Jaki Liebezeit, den man vor allem als CAN-Drummer kennt, dessen Wurzeln aber im Jazz liegen, begreift Notation und alles schriftlich Festgelegte in der Musik als enges Korsett, das den freien Fluss von Klängen, die nur scheinbar repetitiven Mustern folgen, zum Versiegen bringt: „Musical bars are like prison bars“, heißt es im Booklet des mit Hans Joachim Irmler (Faust) aufgenommenen Albums, das den bezeichnenden Titel „Flut“ trägt. „Flut“, das nur auf Orgel und Schlagzeug basiert, entstand im letzten Sommer in drei kurzen Sessions im Allgäuer Städtchen Scheer, unweit dem Donauufer. Weiterlesen
Archiv der Kategorie: Reviews
ANNA CALVI: Strange Weather
Unter den Newcomern des laufenden Jahrzehnts belegt die Britin Anna Calvi einen der renommiertesten Plätze, ihr Debüt bescherte ihr zahlreiche Fans und gute Kritiken. Dass alte Recken wie David Byrne und Nick Cave ihrem Zauber erlagen und entsprechend Starthilfe gaben, wurde fast immer als verdient erachtet, selten wurde über Beziehungen und Patronage geunkt. In der Tat sind ihre Songs, die meist auf gezupften E-Gitarren oder Harmonium basieren, auf eine nur schwer festzulegende Weise geheimnisvoll und zugleich enorm wuchtig. Und auch wenn man sie nicht als Callas an der Gitarre bezeichnen muss, ist die Frau mit der wandlungsfähigen Stimme Weiterlesen
BIRD PEOPLE: King Of The Grove
Ein mysteriöses Volk sind sie, die Wiener Vogelmenschen, die sich mit ihrem feinmaschigen Soundgewebe dem Klang eines Kolibriflügels annähern wollen. Je nach Kontext kann das flapsig oder pathetisch klingen, doch der Eindruck muss zwangsläufig eine andere Richtung nehmen, ist man erst einmal in die Musik eingetaucht, die Ulrich Rois und seine Mitstreiter unter dem Namen Bird People spielen. Weiterlesen
RUTGER ZUYDERVELT: Stay Tuned
Der Besuch eines Orchesterkonzertes ist im Schnitt eine eher frontale Angelegenheit und findet im Sitzen statt. Auf der einen Seite die konzentriert arbeitenden Musiker, auf der anderen die Zuhörer im Modus passiver Kontemplation. Rutger Zuydervelt, der normalerweise in der Elektroakustik zuhause ist und bei seinen Solokonzerten unter dem Namen Machinefabriek recht flexibel mit seinen Settings umgehen kann, verwirklichte im letzten Jahr die schon länger entwickelte Idee eines begehbaren Orchesters. Was er unter dem Namen „Stay Tuned“ in Kanada un den Niederlanden aufführte, gehört allerdings eher in die Bereiche Installation und Environment als in den Weiterlesen
FUTEISHA: Dannato
Man kann Futeishas „Dannato“-Tape nicht im engeren Sinne als Apokalyptic Folk bezeichnen, und doch sollte der Bezug zu dieser Traditionslinie nicht unterschlagen werden. Nicht, weil Juan Scassa, einer der Gitarristen von La Piramide di Sangue, in seinem Soloprojekt molllastige Akustiksongs spielt und schon im Titel (gr. „thanatos“) auf letzte Dinge deutet. Auch nicht bloß, weil der aus Argentinien stammende Turiner neben anderen Vorlieben auch auf die alte World Serpent-Schule schwört. Eher deshalb, weil man unter Futeishas mystischen Psychedelia heute Dark Folk verstehen könnte, wenn sich die Dinge in den greater times etwas anders entwickelt hätten und sich die Weiterlesen
PETER CHRISTOPHERSON: Time Machines II
Auch wenn es profan sein mag, aber vor der Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Werk ein paar Worte über die Art und Weise, wie mit dem Nachlass von Coil umgegangen wird: Dass man sich (noch immer) nicht auf einen Modus zur Wiederveröffentlichung der regulären Alben hat einigen können, ist mehr als bedauerlich und nutzt letztlich auch nur einer Partei: nämlich den Bootleggern. Wer in den letzten Monaten Plattenläden in London durchstöberte (oder aber schlicht das Internet bemühte), der fand eine Reihe sich den Nimbus des Offiziellen gebenden Veröffentlichungen. Weiterlesen
LIZ GREEN: Haul Away!
Liz Green gehört zu denjenigen Folksängerinnen, die vor ihrer “Entdeckung” ein reges subkulturelles Vorleben weit unterhalb der Wahrnehmungsgrenze derjenigen führten, die sich zum Bescheidwissen über musikalische Zeitgeschichte berufen fühlen. Als die Experten für die Spitzen von Eisbergen gerade mit dem Ende des Weird Folk beschäftigt waren, spielte Liz Green zahlreiche Konzerte in Wohnzimmern und kleinen Bars, wo zur Bezahlung der Hut herumging, kleine DIY-Releases entstanden ohne PR und Management. In diesen Jahren entstand ein üppiger Erfahrungs- und Songfundus, aus dem die Künstlerin nun in ihrer Weiterlesen
ADDIS PABLO: In My Father’s House
Wenn die Kinder bekannter Musiker eine eigene Karriere starten, heißt das nicht zwangsläufig, dass erst einmal ein Vater- oder Muttermord begangen werden muss, und in irgendwessen Fußstapfen zu treten muss keineswegs auf epigonalen Abklatsch hinauslaufen. Der Jamaikaner Addis Pablo ist eines der besten Beispiele für T.S. Elios These, dass Kreativität nicht immer konfliktreich vererbt wird, und dass durch freundliche Übernahme ebenfalls interessante Werke entstehen können. Addis Pablo ist der Sohn einer der größten Dub-Ikonen der Welt, nämlich Augustus Pablo, dessen einfache, aber feinsinnige Tunes stets an der Grenze zwischen Weiterlesen
THE GREAT PARK: Kitchen
Obwohl Stephen Burch und seine wechselnden Mitstreiter eine gut erkennbare musikalische Handschrift haben, ist The Great Park auch eine Band, die man sich über die Songtexte erschließen kann. Dass Burch dunkle, vom Fatum erzählende Geschichten in schöne Melodien packt, dass selbst die morbidesten Abgründe sich bei ihm gerne in anheimelden Szenarien ereignen, ist oft hervorgehoben worden, ebenso die biografische Färbung seiner meist in der Ich-Form verfassten Songs. Burch ist aber auch ein leidenschaftlicher Symbolist, und selten wurde sein Interesse an Orten, an Räumen und Straßen und allem, was man dort vorfindet deutlicher als auf den Album „Kitchen“, das neben der CDr-Version erstmals auch in Form von hundert Vinylscheiben vorliegt. Weiterlesen
AUSTRA: Habitat EP
Für eine Band, die mehr als eine Eintagsfliege sein will, gibt es kein überschüssiges Material, und so wurde aus ungenutzten Albumtracks schon so manches veritable Lebenszeichen, das die Wartezeit der Fans, wie man so sagt, verkürzt oder versüßt. Austra haben vor rund drei Jahren den Song „Habitat“ aufgenommen, der auf keines der beiden Alben so richtig zu passen schien. Nun scheint seine Zeit gekommen, und so erscheint er zusammen mit drei Fingerübungen auf der gleichnamigen EP. Weiterlesen
IN GOWAN RING: Full Flower Moon
Eine lineare Lesart der Entwicklung des Werks des von Stadt zu Stadt, von Land zu Land ziehenden B’ee klänge in etwa so: Nach dem stark an britischem Folk orientierten Projekt In Gowan Ring, das sich nach und nach der psychedelischen Droneelemente, die die ersten drei Alben prägten, entledigte, um das melancholisch-zerbrechliche vierte Album „Hazel Steps Through a Weathered Home“ einzuspielen, wurde mit dem neuen Projekt Birch Book eine erdigere, stärker an amerikanischer akustischer Musik orientierte Richtung eingeschlagen. Weiterlesen
JOB KARMA: Society Suicide
Job Karma ist ein Duo aus dem polnischen Wrocław, das eng mit dem dort jährlich stattfindenden Industrial Festival verknüpft ist und seit Ende der 90er verrottete Endzeitszenarien entwirft. Die Musik, die Maciej Frett, Aureliusz Pisarzewski und ihre wechselnden Gäste spielen, beerbt die tribale, rhythmische Tradition der Industrial Culture, perfekt zugeschnitten auf eine Welt im Niedergang. Mit seinem Fantasy-Artwork und diversen Video-Animationen ist Arek Bagiński fast so etwas wie ein drittes Mitglied. Leser unserer Seiten erinnern sich vielleicht an Weiterlesen
VENETIAN SNARES: My Love is a Bulldozer
Aaron Funk spielt eine Musik, die sich kaum auf die Engführung hektischer Elektronik mit romantischer Kunstmusik reduzieren lässt. Er ist zudem in die unterschiedlichsten Richtungen vernetzt und erlebt in regelmäßigen Abständen Ausbrüche kreativer Manie. Zuguterletzt firmiert er unter einem Namen, bei dem man nicht gerade als erstes an Breakcore und Drum’n'Bass denken muss – all dies mag einem zu der Frage einfallen, warum Venetian Snares weit über Genregrenzen hinaus renomiert ist. Der letzte kreative Furor mit bis zu acht Releases im Jahr ist allerdings schon eine Weile her, und so Weiterlesen
THE RED KRAYOLA: Singles (2LP)
Vom Hippieerbe im Punk zu sprechen gleicht bis heute einem Tabubruch, was sich im Fall existierender Klischees durchaus mit Küchenpsychologie erklären lässt – der gemeine Hippie ist nett und versponnen, der gemeine Punk dagegen hat einen guten Teil des mackerhaften Nihilismus verinnerlicht, den er an seiner Zeit eigentlich hasst. Unter den Voraussetzungen will man nicht unbedingt voneinander abstammen, aber mit Robert Crumb hat das natürlich ebenso wenig zu tun wie mit Flux of Pink Indians. Immer wieder gut für einen Blick auf die Kontinuität von Subkulturen unterschiedlicher Jahrzehnte ist Mayo Thompson, der 1968 einen Song über Weiterlesen
OAXACA: Salvatora
Wer Jazz und Funk gerne korsettfrei mag und obendrein ein Faible für die 70er hat, der sollte sich den Namen oAxAcA merken. Fernab vom Südzipfel Mexikos, nämlich im Piemont, gründete sich vor einigen Jahren ein Septett, um unter diesem Namen eine Zeit aufleben zu lassen, in der man glattrasierte Schnösel mit wildem Gejamme noch verprellen konnte. Obwohl mehr in verrauchten Konzertbars zuhause, hat das launige Ensemble sich mit dem Titel „Salvatora“ nun zum zweiten Mal auf Vinyl verewigt. Weiterlesen
V.A.: Deeyah Presents Iranian Woman
Für Menschen mit westlicher Allgemeinbildung ist Iran ein äußerst schwer zu interpretierendes Land. Viele sehen in der multiethnischen Republik eine autoritäre Theokratie mit halbdemokratischen Zügen, einen Staat, in dem finstere Gremien die Fäden ziehen und gerade in der Zeit nach der Revolution etliche Greueltaten zu verantworten hatten. Andere wiederum betrachten den zwischen Zentralasien und der arabischen Halbinsel gelegenen Staat als ein Land mit einer reichhaltigen Kultur, in dem sich allen Repressionen zum Trotz eine ernstzunehmende und v.a. wachsende Zivilgesellschaft herausgebildet hat, und weisen zugleich auf seinen Charakter als Projektionsfläche westlicher Obsessionen hin. Dass beides stimmt, bedeutet Weiterlesen
WRANGLER: LA Spark
Musiker, die sich anschicken, die besten Zeiten analoger, synthetischer Popmusik wieder aufleben zu lassen, sind wahrhaftig keine Seltenheit, und man müsste auch bei den kürzlich in London gegründeten Wrangler keinen Wind darum machen, wenn es sich nicht um ein Gespann altgedienter Musikveteranen handelte. Das Trio setzt sich zusammen aus Ben „Benge“ Edwards, Gründer der Memetune-Studios und Weggefährte von John Foxx, daneben Phil Winter von Tunng und an prominentester Stelle Stephen Mallinder, der gerade der Geschichte seiner Stammband Cabaret Voltaire ein lesbares Narrativ gibt und auch sonst recht offen ist für Zusammenarbeiten – siehe sein Beitrag zur aktuellen Mushroom’s Patience. Weiterlesen
FATHER MURPHY & VERONICA AZZINARI: Nozze Chimiche (Booklet und 12”)
Unter dem in voller Länge um einiges umständlicheren Titel “Rev. Freddie Murphy, C. Lee and vicar Vittorio Demarin as Father Murphy play Veronica Azzinari’s engravings inspired by ‘Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz Anno 1459′” erscheint gerade die Zusammenarbeit zwischen einer der eigenwilligsten jüngeren Experimentalbands und der Druckgrafikerin Veronica Azzinari in Form eines großformatigen Booklets und einer einseitig bespielten 12”. Stoff bzw. die Inspirationsquelle ist der gleichnamige okkulte Roman, der im 17. Jahhundert zu einem der Manifeste der sogenannten Rosenkreuzer wurde und dem deutschen Autor Johann Valentin Andrae zugeschrieben wird. Weiterlesen
BONNIE ‘PRINCE’ BILLY: s/t
Bonnie ‘Prince’ Billys selbstbetiteltes Album hat zwar schon ein paar Monate auf dem Buckel, verdient aber schon deshalb noch immer Erwähnung, weil es mehr als alle anderen Lebenszeichen des Sängers übergangen und in den Chroniken vermutlich einmal als obskure Randerscheinung geführt werden wird. Oldham brachte es letzten Herbst im Eigenverlag heraus, und die größte Werbung, die dafür gemacht wurde, bestand in der Vinylversion, die relativ unkommentiert auf den Merchandise-Tischen der jüngsten Tour auslag. Interessant ist es auch deshalb, weil es, wie nicht unüblich bei Weiterlesen