WALKER PHILLIPS: God’s Eye

2018 erschien Walker Phillips’ Debüt „My Love Sunday“, ein Album, dem wir hier attestierten: „Plötzlich taucht scheinbar aus dem Nichts ein grandioses Album auf, das völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint: Walker Phillips schaut auf dem Cover als melancholischer Hippie so aus, als sei mit einer Zeitmaschine aus dem Haight- Ashbury der 60er gekommen – vielleicht hat er aber auch gerade bei Lord Summerisle vorbeigeschaut. Diese ganze Ambivalenz spiegelt sich auf „My Love Sunday“ wider, einem wunderschönen (Folk-)Album, auf dem sich Gegensätze sowohl innerhalb einzelner Stücke als auch zwischen den Songs zeigen (und vielleicht auflösen).“ Das Debüt versammelte entrückt-melodische Stücke mit einer paradiesisch-utopisch anmutenden Anrufung der Tochter Albions, aber es wurde auch der “Son of Death” besungen, konnte man hören: “The sunlight plays upon her skin so fair “, aber auch: „We’re living in the end times” – vorgetragen mit einer Stimme irgendwo zwischen Edward Ka-Spel und Donovan. Hier hatte man den Eindruck, dass neben der Utopie eines „electric eden“ (Rob Young) Altamont um die Ecke schaute.

Zuletzt konnte man Phillips bei Adam Geoffrey Coles kürzlich erschienenem Album an der Sitar hören oder aber im Bandkontext bei Tabernacle, die laut ihrer Bandcampseite „Strictly traditional British folk songs, played loud“ produzieren.

Ursprünglich schon 2020 angekündigt, erscheint jetzt als Download und als Vinyl (bei Guerssen Records) der Nachfolger „God’s Eye“, der schon durch die Farbgebung und die Covergestaltung (mit Artwork von Leonardo Casas) die das Album dominierende Stimmung illustriert. Das Auge Gottes, das den Zuhörer anschaut, ist umrahmt von einem sommerlichen Gelb und ist sicher nicht das flammende Auge Saurons. Das Album beginnt mit Anzählen („two, three“): „Listen To Me“ ist ein idyllisches Stück mit mehrstimmigem Gesang, das dann – eingeleitet von einer pastoralen Flöte  – übergeht in „Ballad of a Cancer with a Libra Moon or How the Crab Got His Scales “, auf dem zur Flöte etwas Perkussion dazukommt: „If I were the sun“, imaginiert er, „to sleep in the sky upon the heavens lie and watch the cosmic merry-go-round“. „Juniper & Jade“ ist geprägt von einer Leichtigkeit und Leichtfüßigkeit – man schaue sich Phillips’ Spaziergang im dazugehörigen Video an –: Besen streicht über Schlagzeug. „I will wake you with a smile before the night comes“, kann man hören, „fairies in the garden“ und „fields of dandelion“ werden besungen, eine gestopfte Tompete erklingt.

Das wunderschöne „Marigold Eyes“ mit Sitarklängen und getragenem Gesang hat eine etwas psychedelische(re) Ausrichtung, vor allem, wenn sich gegen Ende Sitar und Perkussion verdichten. Dann folgt mit “Song Of Salomon” Phillips’ Interpretation des Hohelied Salomons, früh von Clive Palmer eingespielt, dem zahlreiche weitere Musiker von Current 93  bis Stone Breath folgten. Phillips’ Version ist ein wunderschön, von trauriger Flöte und gezupfter Gitarre durchzogener, entrückt-melancholischer Song mit einem engelsgleichen Chor im Hintergrund. Das Titelstück klingt dagegen durch den Einsatz von Mundharmonika etwas erdverbundener: „I’ll be a farming man in God’s land“. Das Album abschließende und die ganze zweite Seite einnehmende 15-minütige zweiteilige „Lovebird“ knüpft im ersten Teil mit Flöten, gezupfter Gitarre, entrücktem Gesang und der Beschwörung des „child of the river and streams“ an die erste Seite der LP an, dann jedoch entwickelt sich der zweite Teil  in eine wilde, aus Jazz und Improvisation gespeiste ausufernde Nummer mit tribaler Perkussion, E-Gitarre und Piano. Das Label spricht von „a full blown psychedelic / / jazz / experimental single track inspired by Miles Davis’ ‘Bitches Brew’, meticulously tape-spliced from about one hour of improvisation.“ Als Bonus zur Downloadversion gibt es noch das vor zwei Jahren veröffentlichte „Bottles Of Glass“, das von Stimmung auch gut auf die erste Seite des Albums gepasst hätte.

„God’s Eye“ setzt bewusst auf das Vergangene und wurde komplett analog aufgenommen und mit alten Instrumenten eingespielt. Das Album schickt den Hörer auf eine Zeitreise, die weniger ambivalent als auf dem Vorgänger ausfällt: Hier wird man tatsächlich für die Dauer des Hörens an einen paradiesischen Ort versetzt. Vielleicht ließe sich sagen, dass in einer Umkehrung der Chronologie dieses Album Phillips’ „Songs of Innocence“ ist. (MG)

Label: Guerssen