LABRECQUE / BARAKAT: Terminal Desert

Wenn eine Platte “Terminal Desert” heißt, versteckt sich dahinter mit einiger Wahrscheinlichkeit eine endzeitliche, apokalyptisch gestimmte Musik  – ein Unterfangen, das bereits von ungezählten Musikern aller Genres mit viel Pathos und Getöse umgesetzt wurde. Genres, Pathos und Getöse erwartet man allerdings nur bedingt, wenn man mit dem bisherigen Werk von Paul LaBrecque und Ghazi Barakat vertraut ist. Barakat, der deutsch-palästinensische Soundartist, der heute primär als Mastermind von Pharoah Chromium und als Weiterlesen

Land of Waves: Elektroakustisches Album von Bérangère Maximin

Heute erscheint mit “Land of Waves” das sechste Album der französischen Komponistin Bérangère Maximin als Doppel-LP bei Karlrecords. Mit einem umfangreichen Instrumentarium an Klangerzeugern wie Gitarre, Perkussion, Synthies, Elektronik, Stimme und diversen Objekten wurde eine ganz eigene, vielgestaltige Welt voll unterschiedlicher Schauplätze und Ereignisse imaginiert und erkundet. Weiterlesen

Celestial Birds: Elektronische Arbeiten von Muhal Richard Abrams auf neuer Compilation

Muhal Richard Abrams, eine zentrale Figur der Chicagoer Jazz-Szene und Mitbegründer der Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) interessierte sich schon in frühen Jahren für elektronische Musik und nahm zahlreiche Stücke mir Synthesizer auf. Im damals weitgehend “akustischen” Jazz war dies eine Ausnahme, zum einen wegen der nur schwer zugänglichen elektronischen Musikstudios, zum anderen auch wegen Vorbehalten der eigenen Community und Fangemeinde. Weiterlesen

AIDAN BAKER / GARETH DAVIS: Invisible Cities II

Vor zwei Jahren machten sich der bekannte Gitarrendröhner Aidan Baker und der in Belgien lebende Klarinettist Gareth Davis an die musikalische Umsetzung von Italo Calvinos Roman “Die unsichtbaren Städte” aus dem Jahr 1972. Ohne textliche Referenzen wie Lyrics entstand durch meditative Drones und den orientalisch anmutenden Ornamenten der Bassklarinette eine eher vage Interpretation der semifantastischen Reiseerzählung um den Entdecker und Geschichtenerzähler Marco Polo, bei der einem auch ohne Textkenntnis nichts entging. “Invisible Cities” wurde ein ganz eigener, von der Ausgangsidee unabhängiger Kosmos, der sich Weiterlesen

KONSTRUKT / KEN VANDERMARK: Kozmik Bazaar

In dem kosmischen Basar von Konstrukt und dem an Tenorsaxophon und Klarinette bewanderten Ken Vandermark wird man ohne Vorwarnung hineingeworfen, denn das erste gemeinsame Album der Istanbuler Freejazzer und ihrem Chicagoer Kollegen beginnt gleich mit einem schrillen, lauten und in aller Aufgedrehtheit groovigen Freakout, das nach eigenen Angaben als Referenz an Ornette Coleman gedacht ist und allzu gepflegte Gemüter ordentlich aufscheuchen wird. Weiterlesen

Ein Strumpf wächst durch den Tisch: Hörspiel von Ulf Stolterfoht mit Musik vom Kammerflimmer Kollektief

Unter der Regie von Iris Drögekamp und Thomas Weber und nach dem Script des Lyrikers Ulf Stolterfoht entstand unter dem Titel “Ein Strumpf wächst durch den Tisch” ein ambitioniertes Hörspiel, das sich der Macht von Namen und Benennungen widmet und der Frage, wie Hierarchien prachlich wiedergegeben und transportiert werden. Der Text basiert auf den Mitteilungen, mit denen sich die Gefangenen von Stammheim untereinander verständigten, zudem gibt es Gastauftritte historischer Figuren wie Ludwig Wittgenstein und Herman Melville. Das Hörspiel – mit einem Score des Kammerflimmer Kollektief – erscheint am 25. Oktober auf Vinyl und als Download bei Karlrecords. Weiterlesen

G.A.M.S.: s/t

Wenn man alle Bestandteile aufzählen wollte, die für Rock und viele andere Musik wesentlich ist, dann wären Rhythmus und Feedback wahrscheinlich ganz oben auf der Liste. In ihren typischen Formen, die mannigfaltig sind, haben diese Komponenten etwas Selbstverständliches, das einem erst auffällt, wenn es fehlt. Drummer Andy Stecher und Gitarrist Guido Möbius machen so gesehen etwas Ungewöhnliches, wenn sie auf ihrem gemeinsamen Projekt G.A.M.S. Rhythmus und Feedback aus ihrem vertrauten Ort holen und ins Weiterlesen

Saba Alizadeh im Hamburger Westwerk

Nach der Wiederveröffentlichung seiner LP “Scattered Memories” auf Karlrecords ist der in Teheran lebende Sound-Artist und Kamancheh-Virtuose Saba Alizadeh erstmals wieder in Deutschland zu sehen. Am 16. August tritt der Musiker im Hamburger Westwerk auf und präsentiert seine zwischen zeitgenössischer Elektronik und traditioneller persischer Musik angesiedelten Arbeiten. Weiterlesen

HÜMA UTKU: Gnosis

Hüma Utku zählt zu den Musikerinnen, die ihre Arbeiten langsam und fast ein wenig unscheibar anklingen lassen. Ähnlich wie auf der letztjährigen EP “Seb-i Yelda”, die noch unter ihrem Projektnamen R.A.N. alias Roads At Night erschienen ist, beginnt auch ihr neues Album gemächlich im Stil dunkel verhallter, fast gehauchter Ambientmusik mit kleinen hellen Obertönen und dezenten Beatansätzen – ein Stil, mit dem manche Kollegen ganze Musikerkarrieren bestreiten. Das in der ruhigen Gangart des Openers “Vulnerary” wenig Weiterlesen

SABA ALIZADEH: Scattered Memories

Erinnerungen, die man als zersplittert und bruchstückhaft erlebt, sind selten so klar und eindringlich wie die Kompositionen, die der iranische Musiker Saba Alizadeh auf seinem ersten Soloalbum „Scatteted Memories“ zusammengestellt hat. Es handelt sich dabei um Nacharbeiten verschiedener Stücke, die er in den letzten Jahren komponiert und aufgeführt hat, und die so Teil eines ungeordneten musikalischen Erinnerungngsfundus sind. Weiterlesen

AUDREY CHEN: Runt Vigor

Der Mund-, Nasen- und Rachenbereich ist eine Körperregion, die zahlreiche Geräusche produziert, und viele davon sind für das durchschnittliche Ohr weit weniger attraktiv als die vielleicht beliebtesten Äußerungen dieser Organe, das Singen und das Sprechen. Das leicht klebrige Geräusch von Lippen, die sich voneinander lösen, das noch nassere der Zunge, wenn sie den Gaumen kurz berührt, der Klang des Atems, wenn er in Keuchen, Hecheln oder Röcheln übergeht, oder wenn er durch die Weiterlesen

R.A.N.: Seb-i Yelda

Die ersten Minuten von “Seb-i Yelda” könnten der Auftakt zu einer Ambientplatte, zu einem subtilen Noisetrack oder zu einem düsteren elektronischen Hörspiel sein: kühles, furchteinflösendes Rauschen in verschiedenen Tonlagen, diverse, nur für kurze Zeit repetitive Taktfolgen, tiefes Stimmengemurmel und spannendes Beckenrauschen sowie eine klangliche Dichte, die zunimmt und doch nie auf einen Höhepunkt zusteuert – all dies und Weiterlesen

Nicolas Wiese, Mike Majkowski und R.A.N. am 13. Juli im West Germany Berlin

Anlässlich seines neuen Albums “Unrelated” (Karlrecords) ist der audiovisuelle Künstler Nicolas Wiese am Freitag, den 13. Juli, im Berliner West Germany zu sehen. Ebenfalls treten der Bassist und Komponist Mike Majkowski und die Producerin R.A.N. (Roads at Night) auf, letztere wird ebenfalls Auszüge ihrer im Spätsommer erscheinenden EP ”Şeb​-​i Yelda” vorstellen. Im Anschluss werden Mat Pogo und Oliver Peters vom Turntable aus für gepflegte Unterhaltung sorgen. Weiterlesen

IANNIS XENAKIS: Persepolis

Über den Entstehungskontext und die Erstaufführung von Iannis Xenakis’ elektroakustischer Komposition „Persepolis“ ist einiges geschrieben worden. Das knapp einstündige Werk basiert auf diversen 8-Spur-Tapes und wurde 1971 von Mohammed Reza Pahlevi, dem letzten Shah des Iran für das Shiraz Art Festival in den Ruinen der alten Hauptstadt Persepolis in Auftrag gegeben. In dieser Aufführung war es Teil einer Multimedia-Performance namens „Polytopes“ – „viele Räume“: Entsprechend der Topografie der Ruinen wurden Weiterlesen

AIDAN BAKER / GARETH DAVIS: Invisible Cities

Wenn ein Album durch Titel und Hintergrundinformationen auf ein Werk beispielsweise der Literatur verweist, muss das nicht zwangsläufig heißen, dass die Musik das Buch interpretiert oder im anderen Medium neu umzusetzen versucht. Das Buch kann aber, wenn es nicht völlig quer zur Stimmung eines Albums liegt, einen Zusammenhang stiften, durch den die Musik eine weitere Bedeutungsnuance erhält. Weiterlesen

KONSTRUKT / KEIJI HAINO: A Philosophy Warping, Little By Little That Way Lies A Quagmire

Mit Konstrukt und Keiji Haino treffen zwei sehr unterschiedliche Phänomene aufeinander. Zur Kollision zwischen dem türkischen Freejazzquartett und dem japanischen Noiseveteranen kommt es trotzdem nicht, eher schon zur Kollision mit allzu wohlklangverwöhnten Ohren. Stehen Konstrukt, die nach ihren Auftritten mit Peter Brötzmann, Thurston Moore und anderen längst auch international einen Namen haben, für größtmögliche Freiheit in der Musik, dann repräsentiert der androgyne Extremvokalist ein beachtliches Maß an erschöpfender Entgrenzung. Weiterlesen

CRETA: s/t

Bis vor einigen Jahren kannte man Massimo Pupillo vor allem als Bassist der römischen Jazzcore-Formation Zu, und schon zu der Zeit kam es immer wieder zu originellen Zusammenarbeiten mit Musikern wie Dälek, Damo Suzuki oder Current 93, um nur einige zu nennen. Seit einiger Zeit spielt der Musiker auch außerhalb seiner Stammband in immer wieder neuen Konstellationen, und wenn man seine Arbeiten mit Oren Ambarchi und Stefano Pilia, in der Band Laniakea und jüngst mit Thighpaulsandra als Uruk vergleicht, zeichnet sich ein Interesse an Weiterlesen

ZEITKRATZER / ELLIOTT SHARP: Oneirika

Elliott Sharp, der seit den 70ern als Komponist und Virtuose an verschiedenen Instrumenten in Erscheinung tritt, ist nicht nur ein Grenzgänger der Musiksparten – Studium bei Morton Feldman, Kollaborationen mit John Zorn, Bill Laswell, den Hi Sheriffs of Blue u.v.a. – sondern auch sehr frei im Hinblick auf die Umsetzung seiner Kompositionen. Um den Interpreten weitgehend freie Hand zu lassen, hat er eine Methode entwickelt, seine Partituren mittels Photoshop soweit vage zu machen, dass die Musiker nur noch einen grob richtungsweisenden Anhaltspunkt haben. Weiterlesen

GOLDEN DISKÓ SHIP: Imaginary Boys

Der Stil, den sich Theresa Stroetges mit ihrem Projekt Golden Diskó Ship erspielt hat, ist v.a. eines: ungreifbar. Man kann zahlreiche Komponenten ihrer Musik aufzählen: den Mix aus gesampleten Natursounds, Elektronik und akustischen Beigaben klassischer oder folkiger Art; die Gradwanderung zwischen Pop und Experiment; das Sammelsurium von Rhythmen aus der Rumpelkiste popkultureller Tradition; das Gleichgewicht aus Feinsinnigkeit und Simplizität; ein Gesang zwischen Weiterlesen