. Rafał Kołacki, ein Weiterlesen

All that lives with us affects creativity. Interview mit Margenrot

Obwohl der Name Margenrot für eine recht opulente Form experimenteller Elektronik steht, bewahrt sich die Musik doch eine durchweg geheimnisvolle Aura – vielleicht weil die zahlreichen Samples und Sprachfetzen auf ihrem bisher einzigen Release “Zangezur” diffus und unverständlich bleiben, vielleicht aber auch, weil die Kombination ritueller, zum Teil noisiger Elektronik mit Themen der Geschichte des mittelalterlichen Armeniens ebenso ungewöhnlich anmutet wie das Weiterlesen

PEST MODERN: Rock’n'Roll Station

Pest Modern ist das gemeinsame Debüt des in Berlin lebenden Musikers Emmanuel Hubaut mit seinem Vater Joël Hubaut, der in der Welt der bildenden Kunst als ein ebensolches Enfant Terrible gilt wie der Sohn im queeren, Noise- und Goth-angehauchten Postpunk. Die Idee erwuchs aus einer gemeinsamen Coverversion des Klassikers „Rock’n'Roll Station“ von Jac Berrocal und Vince Taylor, dem schon Nurse With Wound ihren Tribut zollten. Das schrille, postapokalyptische Surfrock-Album, das dabei Weiterlesen

THOMAS LIGOTTI: The Bungalow House

1996 erschien The Nightmare Factory, eine Zusammenstellung der meisten Geschichten aus Thomas Ligottis Sammlungen Songs of a Dead Dreamer, Grimscribe und Noctuary (keine Berücksichtigung fanden die unter dem Titel The Agonizing Resurrection of Victor Frankenstein and Other Gothic Tales versammelten Vignetten). Es gab aber auch eine Sektion namens „Teatro Grottesco“, die eine Reihe neuer Kurzgeschichten versammelte, von denen sich viele mit Künstlern, mit der „artistic underworld“, wie es in der Titelgeschichte heißt, beschäftigten. Weiterlesen

COÀGUL / COMANDO SUZIE / ESCAMA SERRADA / Ô PARADIS: La Nueva Guardia

Musikalische Communities, die sich an einem bestimmten Ort, um ein Label oder innerhalb eines Freundeskreises herausbilden, sind eine interessante Sache, v.a. wenn sich bei all den dort entstehenden Erzeugnissen ein roter Faden finden lässt – mehr allerdings noch, wenn dieser Faden nicht in oberflächlichen Merkmalen wie Genrezugehörigkeit oder bestimmten inhaltlichen Schwerpunkten zu finden ist, sondern irgendwie vage und doch spürbar in der Luft liegt. Weiterlesen

THE SHNA: Fairytape

Ein stimmungsvoller Fingerstyle zu hypnotisch kreisenden Drumbeats, melodischer Gesang, untermalt von sägendem Lärm. Eine stark verfremdete Frauenstimme, stop and go, ragt aus dem Chaos eines kaum noch rhythmischen Gedresches. Federnder Groove, zu knarzbassig für schnöden Indierock. Dazu Texte, die immer wieder um Längen morbider und konfrontativer sind, als es die netten Songtitel – „Flowers“, „Loveletters“, „Fairytales“, „Starglide“ – suggerieren. Weiterlesen

TIMOTHY RENNER: Fallow

Timothy Renner hat neben zahlreichen Stone Breath-Veröffentlichungen (jüngst noch hier) immer wieder (teilweise unter leicht verschiedenen Namen) Soloalben veröffentlicht, die musikalisch sehr unterschiedlich ausgerichtet sein konnten: Vom Experimentellen hin zu selbstreflexiv betitelten „Primitive Recordings“ von Traditionals oder aber einer Tour de Force durch die verschiedensten Genres, die Renner sich im Laufe seiner Karriere zu eigen gemacht hat. Weiterlesen

OKKYUNG LEE: Cheol-Kkot-Sae (Steel.Flower.Bird)

Die Cellistin Okkyung Lee zog als Jugendliche von Südkorea in die USA, wo sie zunächst verschiedene westliche Musikarten studierte. Zugleich keimte in ihr dort erstmals, mit zunehmender Erfahrung in der klassischen Musik, im Jazz und in vielen experimentellen Richtungen, das Interesse an der traditionellen Musik ihres Landes, mit der sie während ihrer Kindheit nur wenig Berührung hatte. Es dauerte allerdings noch einige Jahre, bis sie sich in ihren eigenen Kompositionen an koreanische Musik heranwagte. Weiterlesen