I believe each one of us has to deal with a personal void. Interview mit Father Murphy

Die italienische Band Father Murphy, die jüngst vom Trio zum Duo geschrumpft ist, lässt sich nicht leicht in gängige Begriffe fassen – zumindest, wenn man damit ihre Musik unmittelbar kategorisieren will. Ihre lärmenden, basslastigen Klanglandschaften, die manchmal ganz plötzlich etwas Meditatives bekommen, ihre wuchtigen, eruptiven Klagelieder, strafen jede subkulturelle Spartenlogik Lügen. Die Konturen ihrer Welt werden deutlicher, wenn man sich ihr über Inhalte nähert und den Worten folgt, die Freddy Murphy und Chiara Lee selbst immer wieder in Songs und Liner notes fallen lassen. Im Zentrum ihres Denkens erscheinen Weiterlesen

FATHER MURPHY: Pain Is On Our Side Now

In der Welt der experimentellen Musik ist es mehr als einmal vorgekommen, dass eine konzeptuelle Idee besser klang als das Resultat ihrer Umsetzung. Dessen müde, mag man vielleicht zu einer gewissen Skepsis neigen, wenn Father Murphy – bekannt für Marotten mit Stil – ihre neue Veröffentlichung als ein Album ankündigen, das zugleich ein doppeltes ist, und dem Hörer, vorausgesetzt er besitzt zwei Turntables, eine nicht unwesentliche Rolle im kreativen Prozess beimisst. „Pain Is On Our Side Now“ besteht aus zwei einseiting bespielten Vinylscheiben im 10”-Format, mit jeweils zwei Songs, die man je nach Neigung oder technischer Ausstattung der Reihe nach hören kann. Man kann sie jedoch auch Weiterlesen

V.A.: Occulto Issue E (Magazin & Compilation)

Occulto ist ein englischsprachiges Magazin, dass sich einer sehr fundamentalen Definition des Okkulten verschrieben hat – okkult versteht sich hier im Sinne des Verborgenen, Geheimen, nicht ohne Anstrengung Sichtbaren. Das Magische, womit man das Okkulte landläufig gleichsetzt, ist allenfalls Teil dessen. Ein häufig wiederkehrendes Thema der Zeitschrift sind die unterschwelligen Verknüpfungen zwischen Kunst und Wissenschaft, was von einem naturwissenschaftlichen Blick auf kulturelle Erzeugnisse bis hin zur Erforschung ästhetischer Phänomene in den Nischen der Natur reicht. Der Blick auf das Verborgene vermag also auch den breiten Graben zu überbrücken, der sich in unserer arbeitsteilig ausgerichteten Kultur zwischen all diesen Wissensbereichen auftut. Das Okkulte Weiterlesen

MAI MAI MAI: Theta

Toni Cutrone, der sein Soloprojekt Mai Mai Mai nennt, ist eine umtriebige Person und hat der Undergroundszene Roms schon in jungen Jahren seinen Stempel aufgedrückt. Gerüchte künden von einer Kindheit in der griechischen Ägäis und Reisen quer durch Europa und den mittleren Osten. Italiener rollen allerdings mit den Augen, wenn das zur Sprache kommt. Ein moderner Münchhausen? Das wäre bei jemandem, der meist mit Maske auftritt, nicht so verwunderlich, doch einige seiner Taten sind offiziell verbrieft: Sein rühriger Club, sein Label und die Bands Hiroshima Rocks Around und Trouble Vs. Glue, mit denen er Noiserock und ein Weiterlesen

MAMUTHONES: More Alien Than Aliens

Das markante Wort Mamuthones wäre der ideale Bandname für eine doomige Post Metal-Kapelle – eine Assoziation, die sich nicht einmal allzu grob in der Richtung irrt, sondern nur knapp daneben zielt. Drummer Alessio Gastaldello, der zuvor bei der Band Jennifer Gentle die Felle schlug, rief das Projekt vor gut sechs Jahren ins Leben, um seinen Interessen an grummeligen Soundkollagen und rituellen Stimmungen nachzugehen, die mal eine rockige, mal eine experimentelle Gestalt annehmen. Recht schnell erkannten die Schreiber-Kollegen eine gewisse Nähe zu Goblin und diversen Krautbands, und natürlich fiel auch immer mal der allgegenwärtige Drone-Begriff. Weiterlesen

ETERNAL ZIO: s/t

Es ist schwierig, das Pagane, Animistische im Rahmen folkloristischer Musik zu inszenieren. Lässt man Ritualmusik im engeren Sinne oder Songs, die von solchen Themen eher „berichten“, einmal weg, bleibt eine theatralische Musik übrig, die schnell Gefahr läuft, in gewisse Klischeefallen zu tappen. Das ist insofern kein Wunder, da Folklore in der Moderne mehrheitlich in Form von Exotismus und Spießer-Mummenschanz überlebt hat – Stereotypen, in die man leicht verfallen kann, wenn man sich all dem unbedacht nähert. Lässt man sich durch den berechtigten Zweifel an einem inflationären Wort wie „authentisch“ von jeder Annäherung an Ursprüngliches abbringen, bleibt meist die Flucht in unverbindliche Spielereien, denen die Welt solch zwiespältige Weiterlesen

DUCHAMP: Nar

Zu den interessantesten Effekten statischer Geräusche, sei es Summen oder Rauschen, zählt die Illusion von Zeitlosigkeit, die sich zwangsläufig irgendwann einstellt, wenn man einem solchen Klang die angemessene Konzentration entgegenbringt und zulässt, ganz in ihm aufzugehen. Vielleicht trug dies ja, zusammen mit dem körperlichen Gefühl angenehmer Vibration, dazu bei, dass Federica alias DuChamp als Kind mit dem Summen des mütterlichen Haartrockners ein Gefühl des Geborgenseins verband. Im Infotext zu ihrem Projekt erwähnt sie diese Weiterlesen

ENSEMBLE ECONOMIQUE / HEROIN IN TAHITI: Split LP

Surfrock der frühen 60er ist an sich cool genug, dass man ihn gut dreißig Jahre später auch mal eins zu eins kopieren konnte, ohne gleich peinlich zu wirken, und die zahllosen Tarantino-Parties waren sicher nicht der schlimmste Hype aus den Annalen der 90er Jahre. Seinen Niederschlag in späterer Musik fand dieser Sound hauptsächlich bei Weiterlesen

FATHER MURPHY: ORSANTI They Called Them

Es gibt sicher eine Reihe an Gründen, von der gegenwärtigen Musik ernüchtert zu sein – es reicht schon aus, in der endlosen Variation bekannter Stile weniger die Vielfalt zu sehen, sondern eher das Inflationäre, die schiere Quantität. Es gibt jedoch ebenso viele Gründe, von Father Murphy begeistert zu sein. Mit ihrer Wucht und ihren ausgefallenen Ideen haben auch die drei Turiner die Musik nicht neu erfunden und ihre Stil-Entwicklung ist keineswegs frei von Referenzen. Sie haben sich aber zwischen vielen bekannten Feldern ein zuvor unentdecktes Weiterlesen

HOW MUCH WOOD WOULD A WOODCHUCK CHUCK IF A WOODCHUCK COULD CHUCK WOOD?: s/t

Wie viel Holz würde ein Murmeltier hacken, wenn ein Murmeltier Holz hacken könnte? Ich weiß es nicht, aber ich vermute mal, dass die Turiner Gher, Coccolo und Iside, die ihre Band nach diesem Zungenbrecher, einem englischen Pendant zu unserem “Fischers Fritz” benannt haben, wohl noch öfter in Interviews beweisen müssen, dass sie ihren eigenen Bandnamen fließend aussprechen können. Manche behaupten, der merkwürdig onomatopoetische Singsang des Namens sei nicht nur einprägsam, sondern würde mit seinen Assoziationen von Waldeinsamkeit und verschlafenen Nagern mit Superkräften auch die Musik des italienischen Trios ganz gut wiedergeben. Vorweg: Ich stimme dem nur zu unter der Einschränkung, dass sie keine Romantiker sind. Weiterlesen

Cigarettes are always very important. Ein Interview mit Onga vom Label Boring Machines

Italien hat derzeit eine der produktivsten und vitalsten Musikszenen. Unabhängig von Genres, aber auch ohne zwangsläufig das “Ganz Neue” erfinden zu müssen, sind in den letzten Jahren Bands, Labels und kleine Netzwerke entstanden, deren roter Faden ein Interesse am Ungwöhnlichen und Unvorhersehbaren ist. Eines der zur Zeit rührigsten Labels ist Boring Machines aus Treviso nördlich von Venedig, dem die Welt bereits Platten von Father Murphy, Heroin In Tahiti und dem Wave-Veteran Simon Balestrazzi verdankt. Doomiger Surfrock und spacige Drones findet man dort ebenso wie orientalisch anmutenden Psychrock und aller Songstrukturen entkleidete Akustiksounds. Weiterlesen

LA PIRAMIDE DE SANGUE: Tebe

Die Pyramide und das Blut sind Symbole mit einer langen Geschichte. Die Frage, ob bei La Piramide Di Sangue, einer Psych Rock-Bande aus Turin, all die zahlreichen Bedeutungen von der Lebenskraft bis zur monumentalen Ordnung zusammen kommen, wäre wohl eher spekulativ zu beantworten, schon weil die Musik der siebenköpfigen Gruppe weitgehend auf Texte verzichtet und die wenigen Ausnahmemomente mit Worten in einer mir fremden Sprache aufwarten. Angesichts der energiegeladenen Musik neige ich jedoch zu einem intuitiven Ja. Weiterlesen

V.A.: Occulto Issue √-1 (Magazin & CD)

Als ich mich nach dem Abitur für ein paar geisteswissenschaftliche Fächer eingeschrieben hatte, war das – neben dem Wunsch, besser fachsimpeln zu können – vor allem, weil ich in Mathe scheiße war und gar nichts anderes hätte studieren können. Ich hab’s bis heute nicht bereut. Dass Kultur- und Naturwissenschaftler oftmals in zwei getrennten Parallelwelten leben und nur ein eng begrenztes Repertoire an Klischeevorstellungen voneinander haben, ist auch mir recht früh aufgefallen, eine Ahnung bekommt man davon ja bereits als Schüler. Die einen machen etwas, dass ganz nett ist, aber eigentlich nichts mit Wissenschaft zu tun hat, die anderen sind eigentlich keine richtigen Intellektuellen, sondern Handwerker mit Hochschulabschluss u.s.w. Weiterlesen

HEROIN IN TAHITI: Death Surf

Exotismus funktioniert am besten, wenn er eine deutliche ironische Brechung erfährt. Nicht in der Form, dass es zu einer rein negativen Persiflage gerinnt, die nur dazu dienen soll, die hinter eskapistischer Tropensehnsucht versteckte Resignation und Sozialverweigerung in all ihrer konsumorientierten Trivialität bloßzulegen – das gab es immer, hat die Exotik-Industrie nie an der Kitschproduktion gehindert und ist sowieso allzu oft an der Schwierigkeit gescheitert, die Grenze zwischen Kritik und Miesmacherei zu erkennen. Eher die “Jetzt erstrecht”-Variante, die sich der Klischeehaftigkeit und teilweise Billigkeit ihrer Lieblingsmotive bewusst ist und das ganze mit viel Camp-Attitüde dennoch goutiert. Ein Problem ist allerdings, dass Ironie heutzutage generell ziemlich abgelutscht ist Weiterlesen