HENRYSPENCER: Saturn

Saturn, der äußerste Himmelskörper unseres Sonnensystems, der noch mit bloßem Auge zu sehen ist, besitzt in vielen Kulturen eine mythisch aufgeladene Symbolik. Im antiken Mythos ist er eine Verkörperung von Kronos, einem Vegetationsgott, der aufgrund des ähnlichen Namens häufig mit Chronos, dem Gott der Zeit verwechselt wird. Ihm zu Ehren veranstalteten die Römer jährlich die Saturnalien, einen sinnenfrohen Karneval, bei dem Ordnung und Hierarchie Kopf standen. Wie viele vitale Göttergestalten aus vorchristlicher Zeit erfuhren seine lebensfrohen Eigenschaften später Weiterlesen

KAKAWAKA: Ein fröhliches Lied auf den Lippen den Wandersmann kann nichts erschüttern

Die meisten Noisefreunde kennen Kakawaka v.a. als Liveact. Unter dem Namen, der nur zufällig an das kanadische Ureinwohnervolk der Kwakwaka’wakw erinnert, bereichert Christoph Petermann seit einigen Jahren ausgewählte Musikveranstaltungen mit etwas, das in der Experimentalszene längst selten geworden ist: Eine Mischung aus Performance und Lärm, die in ihrer radikal primitivistischen Einfachheit keineswegs wie Pendant XYZ klingt. Kakawaka ist große Comedy, auf eine Art, die sich schon lange totgelaufen hätte, würde das Konzept mit einer Weiterlesen

V.A.: Hail Be You Sovereigns, Lief And Dear: Dark Britannica III

Je nach Zählung („John Barleycorn: Rebirth“ war ursprünglich lediglich als Downloadergänzung zur ersten Veröffentlichung „John Barleycorn: Reborn“ gedacht und wurde erst einige Jahre später eigenständig auf CD veröffentlicht) ist das der dritte respektive vierte Teil der umfangreichen Folkanthologie, die unter dem Banner des Zyklischen, des Säens und Erntens, des Werdens und Vergehens, das sich im Traditional „John Barleycorn“ widerspiegelt, von Cold Spring veröffentlicht wird. Weiterlesen

JULIA KENT: Character

Man muss nicht gleich an etwas so Offensichtliches wie den Bildungsroman denken, wenn jemand das Leben mit einer literarischen Erzählung vergleicht. Jenseits kohärenter Geschichten mit all ihren Ausschmückungen und Auslassungen ist das menschliche Bewusstsein ein stets neu befeuerter narrativer Prozess, voll von ineinander verschlungenen Fragmenten erzählender, beschreibender und kommentierender Art. Was daraus entsteht ist ein Selbstbild als work in progress. Die Seelenkunde trägt dem vielfältig Rechnung, und für manche Schulen der Psychoanalyse ist der sogenannte Neurotiker primär jemand, der eine unvorteilhafte Autobiografie entwirft und lernen sollte, an Stil, Modus und Motiven zu feilen. Weiterlesen

MUERAN HUMANOS: El Circulo/La Langosta

Mueran Humanos können seit ihrem Debüt bereits auf eine kleine Erfolgsgeschichte zurückblicken. Teil ihres Rezeptes, falls sie so etwas haben, ist eine Kunst, die sich viele Musiker gerne auf die Fahne schreiben – Carmen und Tomás liegen zu allen möglichen Kategorien quer und haben doch vielen Orten der Subkultur das Passende zu bieten. Der kernige Bass, die Drummachine, der mehrstimmige Gesang, die markigen Texte, die sich mit Vorliebe an allzu bequemen Weltbildern abarbeiten – all dies funktioniert im Postpunk-Rahmen ebenso wie in krautigen Weiterlesen

DAWN MCCARTHY AND BONNIE ‘PRINCE’ BILLY: What The Brothers Sang

Wenn Dawn McCarthy und Bonnie ‘Prince’ Billy die Everly Brothers covern und auch noch Pete Townsend mit von der Partie ist, dann weiß man kaum, wo man anfangen soll. Am sinnvollsten ist freilich, zuerst einmal Dawn McCarthy vorzustellen, denn hinter dem hierzulande weniger bekannten Namen verbirgt sich eine Musikerin, die bereits auf eine respektable Laufbahn zurückblicken kann. Dawn „The Faun“ McCarthy entstammt sowohl der Musik- als auch der Theaterszene und ist seit rund fünfzehn Jahren Frontfrau bei The Faun Fables, die mit ihren verrückten Konzeptalben Weiterlesen

CANNIBAL MOVIE: Mondo Music

Cannibal Movie sind eine Combo, deren Werk man als eine leidenschaftliche Hommage betrachten kann. Den Gegenstand der Verkultung muss man nicht lange suchen, denn er liegt in so ziemlich jeder künstlerischen Äußerung des Duos auf der Hand – Bandname, Titel und natürlich die Musik referieren auf eine Zeit, in der auch das Reißerische und Triviale eine würdevolle Ästhetik ausstrahlen konnte und weit entfernt war vom grellen Ramsch der folgenden Jahrzehnte. Gemeint sind die 60er und frühen 70er mit ihrer charakteristischen Populärkultur, eine Zeit, in der aus der Ikonografie des Konsums noch Popart werden konnte. Heute undenkbar, außer man verschreibt sich der Retromanie. Weiterlesen

NICK CAVE AND THE BAD SEEDS: Push The Sky Away

Der erste Gedanke, der mir beim Hören der neuen Bad Seeds-Platte kam, lief auf die Frage hinaus, wie es wohl für die einzelnen Bandmitglieder sein mag, „nur“ Teil einer längst zur Institution gereiften Gruppe zu sein, von der hauptsächlich Frontmann und Chefcharismatiker Nick Cave öffentliche Wahrnehmung genießt. Freilich, die Frage kommt von jemandem, dessen musikalische Sozialisation in Biotopen stattfand, in denen Musiker meist egozentrische „Projekte“ betreiben, sich untereinander zwar aushelfen, aber nur selten feste Bands mit klaren Hierarchien bilden. Darüber hinaus ist die Frage als Kompliment zu verstehen, denn wenn es etwas gibt, das auf „Push The Sky Away“ besonders überzeugt, dann ist es die Weiterlesen

BODUF SONGS: Burnt Up On Re-Entry

Ein Musiker, der sich während eines Konzertes den Applaus verbittet, kann kein uninteressanter Mensch sein. Wenn der gleiche Musiker es schafft, mit trashigen Horrormotiven immer noch eine geheimnisvolle Aura zu entfalten, dann ist er ein Könner obendrein. Mat Sweet alias Boduf Songs, der kauzige Eigenbrötler von der englischen Riviera, ist mit seinem idiosynkratischen Lofi-Folk, der von Platte zu Platte opulenter wird, ein außergewöhnliches Original. Seine dunklen Akustiksongs verströmen den Charme einer vergessener Helloween-Folklore, manche versetzen den Hörer regelrecht in einen düsteren Animationsfilm, der auf Weiterlesen

ESBEN AND THE WITCH: Wash The Sins Not Only The Face

Ob sich Esben And The Witch den Begriff Nightmare Indiepop selbst ausgedacht haben, oder ob ihn irgendein PR-Fritze auf dem Kerbholz hat, darf gerne ein Geheimnis bleiben. Aufgeschlossene Geister konnten sich schon vor zwei Jahren davon überzeugen, dass Rachel Davies und ihre zwei Mitstreiter nicht ins gewöhnliche Indie-Regal passen, in das man seit Jahren alle kleinen Geschwister der Viva Zwei-Chargen steckt. Dass der Erstling „Violet Cries“ wie tausend andere Alben der letzten Jahre erfolgreich auf der 80s-Welle mitschwamm, ist unbestreitbar, ebenso dass er wie ein solides Debüt klingt, bei dem Weiterlesen

THE HOWLING HEX: The Best Of…

Nennt eigentlich heute noch jemand eine Best of-CD „The Best of…“? Kaum, außer es handelt sich dabei gar nicht um eine Greatest Hits-Compilation, sondern um ein ganz gewöhnliches Album. Was auch wieder nicht stimmt, denn ganz ordinär sollte es dabei nicht zugehen. Neil Hagerty alias The Howling Hex findet jedenfalls, dass sein aktuelles Werk alles zuvor geschaffene in den Schatten stellt und die eigentliche Bestimmung seiner mittlerweile One Man-Band, bei der er singt, klampft und trommelt, bestens auf den Punkt bringt. Besonders typisch ist das Beste der heulenden Hexe allerdings nicht. Weiterlesen

ANDREW GILBERT: Colonial Exhibition. Culloden 1746 (Katalog)

Am 16. April 1746 ereignete sich auf dem schottischen Culloden Moor die letzte und zugleich wohl brutalste Schlacht auf dem Boden des neuzeitlichen Großbritannien. Als Kampfparteien standen sich um Unabhängigkeit, aber auch um überregionale Macht kämpfende schottische Rebellen unter dem Kommando des im Exil geborenen Bonnie Prince Charlie und eine bis auf die Zähne bewaffnete englische Regierungsarmee unter der Führung des berüchtigten “Schlächters” Cumberland gegenüber. Aus dem Blickwinkel der Fürsten und Feldherren war dieser Krieg (den man nach dem Schotten King James  “Jacobite Rebellion” nannte) ein Kampf der Dynastien, allgemeiner natürlich auch ein Kräftemessen konkurrierender Konfessionen, denn es standen sich Katholiken und Anglikaner gegenüber. Ebenso sehr jedoch handelte es sich dabei um eine Auseinandersetzung zweier benachbarter Völker, von denen eines soeben Weiterlesen

MUSHY: Breathless

Ob die enorme Retromaschine, die weite Teile der Musikwelt in den letzten zwei Jahrzehnten in Gang gehalten hat, alsbald den Geist aufgeben wird, ist schwer vorherzusagen. Freilich, der Vorrat an Wiederverwertbarem und Neukombinierbarem wird mit der Zeit kleiner werden, und der „novelty“ effect, den Folkhippies im Web 2.0, Cold Wave ohne Kalten Krieg und die Durchmischung von Hiphop-Beats mit dem Trockeneis der Gruftiedisco einst auslösten, ist weitgehend in eine „business as usual“-Routine übergegangen. Das klingt ernüchternd, vor allem wenn man im Pop nach wie vor das Spektakel sucht Weiterlesen

ALASDAIR ROBERTS AND FRIENDS: A Wonder Working Stone

Gemessen an seinem Folk-Image ist der in Deutschland geborene Schotte Alasdair Roberts ein echter Kosmopolit. Dass seine stilistischen Wurzeln primär dem anglophonen Raum entstammen, tut der Sache keinen Abbruch, denn seine Zusammenführung traditioneller Spielweisen beiderseits des Atlantik unterscheiden sich recht stark von den sonst üblichen Synthesen. Bei den meisten Kollegen wirkt eine der beiden Einflusssphären sekundär, oder man bereichert die typischen Elemente der einen Tradition mit den untypischen der jeweils anderen. Roberts dagegen Weiterlesen

AKUBI OBJECT: Akubi Object

War Malaise Music anfangs noch das Label, das sich der Mammutaufgabe gestellt hatte, Rozz Williams’ experimentelle Arbeiten mit seinem Projekt Premature Ejaculation zu veröffentlichen, so wird mit Akubi Object eine Band gewürdigt, die im weiteren Umfeld von Williams tätig war und in der kurzen Zeit ihres Bestehens – die 1996 gegründete Band wurde 1998 nach dem Tod des Bassisten Israel Medina aufgelöst – lediglich eine EP herausbrachte. Neben den fünf Tracks finden sich auf der CD ein unveröffentlichtes Stück sowie der Beitrag der Band zur „Merry Maladies“-Compilation (auf der auch Williams und andere verwandte Acts extensiv vertreten waren). Weiterlesen

VINCENT VON FLIEGER: Day 1

Die Musik Vincent von Fliegers ist so eigenwillig wie sein einprägsamer Künstlername. Man sollte ihn allerdings nicht mit Bombast und großen Worten ankündigen, nicht nur, weil er das nicht nötig hätte, sondern weil die Songs, die der junge Nürnberger jüngst auf sein Debüt gepackt hat, weit entfernt sind von großen Gesten aller Art. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb ist Markanz und Eindringlichkeit durchaus vorhanden. Weiterlesen

FLORIAN HECKER: Chimerization (3LP-Box)

Bei Florian Heckers „Chimerization“-Album wird ein Zusammenhang bewusst, der im Grunde jeder Musik, jedem Kunstwerk inhärent ist, der jedoch aufgrund der vermeintlichen Kohärenz des Rezipierten oft eingeebnet und letztlich vergessen wird – man hat es mit einem Sekundär- bzw. Tertiär-Medium zu tun, das auf eine ganze Reihe an Vorstufen rückverweist, und das man, falls notwendig, wie beim Zwiebelschälen oder beim Öffnen einer russischen Matrjoschka-Puppe erst im analytischen Rückblick in seiner Gänze kennenlernen kann. Die hier vorliegende Aufzeichnung, die sich auf insgesamt sechs LP-Seiten verteilt, ist die Konserve einer Soundperformance Weiterlesen

SUN WORSHIP: s/t (Tape)

Dass sich Black Metal nicht mehr nur innerhalb einer abgedunkelten Parallelwelt abspielt, hat sich gewiss weitgehend herumgesprochen und wird wohl nur noch unverbesserliche Puristen in Rage versetzen. In den letzten zehn Jahren kam es vermehrt zu Hybriden mit anderen Musikarten wie Drone, Ambient oder Postrock, im Zuge dessen entstanden ganze Subszenen, exotische Einzelerscheinungen wie Black Metal mit Banjo oder Hackbrett kamen hinzu. Gingen solche Grenzerweiterungen anfangs meist aus der Szene selbst hervor, so wurde das schwarze Metall mit der Zeit auch immer mehr Weiterlesen

X-TG: Desertshore / The Final Report

Schon die Re-Formation Throbbing Gristles im Jahr 2004 nach der Terminierung der Mission im Jahre 1981 war eigentlich ein Affront, ein zum Scheitern verurteilter Versuch, denn Throbbing Gristle waren immer mehr als nur die Musik. Von Anfang an ging es (auch) um das Außermusikalische, die Transgression, den Schock, der sicher eine ebenso wichtige Rolle zur Bildung der „Legende“ (David Henderson in Sounds) beitrug, wie diese „Musik der Unbefugten“ (G. Brus). Ganz häretisch könnte man sagen, dass die Geschichte (durchaus doppeldeutig zu verstehen) Throbbing Gristles vielen Rezensenten geläufiger war als die Musik. Gegen diese These spricht auch nicht der (erfolgreiche) Versuch eines Journalisten 24 Stunden am Stück die Musik der Band zu hören. Weiterlesen