REINIER VAN HOUDT: Igitur Carbon Copies

Wer den Niederländer Reinier Van Houdt nur als Pianisten kennt, der Current 93 in den letzten Jahren im Studio und live unterstützt hat, der hat vielleicht einen etwas (zu) einseitigen Blick auf das Werk van Houdts, schließlich hat er u.a. Musik von Walter Marchetti und Charlemagne Palestine interpretiert und mit Alvin Lucier und Luc Ferrari zusammengearbeitet – eine vollständige Liste seiner musikalischen Partner liest sich wie ein Who’s Who zeitgenössicher experimenteller Musik. Das Vorgängeralbum Weiterlesen

CURRENT 93: The Light Is Leaving Us All

Im Frühjahr 2014 wurde der nach einer Zeile aus einem Gedicht von John Clare betitelte eigentliche Vorgänger „I Am The Last Of All The Field That Fell” veröffentlicht. Seitdem erschienenen die beiden Alben „The Moons At Your Door“ sowie „The Stars On Their Horsies“, die den Fokus weniger auf den Song als auf das Soundscape richteten. Zudem gab es zwei Seitenprojekte: das mit Killing Jokes Youth eingespielte, opulenter instrumentierte, fast schon orchestral klingende Hypnopazuzu-Album “Create Christ, Sailor Boy” sowie jüngst noch das schon vor einigen Jahren aufgenommene Weiterlesen

Current 93 in London, Bern und Berlin

Nach der Digital-Single “Bright Dead Star” und mit dem kommenden Album “The Light Is Leaving Us All” im Gepäck präsentiert die Ultimate Hallucinatory Gnostic SuperGroup um David Tibet ihr neues Set nach Leiria in Portugal auf drei weiteren Bühnen in Europa. Begleitet wird Tibet von Aloma Ruiz Boada, Reinier van Houdt, Andrew Liles, Alasdair Roberts und Michael York. In London treten an dem Abend außerdem Nurse With Wound auf. Weiterlesen

ZU93: Mirror Emperor

Endlich erscheint das vor einigen Jahren aufgenommene und schon u.a auf dem Donausfestival 2011 aufgeführte Album der Zusammenabeit von David Tibet und den italienischen ZU. Man mag vielleicht vorschnell einen Vergleich zu Hypnopazuzu, Tibets Zusammenarbeit mit Killing Jokes Youth, ziehen (deren Debüt ebenfalls auf House of Mythology veröffentlicht wurde), aber während „Create Christ, Sailor Boy“ von einer orchestralen Opulenz geprägt war und sich Weiterlesen

NURSE WITH WOUND: Sinister Whimsey to the Wretched

Es gibt viele Musiker, die aus ungewöhnlichen Alltagsgeräuschen, Stimmen und Zitaten konventioneller Musik wilde und doch stimmige Kollagen fabrizieren, aber eine Nurse With Wound-Platte erkennt man meist sofort – an gewissen tremolierenden Sounds, an schwindeligen Spielereien mit dem Tempo, an dröhnender Paranoia, bizarren Tierstimmen, fiesem Hohngelächter und kreischenden Frauen aus den Stuben einer Nervenklinik, die das Setting eines Jess Franco-Films sein könnte. Solche Weiterlesen

CURRENT 93: Thunder Perfect Mind 2LP

Als Current 93 in den frühen 90ern das Album „Thunder Perfect Mind“ herausbrachten, war die mediale Aufmerksamkeit und die Möglichkeit von Publicity für derartige Musik noch weitaus gringer als heute, wo diverse Kanäle wie Newsletter und Social Media die Erwartung auf einen Tonträger anheizen und die Gespanntheit auf einen eventuellen Meilenstein schüren können. War man nicht im Postverteiler der entsprechenden Vertriebe oder stand im Kontakt mit dem einen oder anderen Musiker, dann erfuhr man irgendwann aus der einschlägigen Presse von den gerade erschienenen Releases, und so erblickte das vorliegende Album auf fast etwas Weiterlesen

The Moons at Your Door: Current 93, Hypnopazūzu und Alasdair Roberts in Berlin

Current 93 zählen nicht zu den routinierten Live-Bands, bei denen sich über die Jahre fast unvermeidlich gewisse Vorhersehbarkeiten einschleichen. Konzerte gibt es seit jeher eher sporadisch und meist einzeln organisiert, nur selten gibt es so etwas wie Ansätze zu einer kleinen Tour. Zudem verändert sich das Line-up der beteiligten Musiker oft sehr stark, so dass Sound und Songauswahl fast zwangsläufig immer wieder anders ausfallen. Wenn Current 93 mal wieder in der eigenen Stadt auftreten, kann man also alles mögliche erwarten. Dass David Tibet und seine aktuelle Besetzung jüngst in der Berliner Apostel Paulus-Kirche nicht etwa wie beim letzten Auftritt vor rund drei Jahren überwiegend Weiterlesen

SHIRLEY COLLINS: Lodestar

Tod und Verderben, Pest und Aberglaube, Trennungsschmerz und Mord aus enttäuschter Liebe – Englands Folkmusik ist eine der düstersten, und Shirley Collins’ großartiges Comeback-Album ist voll solch tragisch-morbider Geschichten. Dass es einen Titel wie „Lodestar“ – auf deutsch „Leitstern“ – trägt, mag dabei verwundern, doch die traditionellen Songs aus verschiedenen Jahrhunderten haben viele Seiten. Dass die Geschichten oft vor einer schönen Kulisse stattfinden, meist im Frühling am Morgen in freier Natur, ist nur die offenkundigste, und man könnte sie Weiterlesen

HYPNOPAZŪZU: Create Christ, Sailor Boy

Im Vorfeld der Veröffentlichung wurde von Seiten der Beteiligten über den langen Zeitraum gescherzt, der zwischen dem ersten und zweiten musikalischen Zusammentreffen von Killing Jokes Youth und David Tibet liegt, wobei sich natürlich auch Qualität wie Quantität der Zusammenarbeit unterscheiden, steuerte Youth 1984 doch lediglich ein paar Bassspuren zu Current 93s LP-Debüt „Nature Unveiled“ bei, während er sich auf „Create Christ, Sailor Boy“ komplett für die Musik verantwortlich zeigt. Weiterlesen

NURSE WITH WOUND: Dark Fat

Gegründet wurden Nurse With Wound vor nun beinahe 40 Jahren als Band, doch das Gefüge des Trios brach bald auseinander, und in den folgenden Dekaden stand der Name erst einmal für Steven Stapleton, der von nun an manchmal im Alleingang, meist aber mit einem harten Kern an weiteren Musikern seinen klanglichen (und, was in seinem Werk nicht bloß Beiwerk ist: visuellen) Ideen nachging. Seit etwa zehn Jahren nun gibt es bei Nurse With Wound wieder so etwas wie eine Bandstruktur, denn nicht nur Stapletons alter Freund Colin Potter, sondern auch die im letzten Jahrzehnt dazugestoßenen Andrew Liles und Matt Waldron sind nun Weiterlesen

Skipping to Armageddon. Fotoband über Current 93 bei Strange Attractor Press

Die aus Östereich stammende Fotografin Ruth Bayer avancierte in den 80er Jahren zu einer profilierten Dokumentatorin der englischen Post Punk-Szene und hat zahlreiche Musiker porträtiert und Szenen aus ihrem Alltag festgehalten. Unter anderem knüpfte sie Mitte der 80er Kontakt zu den Musikern des World Serpent-Umfeldes, von denen in der Folge zahlreiche Aufnahmen entstanden. Unter dem Titel “Skipping To Armageddon. The Ultimate Hallucinatory Photograph Book Of C93 & Friends” erscheint im August ein 192-seitiger Fotoband über Current 93, der den Werdegang der Band über einen langen Zeitraum abdeckt. Weiterlesen

OREN AMBARCHI / MASSIMO PUPILLO / STEFANO PILIA: Aithein

Es gibt in der etwas abstrakteren Musik ein paar Motive, die nie langweilig werden, vorausgesetzt sie gelingen. Eines davon ist die mit vielen kleinen Spannungsmomenten in der genau richtigen Unbestimmtheit gehaltene Steigerung von Intensität und Klangfülle, die sich – ausgehend von einem eher zaghaften Bündeln von Energie – an einem eruptiven Höhepunkt entlädt und ein ungewisses Nachspiel einleitet. Da denken manche an Aristoteles und die klassische Tragödie, fröhlichere Zeitgenossen vielleicht an Sex, wieder andere an Weiterlesen

CURRENT 93: The Moons At Your Door

Im Anfang war das Wort. So könnte man die Geschichte der Genese/der Genesis von Current 93 beginnen, denn obwohl längere Texte auf dem Frühwerk nur selten vorkamen und manchmal die Stimme nur ein Klang(mittel) unter anderen war, so spielte das Konzept(ionelle), der Logos schon immer eine dominierende Rolle – man denke nur an das musikalisch noch etwas unausgegorene 1983 erschienene 12′-Debüt „LAShTAL“. Weiterlesen

CURRENT 93: Swastikas for Noddy & Crooked Crosses for the Nodding God (2LP-Re-Release)

Für viele ist “Swastikas for Noddy” eines der essenziellen Current 93-Alben, und schon allein im Hinblick auf den musikalischen Richtungswechsel, den die Platte einleitete, spricht einiges für ihren Ausnahmestatus. In der ersten Schaffensphase der englischen Band, die sich über die gesamte Mitte der 80er Jahre hinzog, stand Current 93 für lange, alptraumhafte Soundscapes, in denen David Tibet auf Alben wie “Nature Unveiled”, “Dog’s Blood Rising” und “Dawn” seine Hörer wie ein vollends dem Wahn verfallener Vergil auf einen Höllentrip mitnahm, bei der er ein tobendes Inferno aus Okkultismus, Paranoia und apokalyptischen Visionen entfachte. Keine noch so Weiterlesen

NATURE AND ORGANISATION: Snow Leopard Messiah

Um den Werdegang von Michael Cashmore zu verstehen, muss man sich v.a. von der Vorstellung verabschieden, dass der Kopf einer Band oder eines Musikprojektes immer die Person am Mikrophon sein muss. Schon in seiner Zeit bei Current 93 war der Gitarrist weit mehr als ein ausführendes Organ, sondern drückte der Musik seinen unverkennbaren Stempel auf. Seine scheinbar einfachen, in Wirklichkeit aber äußerst feinsinnigen Kompositionen bezeugen eine ganz eigene Handschrift, die man im Vergleich zu Current 93-Alben ohne seine Mitwirkung sofort heraushört. Als in den frühen 90ern vermehrt Tonträger von Cashmores eigenem Projekt Weiterlesen

CURRENT 93: I Am The Last Of All The Field That Fell

Current 93 war von (An)Beginn immer ein Vehikel für David Tibets Obsessionen, künstlerischer und vor allem spiritueller Art. Daraus folgte vielleicht unweigerlich, dass Ideen und später dann die Worte und Wörter im Mittelpunkt standen, gerade da Current 93 eben keine Band im herkömmlichen Sinne war/ist, sondern vielmehr ein loses Kollektiv um den Fixstern Tibet. Dabei haben die immer umfangreicher werdenden Texte – die vielleicht der in den letzten Jahren stärker gewordenen kosmischen Perspektive („And did you call the night ‘bright’/And drink the sex of stars?“ wird auf dem letzten Stück gefragt) Rechnung tragen sollen – dazu geführt, dass ein Singen – das es bei Current 93 sowieso nie im herkömmlichen Sinne gegeben hat – noch stärker einem Rezitieren gewichen ist. Weiterlesen

THE BRICOLEUR: First Matter

Vom visuellen Eindruck her ist „First Matter“, das Solodebüt des Briten Michael Lawrence, von einer fast unscheinbaren Eleganz, und könnte schon deswegen so manchen Freunden dunkler, sakraler Klangwelten entgehen – denn dass solche auch ohne Gargoyles und okkulte Symbole auskommen können, gerät bisweilen in Vergessenheit. Wer sich jenseits des Plakativen orientiert, kann bei The Bricoleur eine Musik entdecken, die nicht nur finster und urtümlich dröhnt, sondern auch sehr ausgereift wirkt, denn „First Matter“ ist nicht nur ein Erstling, sondern auch der Abschluss einer längeren Zeit des Experimentierens und Kollaborierens, bei der sich Lawrence Wege mit Musikern wie Weiterlesen

Wounded Galaxies Tap at the Window. Cyclobe am 30.01.14 in Berlin auf dem CTM-Festival

Stephen Thrower und Ossian Brown debütierten 1999 mit „Luminous Darkness”, einem anspruchsvollen, unglaublich dichten Album von Geräuschmusik, das Throwers langjährige Mitwirkung bei Coil verriet, aber weniger am Song orientiert war. Der Nachfolger „The Visitors“ knüpfte daran an, enthielt allerdings einige wesentlich längere, ausufernde Tracks, die durchaus dazu geeignet waren, die Pforten der Wahrnehmung zu reinigen und zu erweitern. Das dritte Album war ihre (Re-)Interpretation bzw. (Neu-)Bearbeitung von Nurse With Wounds „Angry Eelectric Finger“ und trug den Titel „Paraparaparallellogrammatica“. Auf allen diesen Veröffentlichungen kombinierten Cyclobe die elektronischen Klänge mit akustischen Instrumenten, wie z.B. Geige, Klarinette, Cello, Drehleier. Dadurch entstand eine Musik, die dicht und verdichtet war und auf die das oft überstrapazierte Adjektiv organisch mehr als zutraf. Weiterlesen