STONE BREATH: Children of Hum

Nach Stone Breaths 2009 mit dem Album „The Shepherdess And The Bone-White Bird“  – das in der Kernbesetzung Timothy Renner, Prydwyn und Sarada eingespielt worden war – eingeläuteter Rückkehr, entstanden in den darauffolgenden Jahren eine Reihe von Alben (u.a. “The Aetheric Lamp”), die Timothy mit einem neuen, selbst so bezeichneten „lokalen“ Lineup (Don Belch, Brooke Elizabeth) einspielte. Die EP „Children of Hum“ wurde dagegen lediglich von Renner und Prydwyn aufgenommen, der Besetzung also, die auf dem zweiten Album „A Silver Thread To Weave The Seasons“ zu hören war. Weiterlesen

KING AYISOBA: Wicked Leaders

Dass man mit monotonem Anschlag auf Gitarren- oder Banjosaiten ein ungemein „mystisches“ Stimmungsfaszinosum erzeugen kann, wissen alle, die schon einmal in die Welt obskurerer Formen des Folk und Altcountry eingetaucht sind und z.B. Bekanntschaft mit den aus Zigarrenkisten hergestellten Instrumenten Timothy Renners gemacht haben. Auch dass mollastige, doch besser nicht zu süßlich gespielte Flöten und schlichte Trommelbegleitung einen solchen Effekt noch steigern können. Fällt dabei gelegentlich die Bemerkung, dass solche Musik auch stark auf afrikanischen Einflüssen basiert, neigt man vielleicht dazu, das beiläufig abzunicken Weiterlesen

DAVE PHILLIPS: Homo Animalis

Erst kürzlich las ich in einer Kolumne die ironisch gemeinte Beweisführung, dass Roboter die besseren Menschen seien, bzw. dass sie eben darum besser seien, weil sie alle Beschränkungen der menschlichen Psyche und Physis hinter sich gelassen haben. Seit langem träumen Utopisten davon, den Menschen zwar nicht abzuschaffen, ihn aber mittels Technik über seine anthropologischen Grenzen hinauswachsen zu lassen. Transhumanismus nennt man das. Wenn Dave Phillips von einer Erneuerung der menschlichen Spezies spricht, zielt er in die beinahe entgegengesetzte Richtung, denn was er unter Schlagworten wie “humanimal” und “homo animalis” stark macht, sind Weiterlesen

NIEDOWIERZANIE: Felicita

Leo Maury und sein Projekt Niedowierzanie sind längst ein fester Bestandteil jener kleinen Nische, die sich irgendwann im neuen Jahrtausend aus dem experimentierfreudigeren Teil der Post Industrial-Szene herauskristallisiert hat, um die Fühler in alle musikalischen Himmelsrichtungen auszustrecken und dabei doch nie vollends in anderen – „psychedelischen“ – Genres aufzugehen. Die Rede ist von dem Musikkosmos, in dem auch Namen wie Novy Svet, O Paradis, Wermut oder Escama Serrada umherschwirren. Maurys Musik mag dem Wesen nach Ambient sein, doch pendelte sie stets an der Grenze zwischen einem verträumten europäischen Folksound und leicht rhythmischer Musik mit Reminiszenzen an die Tradition des Cold Wave. Weiterlesen

NICK GREY AND THE RANDOM ORCHESTRA: You’re Mine Again

Die Liebe hat in der Popkultur seit jeher einen schweren Stand – nicht dass ihr keine interessanten Schöpfungen gewidmet wären, doch ihre Zahl ist gering im Vergleich zu all dem Eskapismus der dummen Weiber und Kerle, der die weite Welt der liebestrunkenen Lieder, Filme und Romane überschwemmt. Es dauerte bis in die Zeit des Punk und Wave, als über den Abschied vom „Peace and Love“-Motto der 60er kritische Absagen an die schmachtvolle Liebesutopie auch lowbrow salonfähig wurden. „This is not a lovesong“ hies die Devise, es war die Zeit der verhuscht unterkühlten Umwege, der murder ballads, der ironischen Brechungen und subtilen Ausnahmen. Seit dieser Zeit muss ein Weiterlesen

ESPECTRA NEGRA: Savage Justice

Schon der Projektname und der Titel dieser Veröffentlichung legen nah, dass es hier ausgesprochen düster und archaisch zugeht. Espectra Negra, das schwarze Gespenst, ist das aktuelle Soloprojekt der aus Mexico stammenden Noiserin Verónica Mota Galindo, deren meist zwischen Ambient und postidustrieller Klangkunst verortete Sounds bereits in Gruppen wie Cubop, The Sublime und The Devil And Miss Jones zu hören waren. Das 5-Track-Tape “Savage Justice”, auf dem auch Drums von John Murphy zu hören sind, mag für ein Konzept(mini)album zu heterogen ausgefallen sein, doch sind die kompakten Szenarien aus diversen Erdteilen von roher Gewalt und religiös eingefärbtem Ritualismus zusammengehalten. Weiterlesen

HOLGER CZUKAY: Der Osten Ist Rot_Rome Remains Rome

Seit einem knappen Jahr widmet sich Groenland Records der löblichen Aufgabe, wesentliche Teile des Werks von Holger Czukay wieder zugänglich zu machen, und so erschienen letzten Herbst die Wiederveröffentlichungen des Albums “On the Way to the Peak of Normal” und des einmaligen Projektes Les Vampyrettes. Dass seine klassischen LPs “Der Osten ist rot” und “Rome Remains Rome” im Zuge dessen nicht komplett neu aufgelegt werden, ist sicher dem Bekanntheitsgrad des Materials und somit dem weniger großen Nachholbedarf geschuldet. Weiterlesen

HEROIN IN TAHITI: Canicola

Wenn Musiker die Sonne, die Flora und die regionalen Bräuche ihrer Länder besingen, endet das nicht selten im Postkartenkitsch, v.a. wenn es sich bei dem Land auch noch um ein beliebtes Touristenziel handelt. Wer Heroin in Tahiti kennt, weiß allerdings, dass sie unter exotischem Charme etwas anderes verstehen, denn ihre im Zeitlupen-Surfsound beschworenen Südseesettings strahlten eine dreckige Düsternis aus, die mehr mit einem Neo Noir-Streifen gemein hat als mit einem auf Hawaii spielenden Elvis-Schinken. Wer die römische Band in den Jahren ihres Bestehens etwas genauer verfolgt hat, der erinnert sich vielleicht daran, dass sie sich auch schon ihrer italienischen Heimat gewidmet haben. Weiterlesen

OTHON: Pineal

Dass das dritte Album des Pianisten Othon Matagaras nach dem kleinen Organ im Gehirn benannt wurde, das durch die Melatoninproduktion den Tag-Nacht-Rhtyhmus steuert, überrascht nicht, denn – und das dürfte bei der Titelwahl entscheidender gewesen sein – in esoterischen Kreisen wurde die Zirbeldrüse über die Jahrhunderte als Sitz der Seele, als drittes Auge gesehen und schon auf seinem ersten Album „Digital Angel“ wurde deutlich, dass Othon Konzepte schätzt und dass es nicht selten in seinem Schaffen um Transformation(en) geht. Weiterlesen

IRMLER & LIEBEZEIT: Flut

Jaki Liebezeit, den man vor allem als CAN-Drummer kennt, dessen Wurzeln aber im Jazz liegen, begreift Notation und alles schriftlich Festgelegte in der Musik als enges Korsett, das den freien Fluss von Klängen, die nur scheinbar repetitiven Mustern folgen, zum Versiegen bringt: „Musical bars are like prison bars“, heißt es im Booklet des mit Hans Joachim Irmler (Faust) aufgenommenen Albums, das den bezeichnenden Titel „Flut“ trägt. „Flut“, das nur auf Orgel und Schlagzeug basiert, entstand im letzten Sommer in drei kurzen Sessions im Allgäuer Städtchen Scheer, unweit dem Donauufer. Weiterlesen

ANNA CALVI: Strange Weather

Unter den Newcomern des laufenden Jahrzehnts belegt die Britin Anna Calvi einen der renommiertesten Plätze, ihr Debüt bescherte ihr zahlreiche Fans und gute Kritiken. Dass alte Recken wie David Byrne und Nick Cave ihrem Zauber erlagen und entsprechend Starthilfe gaben, wurde fast immer als verdient erachtet, selten wurde über Beziehungen und Patronage geunkt. In der Tat sind ihre Songs, die meist auf gezupften E-Gitarren oder Harmonium basieren, auf eine nur schwer festzulegende Weise geheimnisvoll und zugleich enorm wuchtig. Und auch wenn man sie nicht als Callas an der Gitarre bezeichnen muss, ist die Frau mit der wandlungsfähigen Stimme Weiterlesen

BIRD PEOPLE: King Of The Grove

Ein mysteriöses Volk sind sie, die Wiener Vogelmenschen, die sich mit ihrem feinmaschigen Soundgewebe dem Klang eines Kolibriflügels annähern wollen. Je nach Kontext kann das flapsig oder pathetisch klingen, doch der Eindruck muss zwangsläufig eine andere Richtung nehmen, ist man erst einmal in die Musik eingetaucht, die Ulrich Rois und seine Mitstreiter unter dem Namen Bird People spielen. Weiterlesen

RUTGER ZUYDERVELT: Stay Tuned

Der Besuch eines Orchesterkonzertes ist im Schnitt eine eher frontale Angelegenheit und findet im Sitzen statt. Auf der einen Seite die konzentriert arbeitenden Musiker, auf der anderen die Zuhörer im Modus passiver Kontemplation. Rutger Zuydervelt, der normalerweise in der Elektroakustik zuhause ist und bei seinen Solokonzerten unter dem Namen Machinefabriek recht flexibel mit seinen Settings umgehen kann, verwirklichte im letzten Jahr die schon länger entwickelte Idee eines begehbaren Orchesters. Was er unter dem Namen „Stay Tuned“ in Kanada un den Niederlanden aufführte, gehört allerdings eher in die Bereiche Installation und Environment als in den Weiterlesen

FUTEISHA: Dannato

Man kann Futeishas „Dannato“-Tape nicht im engeren Sinne als Apokalyptic Folk bezeichnen, und doch sollte der Bezug zu dieser Traditionslinie nicht unterschlagen werden. Nicht, weil Juan Scassa, einer der Gitarristen von La Piramide di Sangue, in seinem Soloprojekt molllastige Akustiksongs spielt und schon im Titel (gr. „thanatos“) auf letzte Dinge deutet. Auch nicht bloß, weil der aus Argentinien stammende Turiner neben anderen Vorlieben auch auf die alte World Serpent-Schule schwört. Eher deshalb, weil man unter Futeishas mystischen Psychedelia heute Dark Folk verstehen könnte, wenn sich die Dinge in den greater times etwas anders entwickelt hätten und sich die Weiterlesen

PETER CHRISTOPHERSON: Time Machines II

Auch wenn es profan sein mag, aber vor der Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Werk ein paar Worte über die Art und Weise, wie mit dem Nachlass von Coil umgegangen wird: Dass man sich (noch immer) nicht auf einen Modus zur Wiederveröffentlichung der regulären Alben hat einigen können, ist mehr als bedauerlich und nutzt letztlich auch nur einer Partei: nämlich den Bootleggern. Wer in den letzten Monaten Plattenläden in London durchstöberte (oder aber schlicht das Internet bemühte), der fand eine Reihe sich den Nimbus des Offiziellen gebenden Veröffentlichungen. Weiterlesen

LIZ GREEN: Haul Away!

Liz Green gehört zu denjenigen Folksängerinnen, die vor ihrer “Entdeckung” ein reges subkulturelles Vorleben weit unterhalb der Wahrnehmungsgrenze derjenigen führten, die sich zum Bescheidwissen über musikalische Zeitgeschichte berufen fühlen. Als die Experten für die Spitzen von Eisbergen gerade mit dem Ende des Weird Folk beschäftigt waren, spielte Liz Green zahlreiche Konzerte in Wohnzimmern und kleinen Bars, wo zur Bezahlung der Hut herumging, kleine DIY-Releases entstanden ohne PR und Management. In diesen Jahren entstand ein üppiger Erfahrungs- und Songfundus, aus dem die Künstlerin nun in ihrer Weiterlesen

ADDIS PABLO: In My Father’s House

Wenn die Kinder bekannter Musiker eine eigene Karriere starten, heißt das nicht zwangsläufig, dass erst einmal ein Vater- oder Muttermord begangen werden muss, und in irgendwessen Fußstapfen zu treten muss keineswegs auf epigonalen Abklatsch hinauslaufen. Der Jamaikaner Addis Pablo ist eines der besten Beispiele für T.S. Elios These, dass Kreativität nicht immer konfliktreich vererbt wird, und dass durch freundliche Übernahme ebenfalls interessante Werke entstehen können. Addis Pablo ist der Sohn einer der größten Dub-Ikonen der Welt, nämlich Augustus Pablo, dessen einfache, aber feinsinnige Tunes stets an der Grenze zwischen Weiterlesen

THE GREAT PARK: Kitchen

Obwohl Stephen Burch und seine wechselnden Mitstreiter eine gut erkennbare musikalische Handschrift haben, ist The Great Park auch eine Band, die man sich über die Songtexte erschließen kann. Dass Burch dunkle, vom Fatum erzählende Geschichten in schöne Melodien packt, dass selbst die morbidesten Abgründe sich bei ihm gerne in anheimelden Szenarien ereignen, ist oft hervorgehoben worden, ebenso die biografische Färbung seiner meist in der Ich-Form verfassten Songs. Burch ist aber auch ein leidenschaftlicher Symbolist, und selten wurde sein Interesse an Orten, an Räumen und Straßen und allem, was man dort vorfindet deutlicher als auf den Album „Kitchen“, das neben der CDr-Version erstmals auch in Form von hundert Vinylscheiben vorliegt. Weiterlesen