P.O.P.: Ikebana

P.O.P. steht für Psychology of Perception, und bei der jüngst zum Quartett angewachsenen Gruppe und Zeitkratzer-Chef Reinhold Friedl geht es seit jeher um die Wahrnehmung filigraner, kunstvoll arrangierter Details. Auf jedem Album nehmen die Künstler sich ein primär visuelles und haptisches Phänomen zum Vorbild, um ausgehend von dessen besonderen Mustern ein ähnlich geartetes Arrangement von Motiven musikalisch ins Werk zu setzen. Zu ihrem Debüt „Tabriz“ ließen sie sich von der Tradition persischer Weiterlesen

THE HARE AND THE MOON: Wood Witch

„To fuck up tradition“ – mit diesem Schlagwort hat Alan Trench wiederholt die Notwendigkeit bezeichnet, traditionelle Stoffe, Motive und Spielweisen im Folk eben nicht nur wiederzukäuen oder platt in Rock- und Popstrukturen zu übersetzen, sondern ihnen durch kreatives Gegen den Strich-Bürsten eine neue Vitalität einzuhauchen. In unserem von einigen Jahren geführten Interview nannte er in dem Zusammenhang auch das englische Duo The Hare And The Moon als gelungenes Beispiel. Diese Band verfolgt seit Weiterlesen

V.A.: Water, Water

Wenn fast täglich immer wieder die Unberechenbarkeit des POTUS ins Feld geführt wird – als positive strategische Eigenschaft vom Mann mit den kleinen Händen selbst oder aber als Kritik am erratischen Verhalten von seinen Gegnern-, so trifft das sicherlich auf den delirierenden Außenpolitiker Trump zu, aber weniger auf den Innenpolitiker, dessen Zielsetzung in allen Bereichen durchaus konstant ist: Deregulierung und Privatisierung, egal ob bei Schule, Krankenversicherung, Umwelt- oder Verbraucherschutz. Weiterlesen

BOYARIN: s/t

Der französische Tüftler Bastien Boyarin hat das Zeug, die schönste und radiotauglichste Popmusik zu komponieren, denn einige seiner offensichtlichsten Komponenten wären dazu mehr als geeignet. Da wären zum einen Bach-Fugen mir Piano, Streichern und Bläsern und überhaupt so manch barocke Zutat, Bauformen, denen schon Nyman und Greenaway ein vitales Nachleben beschert hatten. Desweiteren eine Musik, die in den Sechzigern und Siebzigern gerne in Filmscores verwendet wurden, Easy Listening-Kram inklusive kindlicher Spieluhren und einer hauchfeinen Frauenstimme, mit dem Komponisten wie Morricome und Bruno Nicolai so Weiterlesen

CROATIAN AMOR: Finding People

Loke Rahbek, Chef des Posh Isolation-Labels, ist mit seinen zahlreichen Projekten in ebenso zahlreichen Sparten unterwegs, oft um deren Erwartungshaltungen zu bedienen und gleichzeitig zu enttäuschen. Dass Croation Amor bisher als Rahbeks Industrialprojekt galt, hört man dem aktuellen 4-Track-Release kaum mehr an, zumindest nicht bei oberflächlicher Betrachtung der Musik und mit einer gewissen Klischeevorstellung im Hinterkopf, wofür so ein Begriff zu stehen hätte. Weiterlesen

GOLDFRAPP: Silver Eye

Der gängigste Gemeinplatz über Goldfrapp definiert den Stil des Duos als stets im Wandel, dem selbst der Gesang Alisons unterliegt, von der Handschrift Will Gregorys als Producer ganz zu schweigen. Da ist freilich etwas dran, und die beiden selbst betonen häufig, dass viele ihrer Alben in direkter Reaktion auf zuvor Geschaffenes entstanden sind. Dabei haben sich mit der Zeit, neben subtilen textlichen und visuellen Gemeinsamkeiten, zwei grundsätzliche Richtungen verselbständigt, eine dunkle, entrückte, latent Weiterlesen

ZEITKRATZER: Performs Songs from the Albums Kraftwerk and Kraftwerk 2

Dass Kraftwerk in den vergangenen Jahren vermehrt in Museen aufgetreten sind und ihre Alben, Teile ihres „Katalogs“, in Gänze aufgeführt haben, passt ganz gut, denn letztlich sind die Düsseldorfer ihre eigenen Nachlassverwalter geworden, ruht ihr Nimbus –auch wegen Ermangelung neuen Materials – auf den Arbeiten, die sie vor Jahrzehnten eingespielt haben. Weiterlesen

HEROIN IN TAHITI: Remoria

Die Gründung der Stadt Rom wurde, wenn man der Mythologie folgt, von einem Bruderzwist begleitet, dem Streit zwischen den Zwillingen Romulus und Remus, die nach jeweils sehr unterschiedlichen Deutungen eines Orakels uneins waren über die Größe der zu bauenden Stadt. Im Zuge der Auseinandersetzung sprang Remus über eine von seinem Bruder bereits befestigte Mauer, eine Rechtsverletzung, für die er vom Romulus im Zweikampf erschlagen wurde. Dieser herrschte fortan über die neue Stadt, die dann auch nach ihm benannt wurde. Weiterlesen

TÉLÉPLASMISTE: Frequency Is The New Ecstasy

Als Tele- oder Elektroplasma bezeichnen Parapsychologen einen hellen, gazeartigen Stoff, der bei einem Medium angeblich während einer spiritistischen Aktivität aus den Körperöffnungen hervortritt. Auf den Zusammenhang referieren wohl auch Mark O. Pilkington und Michael J. York, die mit ihrem Duo Téléplasmiste nach eigener Angabe Elektrizität, Natur und Magick musikalisch ausloten. Die bisherige Geschichte der Musiker – Pilkington ist neben seinen Projekten Raagnagrok und Urthona einer der Betreiber des Strange Attactor-Verlages, York kollaborierte mit Coil, Cyclobe, Guapo und jüngst Shirley Collins – macht neugierig. Weiterlesen

ANEMONE TUBE: In the Vortex of Dionysian Reality (CD)

Dem einen oder anderen wird der Titel dieser Veröffentlichung sicher bekannt vorkommen, und besonders aufmerksame Leser unserer Seite werden sich fragen: Warum besprechen die das Album zweimal? Die Antwort ist einfach, denn es handelt sich bei dieser CD um eine derart ergänzte und bearbeitete Reissue des vor knapp zwei Jahren erschienenen Tapes, dass das Digipack mit dem neuen Artwork als ein fast neues Release durchgehen kann. Die sechs ursprünglichen Tracks bilden in remasterter und hier und da Weiterlesen

TRAPPIST AFTERLAND BAND: Like a Beehive, the Hill was Alive

Während einer Nahtoderfahrung wandert ein Mann durch eine imaginäre himmlische Landschaft, am Horizont erheben sich eine Reihe von Hügeln. Je näher der Wanderer den Hügeln kommt, umso mehr scheinen sie sich wie lebende Wesen zu bewegen – im Rahmen eines derartigen Bewusstseinszustandes bedarf es keiner logischen Erklärung, und doch kommt diese bei genauerem Hinsehen: unzählige Menschen befinden sich, Bienen auf einem Bienenstock gleich, auf der Erhebung, bedecken ihre ganze Oberfläche und wimmeln geschäftig hin und her. Als Adam Cole von der Weiterlesen

GRAILS: Chalice Hymnal

Kann man hier schon von einem Comeback reden? Ganz früh in diesem Jahrzehnt machten Grails als Grails zuletzt von sich reden, nach ihrem von Fans und Journaille gefeierten „Deep Politics“ richteten sie ihren kreativen Fokus aber zunächst auf andere Bandprojekte wie Om, Watter, das fast poppige Songwriter-Projekt Holy Sons und den seltsamen, aber reizvollen Hybriden Lilacs & Champagne. Es scheint, als haben all diese Exkurse Alex Hall, Emil Amos und Zak Riles gut getan, denn „Chalice Hymnal“ klingt um einiges frischer und unverbrauchter Weiterlesen

OISEAUX-TEMPÊTE: Al-’An!

Ich denke zwar nicht, dass es da ein festes Bandkonzept gibt, aber bei Frédéric D. Oberland und Stéphane Pigneul, die sich Oiseaux-Tempete – Sturmvögel – nennen, steht bisher jedes Album im Kontext einer Reise. Während der Entstehung ihrer beiden ersten Platten verbrachten die in Paris lebenden Musiker eine Zeit in Griechenland und in der Türkei und ließen ihre mitgebrachten Ideen mit spontanen Einflüssen vor Ort zusammenfließen. Während Samples der Umgebung, Einflüsse der lokalen Musik und vor allem die vielfältigen politischen und ökonomischen Weiterlesen

HERMANN KOPP: Cantos Y Llantos

Auf seiner inzwischen vierten Veröffentlichung für Galakthorrö knüpft Hermann Kopp, der auf seiner Webseite seine Musik als „haunting sounds for extreme visions“ bezeichnet, an sein bisheriges Werk an. Schon auf seinem 1983 veröffentlichten lapidar „Pop“ betitelten Fulltime-Debüt ging es weniger um denselben, sondern fand man am „Nudistenstrand“ nicht Begehrliches als vielmehr eine „öde Fleischlandschaft“. Kopps thematische Interessen verorteten ihn zwischen „Mondo Carnale“ und „Nekronology“ – so der Titel einer Auswahl seiner Arbeiten für Jörg Buttgereits Filme. Körperlichkeit konnte hier eigentlich nur als fortwährender, akzelerierender Verfallsprozess gesehen werden. Weiterlesen

NOISE CLUSTER: Planet of the Lost Dolls

In einem Gewirr verschiedener Kanäle am Stadtrand von Mexico City liegt die Isla de las Muñecas oder Puppeninsel, ein moorastiges, von Dickicht bewuchertes Eiland, auf dem unzählige grotesk entstellte Spielzeugpuppen an Bäumen und Sträuchern hängen. Hintergrund dieses seltsamen Kultes ist die Legende um ein Mädchen, das auf dieser Insel in den 50er Jahren ertrunken aufgefunden wurde, und von dem gesagt wird, dass sein Geist in ihrer Puppe, die nie gefunden wurde, weiterleben soll. So sah es zumindest Don Julian Santana Barrera, ein Fischer, der allein auf der Insel lebte und Weiterlesen

Ô PARADIS: Maia Convoy

Eigentlich plante Demian Recio, Ô Paradis nach den beiden von Fans recht enthusiastisch gefeierten Songalben „Naciemento“ und „Llega el Amor, Asome la Muerte“ erst einmal auf Eis zu legen. Dem entsprechend kam auch zunächst eine Compilation heraus, die besondere Stücke aus verschiedenen Phasen der beinahe zwanzigjährigen Bandgeschichte enthielt. Doch lange Pausen sind nicht sehr typisch für Demians unermüdliche Leidenschaft für’s Songschreiben, für’s Basteln mit Klängen und das Finden neuer Ideen. Viel charakteristischer ist Weiterlesen

TE/DIS: Interrogation Gloom

Musikalisch-thematisch passt das unter dem Namen Te/DIS agierende Einmannprojekt problemlos zu den anderen auf Galakthorrö veröffentlichenden Künstlern. Schließlich liegt seit der 2013 veröffentlichten „Black Swan“-EP der Fokus auf analogem Instrumentarium, auf der (Nacht)Schattenseite menschlicher Existenz. Was Te/DIS aber von den anderen (etwas) abhebt, ist der Gesang, der -wenn man das so salopp sagt- Te/DIS zum gruftigtsten Projekt auf Galakthorrö macht, denn der Bariton, der Texte über „wrecking guilty feelings“ intoniert, lässt einen vermuten, dass hier jemand Weiterlesen

MONGOLITO: Odyssee

Marc De Backer, der solo unter dem Nom de guerre Mongolito auftritt, ist viel herumgekommen, und das sowohl in musikalischer als auch in geographischer Hinsicht. Im heimischen Brüssel spielt(e) der Gitarrist in diversen Bands wie der krautigen Metalcombo Wolvennest, ebenso verdiente er sich einige Meriten als Mitglied der in den 90ers ziemlich populären amerikanischen Crossoverbands Dog Eat Dog und Mucky Pup. In seinen Soloarbeiten, die er seit einigen Jahren über Hau Ruck! unters Volk bringt Weiterlesen

TEHO TEARDO / BLIXA BARGELD: Fall

Mauro Teho Teardo hat hierzulande nie die seinem Output angemessene Aufmerksamkeit erhalten, und als vor einigen Jahren seine erste gemeinsame LP mit Blixa Bargeld erschien, hielten es viele zunächst für ein weiteres einmaliges Seitenprojekt des Sängers der Einstürzenden Neubauten. Nach zwei weiteren gemeinsamen Veröffentlichungen und der Erfahrung, dass Teardos leicht elektrifizierte kammermusikalische Arrangements sehr stimmig mit dem gewohnt sperrigen Beitrag des Berliners interagieren, betrachteten einige Kommentatoren das Duo nun als ein den Neubauten fast Weiterlesen