I don’t feel comfortable with the restrictions and rules of a tribe. Interview mit Simon Balestrazzi

Wenn man ein bisschen mit dem Werk Simon Balestrazzis vertraut ist und seine Arbeit verfolgt, kann man sich kaum vorstellen, dass er mal einen Tag lang nicht auf der Suche nach Sounds ist, sie im Studio bearbeitet und kollagiert, an seinen zum Teil eigens konzipierten Instrumenten bastelt oder mit Kollegen wahrscheinlich ganze Nächte hindurch jammt. Seit einigen Jahren ist es nicht ungewöhnlich, dass drei bis fünf seiner Longplayer pro Jahr herauskommen, seltener solo, häufiger von seinen zahlreichen Kollaborationen: Dream Weapon Ritual, DAIMON, A Sphere of Simple Green, Hidden Reverse und noch einige mehr. Weiterlesen

THE ART BARBEQUE: Feet Hacked Rails

Seit einiger Zeit wird die musikalische Historie Controlled Bleedings aufgearbeitet und vergriffene Aufnahmen werden wieder verfügbar gemacht. Im April erscheint eine Mammutzusammenstellung von zehn Alben, die zwischen 1985 und 1988 aufgenommen wurden. Schon vor Jahren schrieb Paul Lemos anlässlich der „Curd“-Wiederveröffnetlichung: „[W]e were constantly experimenting with sound, and recording day and night.“ Weiterlesen

23 THREADS: The Ornaments (The Ghost of Miranda)

Im nicht mehr ganz taufrischen dritten Millenium unserer Zeitrechnung ist es mittlerweile eher zu erwarten, dass jüngere Musikprojekte zumindest partiell in der Tradition früherer Errungenschaften stehen und diese, wenn sie über das nötige kreative Potential verfügen, nicht bloß revitalisieren oder gar kopieren, sondern unter anderen Vorzeichen in neue Richtungen lenken. Seit den Jahren um 2000 gibt es immer wieder Bands, denen nachgesagt wird, in den Spuren der sogenannten World Serpent-Family aus Weiterlesen

TRAPPIST AFTERLAND: Se(VII)en

Dass den australischen Psych Folkern um Adam Cole so schnell nicht die Puste ausgeht, haben sie in den letzten Jahren hinlänglich bewiesen. Nach einer ganzen Reihe von selbst herausgebrachten Alben, die sehr stark an z.T. asiatisch beeinflusstem Folk der 70er orientiert und zunächst nur einem kleinen Hörerkreis bekannt waren, erschienen die Alben der Band irgendwann zunehmend auf Vinyl bei namhaften Labels, alte Aufnahmen wurden neu aufgelegt, und seit einigen Jahren steht der Name Trappist Afterland Weiterlesen

DREW MCDOWALL / HIRO KONE: The Ghost of Georges Bataille

Georges Bataille gehört (wie z.B. auch Nietzsche oder Jünger) zu einer Reihe von Literaten und Philosophen, die einen Resonanzraum geschaffen haben, der manche glauben lässt, es reiche aus, den einen oder anderen Begriff in ebendiesen zu werfen und ohne große inhaltliche Füllung (ver)hallen zu lassen. Zum Teil scheint dann selbst manchmal im akademischen Bereich die Auseinandersetzung mit dem Franzosen auf das Abspulen der immer gleichen Schlagworte (Transgression etc.) beschränkt zu sein. Weiterlesen

There’s always been hints of apocalypse in our work: Ein Interview mit Nonconnah

Das nach einem Ort in Tennessee benannte aus Zachary Corsa und Denny Wilkerson Corsa bestehende Duo Nonconnah spielt “Damaged hymns from the broken Mid-South”. Vorher hatten die beiden zahlreiche Tonträger unter dem Namen Lost Trail veröffentlicht, einem selbst so bezeichneten “ambient/drone/shoegaze project”. Musikalisch knüpft Nonconnah an das Vorgängerprojekt an: Feldaufnahmen, Samples, Giatarre und Drones werden zu einer Musik verdichtet, auf der das Dunkle und Mysteriöse, das sich im Klangbild, Artwork und in Tracktiteln widerspiegelt, (auch immer) ein Moment des Trostes enthält. Weiterlesen

SOL INVICTUS: Necropolis

Eigentlich passt die Platte gar nicht recht in die Jahreszeit: Raue, dröhnende Sounds bilden das Fundament für einen trauernden Chorgesang, der in den ersten Minuten von „Necropolis“ ein molllastiges Mantra anstimmt, das an ein Requiem erinnert. Gut kann man sich den Eingang zur besungenen Totenstadt wie das Tor der viktorianischen Waterloo Station im Herzen Londons vorstellen, die in Dunkel getaucht das Cover des neuen Albums ziert und dabei so bedrohlich wie ein Geisterhaus auf den Betrachter herabblickt. Diese Weiterlesen

KONSTRUKT / KEIJI HAINO: A Philosophy Warping, Little By Little That Way Lies A Quagmire

Mit Konstrukt und Keiji Haino treffen zwei sehr unterschiedliche Phänomene aufeinander. Zur Kollision zwischen dem türkischen Freejazzquartett und dem japanischen Noiseveteranen kommt es trotzdem nicht, eher schon zur Kollision mit allzu wohlklangverwöhnten Ohren. Stehen Konstrukt, die nach ihren Auftritten mit Peter Brötzmann, Thurston Moore und anderen längst auch international einen Namen haben, für größtmögliche Freiheit in der Musik, dann repräsentiert der androgyne Extremvokalist ein beachtliches Maß an erschöpfender Entgrenzung. Weiterlesen

NIGHT CLEANER: Even

Bisher spielte der in Atlanta ansässige Matthew Lambert mit seiner Band All The Saints Shoegaze. Sein Soloprojekt Night Cleaner ist etwas anders ausgerichtet. Nach dem 2015 (auch auf Geographic North) veröffentlichten “Sketch for Winter III: Green Sleeves” ist der Nachfolger „Even“ eine beeindruckende Sammlung von sechs Stücken, die alle einer LoFi-Ästhetik folgen (“written, recorded & mixed by Matthew Lambert in a basement & a closet”). Weiterlesen

RUTGER ZUYDERVELT / ILIA BELOROKUC / RENÉ AQUARIUS: The Red Soul

So ambivalent die Aufarbeitung der Person Stalins, seiner Diktatur und der durch ihn geprägte Sowiet-Ära auch ist, ist das Thema Stalin dennoch zunehmend populär und für ganz unterschiedliche Kreise interessant. Zahlreiche Bücher meist kritischen oder schonungslos nüchternen Inhalts erschienen in den letzten Jahren außerhalb Russlands, dazu kommen Filme und sogar Comics. In Russland ist die öffentliche und veröffentlichte Meinung dazu zwiegespaltener. Weiterlesen

ERASURE / ECHO COLLECTIVE: World Beyond

Im letzten Frühjahr brachten Erasure mit “World be Gone” ihr mittlerweile siebzehntes Studioalbum heraus, und nach über dreißig Jahren und ohne längere Pausen oder abrupte Stilwechsel ist aus ihrem eingängigen Synthiepop, mit dem Andy Bell und Vince Clarke Mitte der 80er auch ein bisschen die erste Inkarnation von Depeche Mode beerbten, ein feinsinniger Producer-Pop mit leicht angesoulten Untertönen geworden. Bells immer noch androgyne Stimme ist um eine kleine Note herber geworden, die Texte mit der einen oder anderen Weiterlesen

My instruments are a means to tell my stories. Interview mit der koreanischen Musikerin und Komponistin Park Jiha

Park Jiha spielt verschiedene Blas- und Perkussions-Instrumente der traditionellen koreanischen Musik, auf ihrem Debüt Communion verbindet sie dies mit Saxophon, Schlagzeug und anderen modernen Klangquellen. Ihre Musik enthält, wie sie im Interview sagen wird, einiges an typisch koreanischen Empfindsamkeiten, doch auch ohne Einblick in diese fremde Tradition kann man jenseits exotisch-romantischer Projektionen manch Vertrautes in ihrer Musik finden. So sehr die verschiedenen Einflüsse ihre Kompositionen und ihre Spielweise automatisch prägen mögen, ist ihr Ansatz doch ein spontaner, und die wichtigsten Antriebe findet sie in ihrer eigenen, individuellen Biografie. Über diese und manch anderes sprachen wir im kürzlich geführten Interview. Weiterlesen

CRETA: s/t

Bis vor einigen Jahren kannte man Massimo Pupillo vor allem als Bassist der römischen Jazzcore-Formation Zu, und schon zu der Zeit kam es immer wieder zu originellen Zusammenarbeiten mit Musikern wie Dälek, Damo Suzuki oder Current 93, um nur einige zu nennen. Seit einiger Zeit spielt der Musiker auch außerhalb seiner Stammband in immer wieder neuen Konstellationen, und wenn man seine Arbeiten mit Oren Ambarchi und Stefano Pilia, in der Band Laniakea und jüngst mit Thighpaulsandra als Uruk vergleicht, zeichnet sich ein Interesse an Weiterlesen

DERYA YILDIRIM / TELLAVISION: Hayda Katschma

Die vorliegende 7” von Derya Yildirim und Tellavision ist keine Split, sondern eine Kollaboration und als solche sogar der Auftakt einer Veröffentlichungsreihe namens Schmelz, mit der das Label Hanseplatte musikalisch sehr unterschiedliche Hamburger Musikerinnen zur Kreation gewagter Stilmixe animiert. Weiterlesen

URSULA K. LE GUIN / TODD BARTON: Music and Poetry of The Kesh

Ursula K. Le Guin zählt zu den Fantasy- und Science Fiction-Autorinnen, die in ihrem Werk immer wieder das kulturell Andere zum Thema machten, Mentalitäten und Lebensgewohnheiten in fernen zukünftigen Gesellschaften wurden nicht nur holzschnittartig entworfen, sondern zu feinsinnigen, in sich logischen Systemen ausgearbeitet, die eine große psychologische und anthropologische Sensibilität verraten. Weiterlesen

TOR LUNDVALL: A Dark Place

In den letzten Jahren hat Tor Lundvall eine Reihe von Boxsets veröffentlicht, auf denen alte und neue Arbeiten zu finden waren. Mit „A Dark Place“ – sicher eine angemessene Beschreibung der Stimmung des Albums und durchaus programmatisch zu verstehen – veröffentlicht Lundvall über Dais Records das erste nicht instrumentale Album seit dem 2009 veröffentlichten (aber schon 2005 aufgenommenen) „Sleeping and Hiding“. Weiterlesen

MARC ALMOND: Shadows and Reflections

Wenn ein Popstar oder Musiker mit einer bestimmten Zeit in Verbindung gebracht wird, dann sind es meist die Jahre, in denen er zum ersten mal von sich hören macht und seine ersten Hits abliefert, im Falle Marc Almonds sind das also die frühen und mittleren 80er. Wer sich mit dem Stil seiner Songs, auch schon in der damaligen Zeit, etwas eingehender befasst, und im Fall der nicht wenigen Coverversionen mit deren Vorgeschichte, stößt jedoch unweigerlich auf die Sixties. Viele seiner Hits stammen ursprünglich aus dieser Ära, sein Hang zu orchestralen Weiterlesen

NONCONNAH: Winter EP 17‘

Der Winter ist sowohl eine Illustration des Zustands des (Ab-)Gestorbenseins („What old December’s bareness everywhere“ (Shakespeare)), wenn der Sensenmann die Ernte einfährt, als aber auch in Verbindung mit dem gefallenen Schnee eine Zeit des Gedämpften, des Zur-Ruhe-Kommens in Winterwäldern, die „lovely, dark and deep“ (Robert Frost) sein können. Weiterlesen