SWANS: To Be Kind

Die Musik, die die Swans seit ihrer von Gira so betitelten „reconstitution“ spielen, kann man partiell zwar als aggressiv charakterisieren, viel angemessener lässt sie sich – und zwar gilt das für die Ohren zerstörenden Auftritte ebenso wie die Alben – als enorm physische, fast schon körperlich vielleicht nicht anstrengende, aber herausfordernde Musik beschreiben und zwar für Band wie für Hörer gleichermaßen – und das sollte man rein deskriptiv, nicht als Kritik verstehen. Allein die schiere Menge an Material kann einschüchternd wirken: Nach dem etwa zweistündigen „The Seer“ folgen wieder etwa 120 Minuten, diesmal auf 10 Songs, Tracks (auf dem die Aufnahmen für das Album finanzierenden Live-Album „Not Here / Not Now“ schrieb Gira dann auch: „it’s admittedly a stretch to call some of them ‘songs’“ ) verteilt. Weiterlesen

MAI MAI MAI: Δέλτα (Delta)

Mai Mai Mai ist eine moderne Abenteuergeschichte, eine Art Odyssee durch eine analoge mediterrane Welt, in der der mythische Held, sein Name ist Toni, allerhand Dinge zu meistern hat, die für den Rezipienten vage und abstrakt bleiben müssen. Dies ist v.a. dem Medium der Geschichte geschuldet, denn Mai Mai Mai ist weder Epos, noch Film, noch Balladensammlung, sondern ein weitgehend instrumental gehaltenes, elektronisches Musikprojekt – diesmal unterstützt durch eine handvoll Gäste, die das Album “Delta” ein gutes Stück vom Vorgänger “Theta” abheben. Weiterlesen

THE DEAD HANDS & FEE: The Horrible Scar EP

Zu den ersten gemeinsamen Lebenszeichen von The Dead Hands und der Sängerin Fee Reega zählte der Opener der mittlerweile vergriffenen Compilation “50″, einem Jubiläumssampler von Woodland Recordings. Der monotone Downer “Better Start to Swim” eröffnete das Mammutprojekt wie ein düster-ironisches Omen und erzählt eine biblische Anekdote aus dem Blickwinkel derer, die im Angesicht eines Wunders die Stirn runzeln – selbst die Gottesmutter wünscht sich nichts als die ganz banalen Naturgesetze zurück, wenn sie ihren (und des Menschen) Sohn auf dem See Genezareth wandeln sieht. Weiterlesen

BO NINGEN: III

Der Übergang von psychedelischer Rockmusik der 70er hin zum schon auf das nächste Jahrzehnt vorausweisenden Punk und New Wave vollzog sich, zumindest was die Kontinuitäten betraf, eher heimlich. Gleichwohl brachte gerade Deutschland einiges an Musik hervor, bei der die Grenze zwischen Kraut und NDW fließend verlief. Es wäre schon sehr überraschend gewesen, wenn unter den vielen geschichtsversessenen Bands der letzten Jahre niemand gewesen wäre, der den Punkt, an dem Rockmusik beides war, nicht besonders unter die Lupe genommen hätte. Das japanische, seit längerem in London heimische Quartett Bo Ningen ist Weiterlesen

@C: Ab OVO

Wenn in Anlehnung an den Psychoanalytiker Otto Rank vom Trauma der Geburt die Rede ist, versteht man darunter das Gefühl des Herausgestoßenseins aus einem überschaubaren, vertrauten Raum und einem als konstant erlebten Zeitgefüge und den gleichzeitigen Eintritt in eine ungeordnete, diskontinuierliche Welt, in der die Grenzen und Strukturen des Selbst ständigen Verunsicherungen ausgesetzt sind. Bereits bekanntere Fachkollegen wie Freud und Lacan haben in einer Bildsprache, die nicht immer dazu taugt, das Interesse von Laien zu wecken, nachgezeichnet, wie das Kind erst nach mehr als einem Jahr so etwas wie ein Weiterlesen

BARRIKAD: Nordic Ideological Frontline

In der an kryptorechten und libertären „Aufklärern“ nicht gerade armen Post Industrial-Szene wirkt ein Projekt wie Barrikad mit seinem marxistischen Referenzkosmos fast wie ein Kuckucksei. Dass der Gothenburger meilenweit entfernt ist vom wässrigen Geseier einer akademischen Pseudolinken und sich keineswegs scheut, mit Bands von inkorrektem Ruf in einem Boot zu sitzen, mach ihn zusätzlich interessant. Seine an den Altvorderen orientierte, oft noisige Spielart des Industrial sorgt mittlerweile schon seit fast anderthalb Jahrzehnten für durchdachte Konzeptalben, die selten bis zum Gelegenheitshörer industrieller Klänge durchsickern. Das liegt Weiterlesen

WOVENHAND: Refractory Obdurate

Der Werdegang von Wovenhand mit all seinen großen und kleinen Kurswechseln ist ausgiebig dokumentiert, und der musikalische Schritt, den David Eugene Edwards von „The Laughing Stalk“ zu „Refractory Obdurate“ gegangen ist, wird vermutlich als einer der weniger großen in die Bandchronik eingehen, denn die vor einigen Jahren getroffene Entscheidung, rockiger und treibender zu spielen, wird anno 2014 nicht revidiert, sondern lediglich in der Art und Weise variiert. Textlich fällt eine Rückbesinnung auf biblische Themen ins Auge, die im Bandkosmos nie vom Tisch waren, doch schon seit dem Ende von Sixteen Horsepower weniger direkt im Vordergrund standen. Weiterlesen

HOLLYWOOD DREAM TRIP: Would You Like To Know More?

Hollywood Dream Trip ist ein relativ neues Projekt von Christoph Heemann und Will Long – über ersteren wurde kürzlich im Rahmen der Veröffentlichung von „Maccia Forest“ berichtet, letzterer erzeugt mit Celer wunderschöne melodische Drones und ist Betreiber des kleinen Labels/Verlags Two Acorns. Die Genese des Albums hat durchaus etwas von einem Film, von Hollywood und wenn auf der Labelseite die Geschichte mit „It was a dark and starry night.“ beginnt, so wird man ebenfalls an ein Märchen erinnert: Weiterlesen

LA PIRAMIDE DI SANGUE: Sette

La Piramide di Sangue sind ein Unikat, das in der heutigen Psychedelia- und Stoner-Szene einen eigenen Platz beanspruchen kann, auch wenn es sicher etliche gibt, die sich in der Tradition von Embryo oder der Third Ear Band wähnen und ausladende, experimentelle Rockstrukturen mit orientalischen Elementen garnieren. Was das Turiner Septett, das aus einer doppelten Rockbesetzung und einem Klarinettisten besteht, hervorhebt, ist eine kraftvolle und unberechenbare Aufbruchstimmung, bei der man dankbar sein kann, dass das Ganze zumindest nicht durchgehend auf Metal hinausgelaufen ist. Dies traf Weiterlesen

MICK HARVEY: Intoxicated Man / Pink Elephants

Wenn englischsprachige Popmusik die am meisten exportierte ist, dann ist ihr französischsprachiges Pendant vielleicht die am meisten übersetzte. Der immer etwas ambivalente Versuch v.a. anglophoner Sänger, französischen Songs die Ehre zu erbieten und sie sich zugleich sprachlich anzueignen, brachte Resultate zustande, die auch als Cover längst zu Klassikern geworden sind, wobei interessant ist, dass immer ein Interesse an etwas älteren Aufnahmen bestand. Jeder kennt die Jacques Brel-Interpretationen von Scott Walker und Marc Almond, und Mick Harveys Versionen von Serge Gainsbourg-Songs stehen ihnen in nichts nach. Die Wiederveröffentlichung seiner beiden Weiterlesen

HEROIN IN TAHITI: Peplum 7′

Doomige Keyboards, verwegene Twangs und ein langsamer, tiefschwarzer Groove – Heroin in Tahiti, die beiden Doomsurfer aus Rom bleiben sich treu, präsentieren nach dem Split mit Ensemble Economique ihr nächtes Lebenszeichen und erweitern das Tape-Label Yerevan mit dem untypischen Medium einer schön gestalteten schwarzen 7”. Weiterlesen

LIMPE FUCHS / CHRISTOPH HEEMANN / TIMO VAN LUIJK: Maccia Forest

Christoph Heemann ist seit Jahrzehnten aus der Geräuschmusik nicht wegzudenken. Man denke an seine Anfänge mit dem von skurrilem Humor (der von Asmus Tietchens mal als „rheinländisch“ charakterisiert wurde) geprägten Projekt Hirsche Nicht Aufs Sofa, dessen Album „Melchior“ ganz passenderweise auf Steven Stapletons Label United Dairies erschien, an die oft wunderschönen Gitarrendrones, die er mit Mirror veröffentlichte oder an die dichte Elektroakustik von In Camera. Weiterlesen

DONATO EPIRO: Fiume Nero

Ein Debüt ist „Fiume Nero“ nur im allerformalsten Sinne, denn Donato Epiro ist im italienischen Underground kein Unbekannter und auch Leser unserer Seiten sollten den Namen kennen. Er ist Teil des Duos Cannibal Movie, das mit Orgel und Schlagwerk die Geister alter Exploitation-Filme beschwört und zugleich auf die Frage, was ein etwas abgegriffener Begriff wie Psychedelic heute noch bedeuten kann, ein paar interessante, düstere Antworten zur Hand hat. Solo ist Epiro weitaus elektronischer unterwegs und offenbart ein Interesse an harten, entgrenzten Ritualklängen. Einiges davon erscheint seit Weiterlesen

SANGRE DE MUERDAGO / NOVEMTHREE: Braided Paths

Folkmusik kann die unterschiedlichsten Assoziationen hervorrufen oder, wie man heute sagen würde, in die verschiedensten Richtungen „getagt“ sein. Sie kann die kämpferische Haltung eines Protestsongs einnehmen oder wie ein wehmütiges Echo aus einer verklärten Zeit anmuten. Sie kann als verspielte Hippiemusik daherkommen, oder bieder und zugeknöpft, und dann gibt es noch die freien, experimentierfreundigen Varianten mit offenen Grenzen zu Improv und Noise. Es gibt seit den 70ern eine Tradition, die Prog- und Psychedelic-Assoziationen hervorruft und zugleich eine Art bessere Mittelaltermusik abgibt. Als deutschen Klassiker dieser Richtung kann man das Debüt der Weiterlesen

FATIMA AL QADIRI: Asiatisch

Unter Exotismus versteht der gebildete Europäer die romantisierende Verklärung fremder Kulturen. Ob es dabei um Abenteuer, Kitsch oder politische Utopien geht – die fremde Kultur selbst mit all ihren schwer verständlichen Eigenheiten bildet meist nur eine Leinwand, auf die Träumer ihre Ideen einer ansprechenderen Welt projizieren. Ihre Realität rückt dabei nicht wesentlich näher. Im allgemeinen Jargon ist Exotismus ein westliches Phänomen, ihr Objekt nie blond und protestantisch – im Grunde ist er der etwas nettere Zwilling des Kulturchauvinismus. Die Vorstellung, dass er kaum anderswo als in den Weiterlesen

LAURENT PERRIER: Plateforme #1

In den nie endenden Debatten über Formen der Kreativität ist die Frage nach dem künstlerischen Dialog und die damit verbundene Frage nach Eigenständigkeit ein verlässlicher Dauerbrenner. Die großen Theorien dazu, deren Echos ungebrochen kollidieren, wurden freilich vor langer Zeit verfasst. An einem der Pole begegnet einem das lange totgesagte, in Wahrheit aber vital-untote Gespenst des Genies, das seine Alleinstellung auf Talent begründet und wohl auch noch im luftleeren Raum schöpferisch wäre. Dem entgegen steht der Künstler als Aneigner, der sich nicht nur im steten Austausch mit anderen befindet, sondern selbst das Fundament seiner Arbeiten im Rückgriff auf fremde Schöpfungen sieht – sei dies in Form Weiterlesen

ROMA AMOR: On The Wire

Man könnte es sich einfach machen und die Musik von Roma Amor als Chanson oder Folk bezeichnen. Das wäre nicht einmal wirklich falsch, auch wenn der eine Begriff zu speziell, der andere zu allgemein gehalten wäre. Mit ihrem Grundinstrumentarium aus Akordeon und Gitarre und dem leidenschaftlichem Gesang stehen Euski und Michele in einer Tradition, die sich durch das ganze zwanzigste Jahrhundert zieht, bei italienischen Volksliedern beginnt, Abstecher in die Cabarets der 20er und die Music Hall der 60er macht, um irgendwann bei einem frühen Europop zu landen, den schon der Geist des Punk’n'Wave durchweht. Ihre Songs können nett und einschmeichelnd sein, und gefallen zum Teil auch Leuten, die Weiterlesen

NOVÝ SVĚT / SPETTRO FAMILY: Split (7′)

Es ist vielleicht ganz passend, dass Nový Svět sich eine 7′ mit Spettro Family teilen – erst einmal ganz unabhängig von eventuellen musikalischen Querbezügen. Denn in den Jahren nach der Auflösung des österreichischen Duos gab es immer wieder bislang unveröffentlichte Aufnahmen, mal waren es die kurzen, auf englisch gesungenen minimalistischen Folksongs auf „Into Your Skies“, mal die auf drei limitierten Tapes versammelten verrauschten Ambientminuaturen der „Selected Ambient Works“ oder aber die unveröffentlichte, überraschenderweise aus den Sessions zum unveröffentlichten Album „Desde Infiernos De Flores“ stammende Dubstepnummer „Yo No“ auf der kürzlich erschienenen Weiterlesen

ISLAJA: S U U

Eine Platte, die nach dem finnischen Wort für „Mund“ betitelt ist, weckt die verschiedensten Erwartungen – Rezitation, gutes Songwriting, eine markante Stimme, expressiver Gesang. Am wenigesten würde man vermutlich an die groovigen und v.a. körperbetonten Synthiebeats denken, die auf Islajas neuem Longplayer nicht nur ins Ohr gehen, sondern auch die Füße mal mindestens zum wippen bringen. Weiterlesen