SWANS: The Great Annihilator (inkl. MICHAEL GIRA: Drainland)

In einer Hinsicht kann man die Phase der Swans Mitte der 90er mit der heutigen Zeit vergleichen: Ein Abschnitt ihres Schaffens hatte so langsam seinen Zenit überschritten und neigte sich seinem Ende zu, das eine Auszeit und einen wie auch immer gearteten Neuanfang nach sich ziehen musste. „The Great Annihilator“ war das letzte typische Album dieser Werkphase, die seit Ende der 80er andauerte und im Unterschied zum düster-atonalen Frühwerk – ohne dessen Hang zu repetitiver Monotonie völlig aufzugeben – melodische Elemente integrierte. Ähnlich einer ganze Zahl an lärmenden Weiterlesen

Swans auf Abschiedstour in Deutschland mit Little Annie und Baby Dee als Support (22. – 28. Oktober)

Seit Monaten touren die Swans nach ihrem Album “The Glowing Man” in verschiedenen Ländern, um sich – zumindest in ihrer jetzigen Konstellation – von ihren Fans zu verabschieden. Im Oktober werden sie nun auch in Deutschland halt machen und sind in Heidelberg, Dresden, Bremen und zweimal in Berlin zu sehen. Zur Einstimmung spielen bei den jeweiligen Konzerten entweder Little Annie oder Baby Dee. Weiterlesen

Meditation in Chaos: Bildband von Little Annie bei Timeless Ed.

Ein Buch wie dieses ist seit langem überfällig. Versucht man einen Überblick über die vielen Aktivitäten der jüngst von New York nach Miami gezogenen Künstlerin zu geben, dann fallen ihre Gemälde oft etwas unter den Tisch. Bekannter sind ihre musikalischen Werke, entweder solo, oder zusammen mit Musikern von Crass, Current 93 und Coil über Adrian Sherwood und DJ Khan bis zu Marc Almond, Larsen, Swans, Baby Dee, Paul Wallfisch und vielen mehr. Auch ihre beiden Bücher, die Autobiografie „You Can’t Sing The Blues While Drinking Milk“ und das ebenfalls autobiografische Erzählgedicht „Sing, Don’t Cry“ sorgten für Resonnanz. Little Annie a.k.a. Annie Bandez malt bereits seit den 90ern, dennoch gab es nur wengie Ausstellungen, und erst jetzt erscheint mit „Meditation in Chaos“ ihr erster Bildband, der neben zahlreichen Gemälden auch einige Fotoarbeiten enthält. Weiterlesen

LARSEN: Of Grog Vim

Ich weiß nicht viel über Grog Vim, aber der Legende nach soll er eine moderne Renaissance-Figur gewesen sein, und selbst das mit der Vergangenheitsform ist so eine Sache, denn niemand weiß genau, ob er nicht vielleicht doch noch unter uns weilt. Als man noch mehr von ihm mitbekam, war er auf der Suche nach einer Art Weltformel, und sein letztes Lebenszeichen war eine Mondfahrt, die allgemein als Fahrt nachhause interpretiert wurde, da er bereis zu Forschungszwecken auf unserem Trabanten war. Man findet ihn übrigens in keiner Enzyklopädie, aber das macht nichts, denn der Mythos, den Weiterlesen

NORMAN WESTBERG: MRI

Norman Westberg, den die meisten als Gitarristen der Swans kennen, der darüber hinaus aber in einer Vielzahl weiterer Bands aktiv war, leidet seit Jahren an einem ungleichen Abnehmen seiner Hörvermögens, was bei einem auditiv feinfühlige Menschen naturgemäß zu intensiven neuen Beobachtungen führen musste. Eine neue Art, tönen und ihren Nuancen nachzuspüren, neue Unsicherheiten, aber auch im Zuge dessen neu entwickelte Wahrnehmungsfähigkeiten sowie die Wirkung bestimmter Weiterlesen

SWANS: The Glowing Man

In Richard Powers Roman The Time of Our Singing sagt der Ich-Erzähler an einer Stelle: „most people wanted from music not transcendence but simply companionship, a tune just as bound by gravity as its listeners were“. Wer die Swans bei einem ihrer zahlreichen Auftritte erlebt hat, der braucht nicht einmal auf Michael Giras Äußerung zum neuen Album zu verweisen (“I’m decidedly not a Deist, but on a few occasions – particularly in live performance – it’s been my privilege, through our collective efforts, to just barely grasp something of the infinite in the sound and experience generated by a force that is definitely greater than all of us combined.”), Weiterlesen

SWANS: White Light from the Mouth of Infinity & Love of Life

Es ist nicht leicht, etwas allgemein Einführendes zu den Swans zu sagen, ohne dabei Gemeinpläze zu bedienen. Ich schlage folgende Behauptung vor: Swans ist eine Band, die nicht jedem angeraten ist, ein unerfahrenes Sensibelchen mit Hang zu starker Identifikation könnte – weniger durch die Wucht der Musik als vielmehr durch den oft doppenbödigen, aber stets kompromisslosen Sarkasmus in Michael Giras Worten – fatal in Mitleidenschaft gezogen werden, psychisch wie physisch, und das gilt für alle Werkphasen der amerikanischen Band, die seit den Anfängen im No Wave und Power Rock der Weiterlesen

What do you Know about a Good Father? Interview mit Joke Lanz von Sudden Infant

In der experimentellen Musik und im Post-Industrial sind Projekte üblicher als Bands, was man mit der Distanz zum herkömmlichen Rock’n'Roll-Lifestyle ebenso erklären könnte wie mit dem starken Konzeptcharakter vieler Arbeiten, bei denen meist die Ideen einer einzelnen Person im Zentrum stehen. Obwohl Sudden Infant eine sehr individuelle Sicht auf die Welt zum Ausdruck bringt und nicht selten persönliche Erfahrungen verarbeitet, entschied sich Betreiber Joke Lanz im vergangenen Jahr, das Einmannprojekt in ein Trio umzuwandeln, bei dem ein an Jazz und Rock geschultes Schlagzeug und ein Kontrabass mit dem altbekannten elektronischen Lärm zu einer Einheit fusionieren, die man als Weiterlesen

SUDDEN INFANT: Wölfli’s Nightmare

Es gibt Bands, die sich bei gefühlt jeder Veröffentlichung neu erfinden und solche, die sich über Jahrzehnte in der gleichen Umlaufbahn bewegen und ihren Stil nur minimal variieren. Wenn eine Band oder ein Künstler nach etlichen Jahren einen plötzlichen Wandel vollzieht, erregt das Aufsehen, und was für die einen der Ausverkauf, ist für die anderen eine vitale Frischzellenkur. Sudden Infant war für die letzten drei Jahrzehnte das Projekt von Joke Lanz und zwar nur Joke Lanz. Als ein solches wurde es nach einer abschließenden Tour und einem limitierten Tape vor ein paar Monaten zu Grabe getragen. Auferstanden ist Sudden Infant seit kurzem als Trio, zu dem neben Lanz nun noch ein Schlagzeuger Weiterlesen

SWANS: The Seer

Als die Swans 1996 mit „Soundtracks For The Blind“ das letzte Studioalbum für 14 Jahre  veröffentlichten, waren das zwei CDs voller Loops, Collagen, Fragmente, ausufernder Stücke, die das vorwegnahmen, was später Postrock genannt werden sollte und auf gewisse Weise war das auch ein Eingestehen, dass man das, was musikalisch möglich war, ausgeschöpft und erschöpft hatte, ähnlich vielleicht wie das Spätwerk Shakespeares Theaterkonventionen und das, was zur damaligen Zeit aufführungstechnisch möglich war, sprengte. Weiterlesen

You Killed Me First: The Cinema of Transgression

Es wird immer noch gelegentlich behauptet, die 80er wären generell verklemmter und weniger freizügig gewesen als die 70er. Sicher mag das in vielen Fällen auch so gewesen sein, und warum sollte das in einer Kultur, die in vielerlei Hinsicht nach den Gesetzmäßigkeiten von Konjunkturzyklen funktioniert, auch verwundern. Relevanter ist die Beobachtung, dass das Enthemmte, Dionysische, das man mit vielen Phänomenen der Jahre um 1970 in Verbindung bringt, ein Jahrzehnt später zu einem Großteil in die Subkulturen abgewandert ist, und dort weniger die Liebe und den Frieden feiert, sondern vielmehr Weiterlesen