Selbst im Rahmen des Weird Folk waren (die nach einer Zeile aus einem Baudelairegedicht benannten) Spires That In The Sunset Rise etwas Besonderes, übertraf doch deren „weirdness“ die der meisten so apostrophierten Folkkünstler bei weitem. Das 2003 veröffentlichte selbstbetitelte Debüt enthielt eine Reihe die Grenze des Atonalen oft überschreitenden Folkminuaturen – auch nicht der übelst gesonnenste Hipsterjournalist hätte hier den drei bzw. später vier Schulfreundinnen aus Chicago den Vorwurf machen können, „Folkelfen“ zu sein, viel zu dissonant und widerspenstig waren die Klänge, die sie auf Tonträger bannten. Auch Weiterlesen
DBPIT & XXENA: The Return Of Mr. Mallory (Box-Set)
Mr. Mallory aus Pennsylvania war der typische amerikanische Everyman, er hätte ebenso gut Robert Smith oder John Taylor heißen können, und auch mit einem komplizierteren Namen wäre sein solides Leben sicher nicht besonders spannend gewesen. Deshalb vermisst man auch die fehlenden Informationen darüber, ob er nun Sympath oder Unsympath, zufrieden oder grummelig war nicht sonderlich. Interessant wurde sein Leben erst in dem Moment, als ein Unfall in einem benachbarten Atomkraftwerk eine heftige Zäsur in sein tägliches Einerlei schlug. Mallory verlor seinen linken Arm und erhielt dafür sechs rechte Hände sowie einige übersinnliche Fähigkeiten, über die er sich gewiss ganz gut mit Superman hätte unterhalten können. Weiterlesen
HEROIN IN TAHITI: Death Surf
Exotismus funktioniert am besten, wenn er eine deutliche ironische Brechung erfährt. Nicht in der Form, dass es zu einer rein negativen Persiflage gerinnt, die nur dazu dienen soll, die hinter eskapistischer Tropensehnsucht versteckte Resignation und Sozialverweigerung in all ihrer konsumorientierten Trivialität bloßzulegen – das gab es immer, hat die Exotik-Industrie nie an der Kitschproduktion gehindert und ist sowieso allzu oft an der Schwierigkeit gescheitert, die Grenze zwischen Kritik und Miesmacherei zu erkennen. Eher die “Jetzt erstrecht”-Variante, die sich der Klischeehaftigkeit und teilweise Billigkeit ihrer Lieblingsmotive bewusst ist und das ganze mit viel Camp-Attitüde dennoch goutiert. Ein Problem ist allerdings, dass Ironie heutzutage generell ziemlich abgelutscht ist Weiterlesen
GRINDERMAN: 2 RMX
Irgendwann konnte es mir Nick Cave einfach nicht mehr recht machen. Schon seit Jahren pastoral und selbstergriffen, wurden die Bad Seeds nach “No More Shall We Part” auch noch immer gefälliger, und als dann die erste Grinderman erschien, war mein erster Eindruck der von schlecht gelaunten Männern jenseits der fünfzig, die über angebluesten Garagenrock einmal ordentlich das Tier rauslassen wollten. Interessant, dass mich dann doch am ehesten die Bad Seeds-nahen Stücke überzeugt hatten, Weiterlesen
THE PROTAGONIST: Songs of Experience
Magnus Sundström alias The Protagonist ist ein streng konzeptuell arbeitender Musiker, der mit seinen Kompositionen und seiner Auswahl an literarischen Referenzen recht fundamentalen Fragen auf die Spur zu kommen sucht, Fragen, die für Außenstehende vage und unbestimmt bleiben müssen und doch immer um Themen der Vergänglichkeit, des Ennui und einer damit zusammenhängenden Dandyhaltung kreisen. Medium seiner Suche war in der Vergangenheit meist bestimmte Literatur von der frühen Romantik bis zur klassischen Moderne Weiterlesen
It’s Nice To Make Things. Ein Gespräch mit Liz Green
Wäre Liz Green ein halbes Jahrzehnt früher auf der medialen Bildfläche erschienen, dann wäre ihr Name sicher noch mehr durch aller Munde gegangen als es nun nach der Veröffentlichung ihres ersten Albums “O, Devotion!” der Fall ist. Damals nämlich hatten akustische Klänge folkloristischer Grundierung gerade Hochkonjunktur – vorzugsweise wenn sie über eine gewisse Schrägheit und ihre Erzeuger über einen deutlich erkennbaren Außenseitergestus verfügten. Von diesen Modephänomenen hätte sie nicht nur profitiert, sie hätte die ganze Bewegung auch bereichert. Zum einen, weil sie Engländerin ist, was in dem doch sehr amerikanisch geprägten Folk 2.0 selten war. Zum anderen aber auch, Weiterlesen
CURRENT 93: And When Rome Falls
Konzertaufnahmen sind seit langem ein fester Bestandteil von David Tibets Diskografie. Ausgehend von den beiden als “All Dolled Up Like Christ” auf Doppel-CD herausgebrachten Konzerten in der New Yorker Ohrensanz-Foundation erschien eine ganze Reihe an Mitschnitten kompletter Auftritte, und zeitweise dachte man fast, die damals nicht gerade eifrig tourende Band wolle mit der Zeit buchstäblich jede Show durch einen schön gestalteten Tonträger würdigen. Alben wie “Cats Drunk On Copper”, “Halo” und “Birdsong In The Empire” entsprechen dabei quasi einem (später durch Rockelemente Weiterlesen
NIEDOWIERZANIE: Attendre
Immer wenn man denkt, atmosphärische elektronische Musik sei nun endgültig an ihrem Ende angelangt und friste ein überwiegend epigonales Dasein, stößt man unvorbereitet auf eine Platte, die so gar nicht langweilig und verbraucht klingt und es im Handumdrehen schafft, dass man alle Vorurteile wieder über Bord wirft. „Attendre“, das zweite Album dieses Projektes mit dem polnischen Namen, den ich mir nie länger als zehn Sekunden behalten kann, ist so ein Fall. Niedowierzanie, wie der in Deutschland lebende Franzose Léo sein musikalisches Medium nennt, steht für Weiterlesen
GRIMES: Visions
So ganz ohne Hipster geht es anscheinend auch bei uns nicht, aber so lange man das mit dem altehrwürdigen Londoner Traditionslabel 4AD gemeinsam hat, kann nicht allzu viel falsch daran sein. Die haben nämlich vor kurzem die Kanadierin Claire Boucher a.k.a. Grimes unter Vertrag genommen – anlässlich ihres dritten Lonplayers „Visions“, der zur Zeit Lob aus allen Richtungen bekommt und dessen Cover ebensogut den zweihundertsten Konzertmitschnitt von Aaron Dilloway zieren könnte. Weiterlesen
Sabotage Dressed Up As Song: Ein Interview mit Guy Dale von Mute Swimmer
Es gibt eine Menge Musik und Kunst, die man nur schwer greifen kann, aber das besondere an den Arbeiten Guy Dales ist, dass man sie gar nicht unbedingt greifen muss. Die Musik, die der Engländer mit seinem Akustikprojekt Mute Swimmer spielt, entfaltet eine sehr unmittelbare Wirkung, scheint fast physisch im Raum greifbar zu sein und ist in ihrem wesentlichen Kern doch schwer zu begreifen. Auch wenn die berührende Melodik, der intime Gesang und der fast poppige Appeal seiner Songs auf den ersten Eindruck mit der abstrakten Reflexivität seiner Texte im Kontrast steht, hat man stets das Gefühl, dass Musik und Worte Weiterlesen
CARTER TUTTI VOID: Transverse
„Transverse“ ist die Aufnahme eines gemeinsamen Auftritts von Chris Carter, Cosey Fanni Tutti und Nik Void (Factory Floor) im Roundhouse in London anlässlich des Mute-Jubiläums im vergangenen Jahr und natürlich kann man den Auftritt durch den Altersunterschied der Beteiligten als ein Treffen der Generationen interpretieren und symbolisch hochstilisieren. Weiterlesen
ROMA AMOR: Occhi Neri
Das Duo Roma Amor ist in unseren Breiten noch nicht so richtig bekannt geworden, und trifft man einmal jemanden, der die Gruppe kennt, dann sieht man sich oft mit vorschnell produzierten Fehlinformationen konfrontiert. Euski und Michele kommen weder aus Rom, noch hat der Stil der beiden mit Neofolk im engeren Sinne zu tun. Die beiden stammen aus der Region Emilia-Romagna und singen gelegentlich im Dialekt ihres Landstriches. Die Musik, die sie spielen, ist eine italienische Ausprägung des klassischen Torch Song. Bisweilen auch lupenreiner Chanson. Weiterlesen
MACU: Retrospectives
Susanne Hafenschers Projekt MaCu wurde vor einigen Monaten bereits im Zusammenhang ihrer Kollaboration mit Federico Barabino vorgestellt. Unter dem Titel „Retrospectives“ fasst die österreichische Gitarristin und Pianistin, die sich irgendwann der Bearbeitung von Field Recordings und der Ausgestaltung hypnotischer Gitarrendrones verschrieb, ihre neuesten Arbeiten zusammen. Der Begriff des Retrospektiven referiert hier jedoch nur teilweise auf das Alter der Aufnahmen, denn lediglich drei überarbeitete Sampler-Beiträge wurden in die Auswahl integriert – insgesamt ist es mehr das Zurückblicken und Erinnern als mentaler und emotionaler Vorgang, der in den sieben Abschnitten in Töne gefasst wird. Weiterlesen
SO LIKE DORIAN: Stranger
Den etwas unscheinbar klingenden Namen So Like Dorian könnte man in Zukunft öfter zu hören bekommen. Der Kopenhagerner Rasmus Steffensen, der seit drei Jahren unter diesem Namen sein eigenes Terrain im Bereich fragiler Folkmusik beackert, ist niemand, der mit der Tür ins Haus fällt, und so ließ er sich mit seinem Projekt auch erst einmal Zeit und machte sich erst nach und nach in den entsprechenden Kreisen bemerkbar. Nach immer regelmäßigeren Auftritten und einer Reihe an kleineren Veröffentlichungen ist nun für dieses Jahr der erste Longplayer geplant. Weiterlesen
Wie ein unendlicher Fluss von Emotionen: Interview mit Anemone Tube
Seit 1996 veröffentlicht Anemone Tube anspruchsvolle Geräuschmusik, die sich irgendwo zwischen Dark Ambient und Power Electronics bewegt, wobei das Klangbild durchgängig differenzierter ist und enge (Genre-)Grenzen nur da zu sein scheinen, um ge-und durchbrochen zu werden. Dies beweisen auf den ersten Blick so unterschiedliche Veröffentlichungen, wie die Zusammenarbeit mit Christian Renou auf „Transference“, auf der organisch-melodische Tracks zu hören sind, die in ihrer Differenziertheit und Zerbrechlichkeit an Projekte wie Mirror erinnern Weiterlesen
VCMG: Ssss
Dass in den Medien nach Bekanntwerden der Zusammenarbeit von Martin Gore und Vince Clarke schnell von einer „Sensation“ die Rede war, hatte (natürlich) erst einmal weniger mit der Musik als mit den Beteiligten, insbesondere ihrem Verhältnis zueinander zu tun und natürlich mit der enormen zeitlichen Distanz zwischen der (gemeinsamen) Arbeit am ersten Depeche Mode-Album und dem neuen Technoprojekt VCMG. In den dazwischen liegenden drei Dekaden haben Martin Gore und Vince Clarke mit durchaus unterschiedlichem Instrumentarium und einer fast gänzlich anderen Ästhetik elektronische Weiterlesen
CARMEN BURGUESS: Seventeen (Buch)
Carmen Burguess ist nicht nur die weibliche Hälfte des Psych Punk-Duos Mueran Humanos, dessen Wege irgendwann von Buenos Aires über Barcelona bis in deutsche Gefilde führten. In der spanischsprachigen Welt konnte sie sich bereits ein Renommee als Illustratorin erarbeiten, bereicherte mit ihren reizvoll ätzenden Porträts Zeitschriften wie „Quimera“, illustrierte ein Buch des argentinischen Romanciers Javier Calva und zuletzt einen Band mit Gedichten Lovecrafts. Dabei deckt sie von der Kollage über die Zeichnung bis zum Acrylbild eine respektable Bandbreite an Medien ab. Gemeinsam ist all ihren Arbeiten die Leichtigkeit von Comic und Karrikatur und die Lust an der unerbittlichen, schwarzhumorigen Entzauberung all dessen, was man so als Lebensfreude aufgetischt bekommt. Weiterlesen
PREMATURE EJACULATION: Part 3
In den vergangenen Rezensionen zu Rozz Williams’ „Lost Recordings“ habe ich wiederholt darauf hingewiesen, dass die frühen SPK insbesondere ästhetisch-thematisch eine wichtige Rolle für ihn gespielt haben und dass Premature Ejaculation sich (durch Artwork, Tracktitel und Samples) immer wieder mit den Versehrungen des menschlichen Körpers (und Geistes) beschäftigt haben: Diesmal erinnert das das Cover zierende Bild einer Trepanation natürlich an das erste unter dem Namen System Planning Korporation veröffentlichte Album „Information Overload Unit“. Weiterlesen
A PLACE TO BURY STRANGERS: Onwards To The Wall
Anscheinend ist A Place To Bury Strangers keine Nerd-Band, andernfalls wäre die Herkunft des Bandnamens schon öfter diskutiert worden – der stammt nämlich von unser aller Kinderschreck Aleister Crowley und ist im Untertitel eines frühen Gedichtes enthalten. Markant ist er auch ohne Vorwissen, und passt somit bestens zu einer Band, die lange bevor Begriffe wie Shoegaze und Postpunk in den hippen Medien ein Revival feierten, das Erbe eines für längere Zeit verdrängten Sounds antraten. Weiterlesen