V.A.: Werewolf Songs. Music Inspired by Swedish Folklore

Als Regissuer Joe Dante über die Genese seines Films The Howling und die damit verbundenen Recherchen sprach, wies er darauf hin, dass ein Großteil „unseres Wissens über Werwölfe aus dem Kino kommt […], dass sich dieses Wissen aber ganz erheblich von den alten Mythen unterscheidet.“ Nach einer Renaissance des Werwolfs im Kino der 80er/90er, an deren Beginn Dantes Film anzusiedeln ist, steht er inzwischen wieder im Schatten des Vampirs, sei es in der anämisch-keuschen „Twilight“-Reihe oder in der sexuell aufgeladenen und blutigen HBO-Serie True Blood. In beiden Fällen spielen die auftretenden Werwölfe vergleichen mit den teils blassen, teils extrem virilen Blutsaugern nur eine sekundäre Rolle. Weiterlesen

V.A.: Epicurean Escapism

Unter Eskapismus versteht man – kurz gesagt – das Ausblenden der alltäglichen Realität. Will man es genauer wissen, so bemerkt man schnell, dass man ein Fass ohne Boden vor sich hat. Man erfährt, dass Eskapismus oft Kunstwerken nachgesagt wird, in der Regel denen, die nicht direkt Stellung zu Problemen der Zeit beziehen. Vielleicht auch, dass der Begriff erst in der Moderne aufgekommen ist, und für allerlei Fluchtreflexe steht, die eine von Masse und Marktgesetzen geprägte Gesellschaft mit all ihren Entfremdungserscheinungen nach sich zieht. Weiterlesen

BRUME / OUBLIER ET MOURIR: A Year To Live

2003 arbeiteten Anemone Tube und Christian Renou (Brume) erstmals auf „Transference“ zusammen und erschafften ein Album, das trotz unterschwellig unruhiger Momente eine (be)ruhige(nde) Melancholie ausstrahlte. „A Year to Live“ knüpft bedingt an dieses Album an, geht allerdings auch darüber hinaus. Wer die rabiaten und (sowohl musikalisch als auch konzeptionell) dichten, auf Feldaufnahmen basierenden letzten Anemone Tube-Aufnahmen im Kopf hat, wird nachvollziehen können, warum mit Oublier Et Mourir ein anderer Projektname gewählt wurde, denn schon das Eröffnungsstück „A New Weiterlesen

CHARLES FRÉGER: Wilder Mann. Mit einem Vorwort von Robert McLiam Wilson (Buch)

Ursprünglich waren es vor allem Personen in stilvoller Montur und markanter Pose, die der Fotograf Charles Fréger in Hunderten von Porträts dokumentierte. Schon in jungen Jahren erarbeitete er sich ein Renommee als Modefotograf, doch sein besonderes Interesse galt Uniformen, meist solchen aus früheren Epochen und auch gerne aus Ländern wie Indien und China: Soldaten, Wachleute und andere Bedienstete als typisierte Boten einer fremden Welt. Der Exotismus dieser Arbeiten springt einem gleich in seiner ganzen Künstlichkeit entgegen – als perfekte Projektionsfläche, die einem das ersehnte Andere präsentiert und doch stets zeigt, dass es allem voran für Weiterlesen

CHARALAMBIDES: Exile

Über das texanische Duo Charalambides wurde bei uns noch nicht berichtet, und ihr letztes offizielles Studioalbum „Exile“ erschien auch bereits letzten Herbst beim amerikanischen Ausnahmelabel Kranky. Die Eheleute Carter, welche den Nukleus und oftmals auch die einzige Besetzung der Band ausmachen, verdienen aber jede Aufmerksamkeit. Aufgrund weniger angenehmer Umstände (dazu unten mehr) ist im Hause Charalambides momentan auch jede Unterstützung willkommen. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ihr Album auch nachträglich noch eine Empfehlung verdient. Weiterlesen

WHITE HEX: Heat 12″

White Hex haben ihrer ersten 12” nicht nur den Titel „Heat“ gegeben, sie nennen ihren Stil obendrein auch noch Tropical Goth. Auf den ersten Eindruck könnte man jedoch meinen, dass das winterlich dunkle Coverbild weit mehr zur desolaten Stimmung der Musik passt, die das australische Duo Tara Green und Jimi Kritzler fabriziert, aber vielleicht soll das Porträt der beiden ja auch so etwas wie den Triumph des Entronnenseins dokumentieren. Die tropische Hitze, die die beiden hier eine knappe halbe Stunde lang Weiterlesen

COCOROSIE: We Are On Fire 7”

Irgendwie hatten die beiden Casady-Schwestern wohl doch noch die Zeit gefunden, eine Single mit zwei neuen Songs aufzunehmen. In den vergangenen Monaten waren sie nämlich vor allem mit der Aufführung diverser Bühnnstücke befasst, einem Ballet und einer Oper, um genau zu sein, und die Planung ihrer diesjährigen Tour, bei der eine aufwendige Bühnenshow in Begleitung der traditionellen indischen Band Rajastan Roots auf dem Programm steht, ist ebenfalls im Gange. Weiterlesen

COMUS: Out Of The Coma

Wenige Bands haben solch singuläre Alben erschaffen wie Comus mit dem 1971 veröffentlichten „First Utterance“. Den Einfluss, den dieses Album auf eine Reihe auch für diese Publikation wichtige Künstler hatte, ist an vielen Stellen dokumentiert. Die Themen, an denen sich Comus auf „First Utterance“ abarbeiteten, standen im scharfen Kontrast zu der „love and peace“-Attitüde der Hippies. Dass Comus Ende der 60er u.a. mit Velvet Underground-Covern begannen, passt schon, denn auch die New Yorker hassten die Weiterlesen

7JK: Anthems Flesh

Schon in unserer Besprechung zur letzten Sieben wurde auf Matt Howdens Interesse am künstlerischen Dialog hingewiesen, was gerade deshalb so sehr ins Auge fallen muss, da er unter diesem Namen fast ausschließlich Soloarbeiten aufnimmt. Aufgeschlossenheit gegenüber Inspiration, Interesse an Neuinterpretationen und weitere Querbezüge stehen einem melancholischen Pop gegenüber, den der Sheffielder mit Stimme, Geige und Looptechnik nach wie vor allein verkörpert. Wie um dies zu untermauern hat Howden nun erstmals sein Projekt mit einer anderen Band fusionieren lassen und Weiterlesen

KORPSES KATATONIK: Œvres Complètes

Bevor Michael DeWitt sein Ritualprojekt Zero Kama begann, dessen Widerhall und Kultstatus sicher sowohl mit der Musik als auch mit dem gewählten Instrumentarium zu tun hat, existierte für etwa ein Jahr von 1982 bis 1983  Korpses Katatonik, ein Projekt, das ganz offensichtlich visuell-musikalisch-thematisch an der ersten Industrialgeneration orientiert war. Von den in den Linernotes als Einfluss genannten Bands (Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire, SPK) waren es sicher die letztgenannten, die eine entscheidende konzeptionelle Orientierung boten. Die Weiterlesen

BLOOMING LATIGO: Esfínteres y Faquires

Der Reiz, Gruppen mit komplett auf Bandcamp hörbaren Alben mit einer ausführlichen Review zu würdigen, hält sich in Grenzen. Nicht einmal aufgrund des eventuell als ramschig empfundenen Charakteres dieser Plattform (jeder der will hat in fünf Minuten ein Release), denn wie bei etlichen anderen Medien besteht auch hier immer noch die Möglichkeit zur Perlenfischerei. Es ist mehr so, dass sich die journalistische Instanz auf eine reine Hinweisfunktion beschränken kann, da jedwede beschreibende Vermittlung unnötig ist. Böse gesagt Weiterlesen

STEREO TOTAL: Cactus Versus Brezel

Irgendwie waren Stereo Total immer die einzige deutsche Band der Generation Flipflops, deren Electro Clash ich nicht nur ertragen konnte, sondern zwischendurch sogar immer mal richtig gut fand. Fanden die meisten anderen Verdächtigen treffsicher ihren Platz entweder im neunmalklugen Studententum oder in kleinbürgerlicher Gefälligkeit, blieben Françoise Cactus und Brezel Göring stets eigensinnig, geistreich und gepflegt provokant, und all dies, ohne einem schon nach dem dritten Song mittels Bemühtheit auf den Keks zu gehen. Mag Françoise’ (selbstverständlich ironische) Schmollmund-Stimme Weiterlesen

TREMBLING BELLS & BONNIE ‘PRINCE’ BILLY: The Marble Downs

Duette zwischen Sängerinnen und Sängern sind wahrscheinlich so alt wie die Musik selbst. Im Pop hat sich dabei besonders das Schema „böser Bube, nettes Mädchen“ bewährt, bei dem ein verwegenes Raubein seine Prinzessin umgarnt und dabei in charakterisierender Stimmlagenverteilung zum Ziel kommt oder auch nicht. Carter und Cash, Birkin und Gainsbourg, Campbell und Lanegan, you name it. Eine weitere, meist komödiantische, manchmal auch tragikomische Spielart davon inszeniert Kappeleien schon bestehender Paare. In nicht wenigen Fällen scheitert der männliche Part in seinen eitlen Bemühungen und wird Weiterlesen

LUNAR ABYSS DEUS ORGANUM: Atanimonni Aitnatsbus

Auf einem weiteren Teil der „Substantia Innominata“-Reihe spielt das in St. Petersburg ansässige Einmannprojekt von Evgeny Savenko mit dem etwas prätentiösen Namen eine unglaublich variantenreiche Musik, die mit dem Genrebegriff Drone nur unzureichend beschrieben ist, zu viel passiert auf den zwei langen Tracks dieser 10′. Im Artwork spiegelt sich die musikalische Ausrichtung des Projekts wider, das seine Musik auf Facebook als „drone therapy & ritual ambient“ beschreibt: Eine von einem Fluss durchzogene Landschaft, dazu indigene Zeichnungen von Tieren, Menschen und Kanus. „Atanimonni“ wird von Glocken Weiterlesen

XXENA: Ápolis

Als ich zum ersten mal das Cover von “Ápolis” sah, musste ich sofort an die nordrheinwestfälische Formation Mater Suspiria Vision denken. Diese typischen um die Mittelachse zentrierten und feminin gestylten Motive im 70er Jahre-Stil, die bei mir immer Erinnerungen an Mario Bavas “Diabolik” und weitere poppige Genrefilme dieser Zeit evozieren, tragen jedenfalls eine vertraute Handschrift. Hinter dieser Fassade verbirgt sich aber zunächst die Römische Künstlerin Arianna Degni, die wiederum unter dem Pseudonym xXeNa aktiv ist. Weiterlesen

JAMES BLACKSHAW: Love Is The Plan, The Plan Is Death

Alice B. Sheldon war eine amerikanische Science Fiction-Autorin, die vor allem unter ihrem männlichen Pseudonym James Tiptree jr. für ihre fantastischen und sprachlich wohl sehr evokativen Kurzgeschichten bekannt wurde. Ich hätte die erste Zeile von ihr noch zu lesen, und es wäre äußerst interessant zu erfahren, wie ich mit ihren Geschichten im Hintergrund auf James Blackshaws neues Album „Love is the Plan, the Plan is Death“ reagieren würde. Dessen Songtitel sind nämlich durchweg ihrer Prosa entnommen, und auch atmosphärisch sollen die Kompositionen vom Werk der Schriftstellerin inspiriert sein. Weiterlesen

LAIBACH: Iron Sky The Original Film Soundtrack

Auf „Iron Sky“ einzugehen würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, zudem Sujet (Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs machen sich die auf der dunklen Seite des Mondes in einer hakenkreuzförmigen Festung lebenden Nazis mit ihren Flugscheiben auf den Weg zur Erde), die Enstehungsgeschichte (die Rolle des Crowdfundings etc.) und der erhebliche Nerdfaktor intensiv an anderen Stellen und zwar nicht nur von subkulturellen Medien beleuchtet worden sind. Außerdem hat ein Autor dieses Magazins den Film besprochen. Von meiner Seite nur soviel: Iron Sky funktioniert eher als Weiterlesen

SEAMUS CATER AND VILJAM NYBACKA: The Anecdotes

In früheren Epochen wurden interessante Geschichten nicht selten in Liedform weitergegeben, viele davon waren fiktive oder reale Biografien. Das Duo Seamus Cater und Viljam Nybacka steht – unabhängig davon, ob und wie stark man ihre Musik nun mit Folk in Verbindung bringt – in dieser Tradition, und auf ihrer ersten größeren Zusammenarbeit gilt ihr vorrangiges Interesse herausragenden (Künstler-)Personen des 19. und 20. Jahrhunderts. Cater und Nybacka greifen bei dieser Hommage auf die Gattung der Anekdote zurück, nach der ihr Debüt, eine elegant gestaltete LP, dann auch benannt ist. Weiterlesen

LA OTRACINA: The Aquarian Wind

La Otracina ist eine dreiköpfige Stonerband aus Brooklyn, die auf ihrer neuen LP den Wind des Wassermannes auf die Welt los lässt. New Age-Kitsch? Mitnichten. Ein kraftstrotzendes psychedelisches Biest schon eher. Einvernehmlicher Grundtenor bei Vergleichen war bislang, dass La Otracina das unbeackerte Feld zwischen Amon Düül II, frühen Hawkwind und Led Zeppelin mit Leben füllen und in die für den Acissound der Jahre um 1970 so aufgeschlossenen Jetztzeit transportieren. So allgemein ist dem nichts entgegen zu setzen. Weiterlesen