V.A.: Uchronia

Mit dem Begriff Uchronia oder Uchronie bezeichnet man alternative geschichtliche Entwicklungen, die entweder als Fiktion oder als Korrektiv die gängige Vostellung von Zeitabläufen herausfordern. In der Geschichtswissenschaft gab es immer wieder Paradigmenwechsel, bei denen der Ablauf historischer Ereignisse unter ganz neuen Blickwinkeln betrachtet wurde oder der Fokus auf bislang wenig beachtete Ereignisfolgen gerichtet wurde. Im Zuge dessen entstanden neue Fachrichtungen wie die Sozialgeschichte oder die feministische Geschichtsschreibung, um nur zwei Beispiele zu nennen, die als Uchronien angefangen hatten und nun seit langem zu den Mainstream-Disziplinen zählen.

Ob in den schlauen Büchern oder im Plauderton – wenn in unserer Kultur von Weltgeschichte (oder auch von der Geschichte der Kunst) die Rede ist, sind die meisten assoziierten Gegenstände nach wie vor abendländisch, die Geschichte der Gesellschaften und Kulturen außerhalb der westlichen Kernländer erscheinen als Nebenschauplätze, die meist erst dann mit Interesse betrachtet werden, wenn sie mit unserer Region in Beziehung treten, und im Zuge des Exportes westlicher Wissensbestände wurde dieser Themenkanon in vielen Ländern für lange Zeit adaptiert.

Das in Berlin ansässige Label Syrphe hat unter dem Titel „Uchronia“ gerade eine drei CDs umspannende Sammlung an „elektroakustischer, experimenteller und Noise-Musik“ herausgebracht, auf der lediglich asiatische Künstler vertreten sind. Wie ich dem im Booklet abgedruckten Erfahrungsbericht entnehme, geht es Kurator Cedrik Fermont darum, mit viel Beweismaterial zu zeigen, dass es auch im Bereich experimentierfreudiger Musik eine rege Welt außerhalb Europas und Nordamerikas gibt, deren Erzeugnisse kein randständiger Abklatsch westlicher Musik sind. Asien ist dabei der Kontinent, auf dem Cedrik sich wohl am besten auskennt, doch der Sampler knüpft an den Vorgänger „30.2“ an, der im kleineren Rahmen bereits Afrika dokumentierte. Dass Asien kein homogener Raum ist und dass es geografische, sprachliche und kulturelle Überschneidungen zwischen Regionen Asiens und Europas (sowie Afrikas) gibt und immer gegeben hat, wird in seinem Text ausführlich reflektiert.

Folgt man dem Narrativ, nach welchem experimentelle Musik ihren Anfang bei den Futuristen nahm, von der Musique Concrete weiterentwickelt wurde und durch die Einflüsse von Krautrock, Punk, Wave etc. irgendwann Industrial, Soundart und diverse Technokünste hervorbrachte, ginge man von einer rein okzidentalen Geschichte aus – selbst dann würde die schiere Menge an nichtwestlichen Erzeugnissen in den letzten Jahrzehnten ihre besondere Hervorhebung rechtfertigen. Hört man irgendwann von diversen Pionieren elektronischer Musik aus Nahost, von den Wurzeln vieler Drone- oder Ritualmusik in den unterschiedlichsten regionalen Traditionen oder von der Entstehung eines veritablen Genres wie Harsh Noise im Osaka der 70er, dann bekommt das Bild von der experimentellen Musik als einem rein westlichen Exportartikel weitere Risse.

Damit das Projekt nicht aus den Fugen gerät, wurden musikalisch sinnvolle Grenzen gesetzt, so wurde auf Tanzbares wie Techno, Dubstep, Drum’n'Bass etc. komplett verzichtet und der Fokus auf etwas abstraktere, auf manipulierten Sounds und teilweise Fieldrecordings basierende Kunstmusik gelegt, und dennoch ein spannendes Panorama vom Libanon bis nach Indonesien, von Korea und Zentralasien bis zu den Golfstaaten und dem indischen Subkontinent ausgebreitet, bei dem sich Gemeinsamkeiten und lokale Unterschiede, die nicht immer in der traditionellen Musik eines Landes begründet sein müssen, die Waage halten.

Um endloses Namedropping zu vermeiden beschränke ich mich hier auf eine subjektive Auswahl an Beiträgen, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind. Dazu zählen schon die beiden ersten, aus dem Libanon stammenden Beiträge: Improv-Gitarrist und Irtijal-Kurator Sharif Sehnaoui eröffnet die Sammlung mit einem geheimnisvoll klingelnden und tremolierenden Stück, das sich stetig zu einer verzerrten und von perkussivem Klappern aufgepeitschten Rauschorgie steigert. Der zwischen New York und Beirut pendelnde Jad Atoui und der von Munma und Tasjiil Moujahed bekannte Jawad Nawfal, beides passionierte Kollaborateure, liefern zusammen ein raues, flächiges, von unregelmäßigen Dröhn- und Klapperwellen durchzogenes Stück ab. Die vielleicht bizarrste Dröhnung, ein schwindeliger Ambient-Irrgarten aus summenden Sounds, stammt aus Singapur und wurde von der Musikerin Lydia Ang eingespielt.

Zwei Beiträge aus dem irakischen Kurdengebiet arbeiten mit unterschiedlich stark verfremdeten Field Recordings. Während der Beitrag von Hardi Kurda wie ein bedrohlicher Kontrollverlust aus fragmentiertem Klangschutt anmutet, gerät Khabat Abas’ Stück, bei dem Gesampletes und eine traditionelle Melodie auf einem Blasinstrument verschmelzen, wie ein surreales Hörspiel. Dinelka aus Sri Lanka setzt ebenfalls stark auf vorgefundene Sounds. Sein „Whistler on the Tree“ klingt zunächst wie ein Readymade, erst mit der Zeit registriert man die Verfremdung, die geloopte Struktur und die Verdichtung des Soundmaterials. So atmosphärisch wie ein Thriller ist „Mist on Sea“ von der aus Hongkong stammenden Multimedia-Künstlerin Fiona Lee, die mit Dröhnen und klopfenden Wassertropfen ein Setting von ungeahnter Dichte hervorbringt.

Vokalexperimente, bei denen sich Stimme und Instrumente zeitweilig zu einem Zopf verflechten, sind ein weiterer Schwerpunkt, mit Sounds, die an einen quietschenden Ballon erinnern sowie allerlei Geräuschen mit Kehle, Zunge und Lippen zeigt die aus Malaysia stammende Kok Siew-Wai, dass man mit diesen Organen weit mehr als nur konventionell singen kann und überdies, dass Humor und Atmosphärik sich nicht ausschließen müssen. Experimentell im engsten Sinne gehen Phyu Hnin Thwin, Crazy Eels Society und Ito aus Myanmar zuwerke: Ihr Stück ist eine von Hauchen, Jaulen und Kichern durchzogene „Konversation“ der beteiligten Künstler, die in ihrem Dialog rein musikalische Mittel gebrauchen. Das aus Kasachstan und der Türkei stammende Trio Saadet Türköz, Zeynep Sarikartal und Basar Ünder kippt beständig von einer erschöpften Vokalperformance zu elektronischen Spielereien und verhinderten Songanfängen und wieder zurück. Krach von rein primitivistischer Räudigkeit spielt auf dem Sampler eine untergeordnete Rolle, trotzdem dürfen ein paar Minuten wellenförmiger Japanoise nicht fehlen, und dieser stammt von der hierzulande noch recht unbekannten Yuko Araki – ein tosender Abschluss!

Das Anliegen der Compilation ist ehrenhaft: über eine große, aber immer noch ausschnitthafte Auswahl experimenteller Musik das kreative Potential und Output einiger Regionen zu präsentieren, das von Presse und akademischer Welt oft ignoriert und durch auch dadurch erzeugte Blickverengungen von vielen Veröffentlichungs- und Vertriebswegen abgeschnitten ist. Wieviel Arbeit in einem solchen Projekt steckt, lässt sich allenfalls erahnen – sollte der eine oder andere Name im Gedächtnis von Schreibern, Verlegern, Kuratoren und v.a. Musikliebhabern stecken bleiben, dann war sie nicht vergebens. (U.S.)

Label: Syrphe