Jede Subkultur kennt sie: Familientreffen, bei denen sich alte Freunde die Hand schütteln, sich gegenseitig versichern, dass man noch immer zusammen gehört, auch wenn sich die Bande über die Jahre etwas gelockert haben. Familien dieser Art bilden sich häufig im Umfeld beliebter Bands oder im Dunstkreis einiger Kultlabels. Gelegentlich auch um Magazine. Weiterlesen
CONTROLLED BLEEDING: Odes to Bubbler
Inmitten der akzellerierenden und ins Absurde gesteigerten Genreneuschöpfungen sollte man sich der Einfachheit halber vielleicht darauf einigen, dass es auf der einen Seite die Bands gibt, denen man Konsequenz bescheinigen kann, deren Werk sich nur minimal(st) ändert und die die an sie gestellten Erwartungen niemals enttäuschen – die Kehrseite ist eine oftmals große Vorhersehbarkeit, die ermüdend sein kann, von vielen Hörern aber sehr geschätzt wird (der Hörer möchte „nicht in seiner Ruhe gestört sein […] sondern [ist] schon glücklich […], wenn er die alte, vertraute Landschaft wiedersieht“ (Bataille)). Weiterlesen
MARC ALMOND & MICHAEL CASHMORE: Feasting With Panthers
Ein Festmahl mit Raubtieren – eine ebenso reizvolle wie bedrohliche Situation, bei der es zwangsläufig vom Wesen des einzelnen abhängen muss, welche der beiden Empfindungen als stärker wahrgenommen wird. Im spätviktorianischen England, als dekadente Ausschweifungen vor der Fassade bürgerlicher Prüderie gerade einen rebellischen Geist versprühten, bezeichnete man mit dieser Wendung eine konkrete Situation. Es ging um die Neigung reiferer Herren, sich die Gunst weniger betuchter Jünglinge zu erwerben. Und um das Risiko, dadurch Opfer eines Skandals zu werden. Weiterlesen
THE HAXAN CLOAK: s/t
Es ist erfreulich, wenn in einer Zeit der zunehmenden Irrelevanz von Musik noch Labels existieren, die eine konsequente Labelpolitik betreiben. Dabei haben es Aurora Borealis in den letzten Jahren geschafft, im Spannungsfeld zwischen Akustik und Elektronik, zwischen Song und Experiment Bands zu veröffentlichen, die alle eine eigene, oftmals sehr originelle Handschrift tragen. Ich habe schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass eine Reihe der Künstler dieses Labels versuchen, einen locus horribilis zu erschaffen, Musik machen, die den Hörer in Regionen versetzen soll, in denen nichts (mehr) sicher zu sein scheint, Weiterlesen
FOVEA HEX: Here Is Where We Used To Sing
„Down down to the valley to dream of the faraway“
Als zwischen 2005 und 2007 die drei Mini-Alben „Bloom“, „Huge“ und „Allure“ veröffentlicht wurden, die die „Neither Speak Nor Remain Silent“-Trilogie konstituierten und später in einer Box zusammengefasst wurden, ging ein Rauschen durch den Blätterwald: Clodagh Simonds, in den 60ern Vokalistin bei MELLOW CANDLE und später kurzzeitig Gastsängerin bei u.a. THIN LIZZY und Mike Oldfield Weiterlesen
MARISSA NADLER: Marissa Nadler
Es hat immer den Hauch von etwas besonderem, wenn ein Musiker oder eine Band nach einigen Jahren erstmals ein selbstbetiteltes Album herausbringt. Es kann, wie beim berühmten schwarzen Album Metallicas ein endgültiges Ankommen im Mainstream markieren, oder auch für die Selbsteinschätzung stehen, nun endgültig den eigenen, unverwechselbaren Stil gefunden zu haben. Etwas wie auch immer Endgültiges scheint da stets anzuklingen. In Marissa Nadlers Fall dürfte ersteres zum Glück nicht gelingen, doch in der Tat scheint sie musikalisch ein bisschen zu sich selbst gekommen zu sein. Weiterlesen
I play the oud! I play music I love… Interview mit Eliot Bates
Eliot Bates ist ein weitgereister Mann, für den die Bezeichnung Musiker sicher nicht ausreicht. Denn neben der praktischen Arbeit an dem orientalischen Instrument seiner Wahl, der Oud – einer Kurzhalslaute, von der angenommen wird, sie sei der Vorgänger der seit dem Mittelalter in Europa gebrauchten Laute – ist er Experte für das musikalische Geschehen in Anatolien, befasst sich mit der technischen Seite des Aufnahmeprozesses traditioneller Musik, lehrt an verschiedenen Universitäten sowohl in den USA als auch in der Türkei und hat im renommierten Verlag Oxford University Press ein Buch über Musik in der Türkei veröffentlicht. Weiterlesen
ORGANUM: Sorow
David Jackman ist ein Meister der Reduktion: Waren die frühen auf L.A.Y.L.A.H. erschienenen Veröffentlichungen noch von Bildern (u.a. einem mittelalterlichen Holzschnitt oder einem ägyptischen Motiv) geziert, folgten an Max Ernst erinnernde komplexe Kollagen, später fanden sich nur noch Photos, bevor auf den Veröffentlichungen der jüngeren Zeit (wie auch schon bei den Compilations „Volume One“ und „Volume Two“) völlig auf das Piktorale verzichtet wurde und eine völlige Konzentration auf das Wort, auf den Titel stattfand. Weiterlesen
SIMON FINN – Interview
Ende der 60er nahm Simon Finn ein Acidfolk-Album namens “Pass The Distance“ auf, das aus verschiedenen rechtlichen Gründen relativ schnell aus den Regalen genommen wurde und im Lauf der Jahr(zehnt)e einen ziemlichen Kultstatus erlangte. Nachdem David Tibet das Stück “Jerusalem“ – noch heute im Liverepertoire zu finden und in seiner Intensität beeindruckend – gehört hatte, setzte er sich mit Simon Finn in Verbindung und vor einigen Jahren erschien das nur von Simon Finn mit Hilfe von Joolie Wood eingespielte Album “Magic Moments“. Weiterlesen
ROZZ WILLIAMS / PREMATURE EJACULATION: Body of a Crow
Die (Wieder-)Veröffentlichung von Rozz Williams’ „Lost Recordings” geht in die fünfte Runde. Unter dem Projekttitel The Happiest Place on Earth (der natürlich an Disneyland anspielt) 1986 auf Tape gebannt, knüpfen die von Williams und Chuck Collison gemachten Aufnahmen nahtlos an Premature Ejaculation-Tracks an. Auf „Body of a Crow“ finden sich 26 kurze Stücke, die wieder stark loopbasiert sind. Weiterlesen
ARBEIT/BEAUCHAMP/PALUMBO: Torino 012010
Ich weiß nicht, wann Jochen Arbeit erstmals auf das schon länger befreundete Gespann Beauchamp und Palumbo gestoßen ist, das meist noch zusammen mit Julia Kent unter dem Namen BLIND CAVE SALAMANDER firmiert. Die Zusammenarbeit der drei Klangbastler stand jedenfalls von Beginn an unter einem guten Stern. Seit Jahren touren sie inklusive Verstärkung, und die sanfte Dröhnung ihrer gemeinsamen Jams dürfte gerade für den Gitarristen der EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN eine willkommene Abwechslung darstellen. Weiterlesen
MONTE CAZAZZA – Interview
Obwohl Monte Cazazza seit etwa 30 Jahren musikalisch aktiv ist, hat er erst dieses Jahr sein eigentlich erstes eigenes Album veröffentlicht, das seit Jahren angekündigt “The Cynic”. Die Geschichten über seine frühen Exploitationfilme und transgressiven Performances – ein kurzer Abriss über Cazazzas Schaffen findet sich in meiner Rezension von “The Cynic” und ist online einsehbar - haben dazu beigetragen, ihm einen quasimythischen Statuszu verleihen, und das alles trotz oder gerade wegen des geringen musikalischen Outputs und der Nichtverfügbarkeit seines filmischen Früh(st)werks. Weiterlesen
MIMICOF: RundSkipper
Die aus Kyoto stammende Pianistin und Soundkünstlerin MIDORI HIRANO hat sich mit ihren Tonträgern und Filmscores längst auch in ihrer deutschen Wahlheimat einen Namen gemacht. Mit ihren ambienten Klangwelten, deren meditativer Charakter stets hervorgehoben wird, ist die Musikerin ein regelmäßiger Gast auf Berliner Bühnen; Club Transmediale und das bekannteste Filmfestival der Stadt sind dabei nur bekannte Wegmarken, kleinere Themenabende wie zuletzt bei Staalplaat willkommene Gelegenheiten, ihre Musik auch im kleineren Rahmen zu präsentieren. Weiterlesen
HAUS ARAFNA – Interview
Das deutsche Duo Haus Arafna erforscht seit 17 Jahren analoge Klänge und thematisiert Aspekte der conditio humana, die manche lieber im Verborgenen sehen würden. Sieben Jahre nachdem das letzte reguläre Studioalbum “Butterfly” erschienen ist, folgt mit dem schlicht betitelten “You” Album Nummer vier. Dabei nehmen Haus Arafna inzwischen eine Sonderstellung im Feld extremer elektronischer Musik ein, haben sie es doch wie kaum eine andere Band geschafft, Hörer über enge Genregrenzen hinweg zu gewinnen Weiterlesen
DAVID ÅHLÉN: New Jerusalem
Wenn in subkulturellen Kontexten Bezug auf Religion genommen wird, so wird das oft (nur) in der Übersteigerung, im Spektakulären goutiert und akzeptiert, etwa in der Beschwörung der Apokalypse, dem sich Nutzbarmachen des Feuer und Schwefel-Vokabulars des Alten Testaments (z.B. Eugene Edwards), in dem Gott noch ein strafender war. Oder aber man vertont Hymnen randständiger und abseitiger Gruppierungen (wie jüngst SABBATH ASSEMBLY). Weiterlesen
“The Hip Killers Are Burning Like Devil”. Current 93 in der Berliner Volksbühne
Über CURRENT 93, die nächstes Jahr ihr dreißigjähriges „Band“-Jubiläum feiern, ist viel geschrieben worden, und das zurecht. In den ganzen Jahren gab es für David Tibet nie größere Ruhephasen, einige Alben sind wichtige Wegmarken für Vieles: Für zeitgenössische Musik mit religiösem Überbau. Für schwer greifbare Stilkombinationen und überraschende Zusammenarbeiten. Für eine Gegenkultur, die sich nicht geniert und es vor allem auch schafft, etabliertere Kontexte für sich zu nutzen. Zu guter Letzt auch für eine Entwicklung, die man bei ganz unterschiedlichen Bands wahrnimmt, deren Anfänge in der Zeit um 1980 liegen Weiterlesen
ANEMONE TUBE: Death Over China
In einem Land, in dem Turbokapitalismus sich mit einem autoritären Regime paart, sind die Konsequenzen für die Umwelt katastrophal und weithin dokumentiert. Verglichen mit dem in einer Reihe von chinesischen Städten zu atmenden Miasma, das Atemluft zu nennen ein Hohn wäre, mutet Manchester zur Zeit der industriellen Revolution wie ein Luftkurort an. Weiterlesen
CUT HANDS: Afro Noise I
Spätestens als 1997 auf Susan Lawly „Extreme Music from Africa“ erschien, wurde klar, dass William Bennett sich für den dunklen Kontinent interessierte, ein Interesse, das sich allerdings erst 2003 auf dem WHITEHOUSE-Album „Bird Seed“ musikalisch manifestieren sollte (es sei denn, man folgt denen, die behaupten, die auf oben genannter Compilation vertretetenen Projekte wie ROROGWETA oder THE MBUTI SINGERS seien alles Pseudonyme von Bennett selbst gewesen, was beim erneuten Hören des Albums in unmittelbarer Nähe zu CUT HANDS nicht ganz so abwegig erscheint). Weiterlesen
SOL INVICTUS: The Cruellest Month
Bis zum 2005 erschienenen Album „The Devil’s Steed“ war es Tony Wakeford über die Jahre mit Hilfe von Leuten wie Sally Doherty und Matt Howden gelungen, SOL INVICTUS in eine harmonischere und klassische Richtung zu lenken und auf „Thrones“ sogar dezente Jazzeinflüsse zu integrieren. Er selbst bezeichnete das damalige Lineup mehrfach (u.a. in den Linernotes zu der Compilation „The Giddy Whirls of Centuries“) als das beste der Bandgeschichte. Weiterlesen