Ob sich Esben And The Witch den Begriff Nightmare Indiepop selbst ausgedacht haben, oder ob ihn irgendein PR-Fritze auf dem Kerbholz hat, darf gerne ein Geheimnis bleiben. Aufgeschlossene Geister konnten sich schon vor zwei Jahren davon überzeugen, dass Rachel Davies und ihre zwei Mitstreiter nicht ins gewöhnliche Indie-Regal passen, in das man seit Jahren alle kleinen Geschwister der Viva Zwei-Chargen steckt. Dass der Erstling „Violet Cries“ wie tausend andere Alben der letzten Jahre erfolgreich auf der 80s-Welle mitschwamm, ist unbestreitbar, ebenso dass er wie ein solides Debüt klingt, bei dem Weiterlesen
THE HOWLING HEX: The Best Of…
Nennt eigentlich heute noch jemand eine Best of-CD „The Best of…“? Kaum, außer es handelt sich dabei gar nicht um eine Greatest Hits-Compilation, sondern um ein ganz gewöhnliches Album. Was auch wieder nicht stimmt, denn ganz ordinär sollte es dabei nicht zugehen. Neil Hagerty alias The Howling Hex findet jedenfalls, dass sein aktuelles Werk alles zuvor geschaffene in den Schatten stellt und die eigentliche Bestimmung seiner mittlerweile One Man-Band, bei der er singt, klampft und trommelt, bestens auf den Punkt bringt. Besonders typisch ist das Beste der heulenden Hexe allerdings nicht. Weiterlesen
ANDREW GILBERT: Colonial Exhibition. Culloden 1746 (Katalog)
Am 16. April 1746 ereignete sich auf dem schottischen Culloden Moor die letzte und zugleich wohl brutalste Schlacht auf dem Boden des neuzeitlichen Großbritannien. Als Kampfparteien standen sich um Unabhängigkeit, aber auch um überregionale Macht kämpfende schottische Rebellen unter dem Kommando des im Exil geborenen Bonnie Prince Charlie und eine bis auf die Zähne bewaffnete englische Regierungsarmee unter der Führung des berüchtigten “Schlächters” Cumberland gegenüber. Aus dem Blickwinkel der Fürsten und Feldherren war dieser Krieg (den man nach dem Schotten King James “Jacobite Rebellion” nannte) ein Kampf der Dynastien, allgemeiner natürlich auch ein Kräftemessen konkurrierender Konfessionen, denn es standen sich Katholiken und Anglikaner gegenüber. Ebenso sehr jedoch handelte es sich dabei um eine Auseinandersetzung zweier benachbarter Völker, von denen eines soeben Weiterlesen
MUSHY: Breathless
Ob die enorme Retromaschine, die weite Teile der Musikwelt in den letzten zwei Jahrzehnten in Gang gehalten hat, alsbald den Geist aufgeben wird, ist schwer vorherzusagen. Freilich, der Vorrat an Wiederverwertbarem und Neukombinierbarem wird mit der Zeit kleiner werden, und der „novelty“ effect, den Folkhippies im Web 2.0, Cold Wave ohne Kalten Krieg und die Durchmischung von Hiphop-Beats mit dem Trockeneis der Gruftiedisco einst auslösten, ist weitgehend in eine „business as usual“-Routine übergegangen. Das klingt ernüchternd, vor allem wenn man im Pop nach wie vor das Spektakel sucht Weiterlesen
ALASDAIR ROBERTS AND FRIENDS: A Wonder Working Stone
Gemessen an seinem Folk-Image ist der in Deutschland geborene Schotte Alasdair Roberts ein echter Kosmopolit. Dass seine stilistischen Wurzeln primär dem anglophonen Raum entstammen, tut der Sache keinen Abbruch, denn seine Zusammenführung traditioneller Spielweisen beiderseits des Atlantik unterscheiden sich recht stark von den sonst üblichen Synthesen. Bei den meisten Kollegen wirkt eine der beiden Einflusssphären sekundär, oder man bereichert die typischen Elemente der einen Tradition mit den untypischen der jeweils anderen. Roberts dagegen Weiterlesen
AKUBI OBJECT: Akubi Object
War Malaise Music anfangs noch das Label, das sich der Mammutaufgabe gestellt hatte, Rozz Williams’ experimentelle Arbeiten mit seinem Projekt Premature Ejaculation zu veröffentlichen, so wird mit Akubi Object eine Band gewürdigt, die im weiteren Umfeld von Williams tätig war und in der kurzen Zeit ihres Bestehens – die 1996 gegründete Band wurde 1998 nach dem Tod des Bassisten Israel Medina aufgelöst – lediglich eine EP herausbrachte. Neben den fünf Tracks finden sich auf der CD ein unveröffentlichtes Stück sowie der Beitrag der Band zur „Merry Maladies“-Compilation (auf der auch Williams und andere verwandte Acts extensiv vertreten waren). Weiterlesen
VINCENT VON FLIEGER: Day 1
Die Musik Vincent von Fliegers ist so eigenwillig wie sein einprägsamer Künstlername. Man sollte ihn allerdings nicht mit Bombast und großen Worten ankündigen, nicht nur, weil er das nicht nötig hätte, sondern weil die Songs, die der junge Nürnberger jüngst auf sein Debüt gepackt hat, weit entfernt sind von großen Gesten aller Art. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb ist Markanz und Eindringlichkeit durchaus vorhanden. Weiterlesen
FLORIAN HECKER: Chimerization (3LP-Box)
Bei Florian Heckers „Chimerization“-Album wird ein Zusammenhang bewusst, der im Grunde jeder Musik, jedem Kunstwerk inhärent ist, der jedoch aufgrund der vermeintlichen Kohärenz des Rezipierten oft eingeebnet und letztlich vergessen wird – man hat es mit einem Sekundär- bzw. Tertiär-Medium zu tun, das auf eine ganze Reihe an Vorstufen rückverweist, und das man, falls notwendig, wie beim Zwiebelschälen oder beim Öffnen einer russischen Matrjoschka-Puppe erst im analytischen Rückblick in seiner Gänze kennenlernen kann. Die hier vorliegende Aufzeichnung, die sich auf insgesamt sechs LP-Seiten verteilt, ist die Konserve einer Soundperformance Weiterlesen
SUN WORSHIP: s/t (Tape)
Dass sich Black Metal nicht mehr nur innerhalb einer abgedunkelten Parallelwelt abspielt, hat sich gewiss weitgehend herumgesprochen und wird wohl nur noch unverbesserliche Puristen in Rage versetzen. In den letzten zehn Jahren kam es vermehrt zu Hybriden mit anderen Musikarten wie Drone, Ambient oder Postrock, im Zuge dessen entstanden ganze Subszenen, exotische Einzelerscheinungen wie Black Metal mit Banjo oder Hackbrett kamen hinzu. Gingen solche Grenzerweiterungen anfangs meist aus der Szene selbst hervor, so wurde das schwarze Metall mit der Zeit auch immer mehr Weiterlesen
X-TG: Desertshore / The Final Report
Schon die Re-Formation Throbbing Gristles im Jahr 2004 nach der Terminierung der Mission im Jahre 1981 war eigentlich ein Affront, ein zum Scheitern verurteilter Versuch, denn Throbbing Gristle waren immer mehr als nur die Musik. Von Anfang an ging es (auch) um das Außermusikalische, die Transgression, den Schock, der sicher eine ebenso wichtige Rolle zur Bildung der „Legende“ (David Henderson in Sounds) beitrug, wie diese „Musik der Unbefugten“ (G. Brus). Ganz häretisch könnte man sagen, dass die Geschichte (durchaus doppeldeutig zu verstehen) Throbbing Gristles vielen Rezensenten geläufiger war als die Musik. Gegen diese These spricht auch nicht der (erfolgreiche) Versuch eines Journalisten 24 Stunden am Stück die Musik der Band zu hören. Weiterlesen
RAVI SHANKAR: Tenth Decade in Concert. Live in Escondido (DVD)
Ich bin kein Sitar-Experte und erst recht kein Meister im Verfassen von Nachrufen, weshalb ich mich hier auch nur kurz dem Chor all derer anschließe, die in Ravi Shankar, der vor wenigen Tagen im Alter von 92 Jahren verstorben ist, einen der großen musikalischen Innovatoren des 20. Jahrhunderts betrauern. Muss man den 1920 im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh geborenen Ravi Shankar noch ausführlich vorstellen, seine vielfältigen Impulse für die regionale wie für die internationale Musik hervorheben, seinen legendären Woodstock-Auftritt, seine prägenden Einflüsse auf Yehudi Menuhin, George Harrison, die Stones und viele mehr? Weiterlesen
PEAKING LIGHTS: Lucifer in Dub
Es ist nicht das erste mal, dass ich erst über eine Dub-Version so richtig auf ein Album aufmerksam geworden bin, so zum Beispiel erschloss ich mir einige jüngere Aufnahmen von Grace Jones erst durch ihre Remixversionen, allen voran die auf der kongenialen CD „Hurricane Dub“. Ein Grace Jones-Album zu übergehen ist selbstredend nur schwer zu sühnen, nur die immense allmonatliche Veröffentlichungsflut mag sich schuldmindernd auswirken. Genau die ließ mich auch über Peaking Lights’ „Lucifer“ hinwegsehen, dessen Cover mit der Typographie einer amerikanische Milchbar in Neonlettern daran erinnert, wie sehr Weiterlesen
JOSEPHINE FOSTER: Blood Rushing
Josephine Fosters Musik ist in vielerlei Hinsicht „outstanding“, und man sollte den Begriff dabei sowohl wertend als auch deskriptiv verstehen. Da wäre zum einen schon die Tatsache, dass die Sängerin, die ihre Stimme nach einer abgebrochenen Opernausbildung in ganz andere Richtungen überführt hatte, nie an einer bestimmten Wurzel hing, dass ihre hybriden Folksongs dennoch niemals konstruiert wirken, sondern naturwüchsig und originär. Das „Klassische“ hat sie auch nach ihrer Entscheidung für den Weg der Autodidaktin nie ganz an den Nagel gehängt. Weiterlesen
AESOP ROCK: Skelethon
Das aktuelle Album von Sprachgenie Aesop Rock erschien bereits im Sommer, aber da „Skelethon“ wirklich ein großer Wurf ist, und Hiphop auf unserer Seite ohnehin sträflich vernachlässigt wird, soll dieser Kandidat unterschiedlicher Jahrespolls noch rechtzeitig vorgestellt werden. Für alle Zaungäste, die den Namen vielleicht noch nie gehört haben oder kaum etwas Konkretes mit ihm verbinden: Hinter dem Pseudonym Aesop Rock versteckt sich der in New York geborene Wahlkalifornier Ian Bavitz, der seit nunmehr fünfzehn Jahren allein oder in diversen Konstellationen in poetischer Extraklasse rappt und eine street credibility zur Schau trägt, die Weiterlesen
LITTLE ANNIE AND BABY DEE: State of Grace
Man muss sich wundern, dass eine Zusammenarbeit zwischen Little Annie und Baby Dee erst jetzt zustandegekommen ist, denn thematisch-musikalische Parallelen zwischen dem Werk der zwei Künstlerinnen sind unübersehbar: Die Charaktere, die die Songs beider schon seit Jahren bevölkern, zeichnen sich oft auch immer durch ihre Exzentrik und durch ihre Beschädigungen aus, und auch eine teilweise anarchische Komik spielt in den Songs und insbesondere bei den Auftritten der beiden keine geringe Rolle. Annie und Dee wären sicher auch bei Vaudevilles nicht fehl am Platz gewesen.
HOW MUCH WOOD WOULD A WOODCHUCK CHUCK IF A WOODCHUCK COULD CHUCK WOOD?: s/t
Wie viel Holz würde ein Murmeltier hacken, wenn ein Murmeltier Holz hacken könnte? Ich weiß es nicht, aber ich vermute mal, dass die Turiner Gher, Coccolo und Iside, die ihre Band nach diesem Zungenbrecher, einem englischen Pendant zu unserem “Fischers Fritz” benannt haben, wohl noch öfter in Interviews beweisen müssen, dass sie ihren eigenen Bandnamen fließend aussprechen können. Manche behaupten, der merkwürdig onomatopoetische Singsang des Namens sei nicht nur einprägsam, sondern würde mit seinen Assoziationen von Waldeinsamkeit und verschlafenen Nagern mit Superkräften auch die Musik des italienischen Trios ganz gut wiedergeben. Vorweg: Ich stimme dem nur zu unter der Einschränkung, dass sie keine Romantiker sind. Weiterlesen
Tinkebell rettet die Welt. Porträt der Künstlerin Katinka Simonse
Katinka Simonse alias Tinkebell ist seit rund sieben Jahren in der Kunstszene bekannt, oder besser noch: berüchtigt. Kontinuierlich arbeitet sie an einem zusammenhängenden Werk, das seine aufsehenerregendsten Eigenschaften oft erst im Nachhinein preis gibt – in den Reaktionen eines äußerst emotionalisierten Publikums. Jetzt könnte man natürlich betonen, dass das im Grunde bei jeder Kunst so sei. Doch es rechtfertigt eine besondere Hervorhebung, wenn ein Großteil der Publikumsreaktionen aus ironiefreien Kommentaren wie „evil motherfucker“, „sadist“, „I hope you burn in hell“ oder „they should skin you alive“ bestehen – und das unverändert seit Jahren. Weiterlesen
ANDREW POPPY: Shiny Floor, Shiny Ceiling
Auf diesen Seiten ist selten von „unseren Kreisen“ die Rede, da unsere Berichterstattung auch nicht für einen bestimmten eingrenzbaren Leserkreis gedacht ist. Dennoch vermute ich, dass der britische Komponist Andrew Poppy den meisten unserer Leser vor allem durch seine Arbeiten mit Psychic TV und Coil bekannt ist. Auf Stücken wie Coils „Boy in a Suitcase“ und in den markanten Streicherparts auf „Force the Hand of Chance“ trug er einen erheblichen Teil zu der mystischen Grundstimmung bei, die recht bald ein integraler Bestandteil der Musik sein sollte, die aus den Nachwehen des gerade zu Ende gegangenen Industrial entstanden ist. Weiterlesen
MAEROR TRI: Mort Aux Vaches. Hypnos/Transe (Re-Release)
In Maeror Tris Beitrag zur niederländischen „Mort Aux Vaches“-Reihe treffen zwei Namen aufeinander, über die man seitenweise texten könnte. Aus dem Norddeutschen Trio, dessen Ambient stets auch zur Erforschung und Exposition tiefenpsychologischer Prozesse diente, gingen die Projekte Troum und Tausendschoen hervor, mit Drone Records zudem eines der wichtigsten Underground- und Experimentallabels in Deutschland. „Mort Aux Vaches“ ist eine seit den 90ern stattfindende Radioshow, bei der meist ein Noise-, Drone- oder sonstiger Experimental-Act exklusives Livematerial einspielte, das dann später Weiterlesen