Searching for Subterranean Sounds. Interview mit Silvia und Andrea von Yerevan Tapes

Abgesehen von der ursprünglichen Bedeutung als Ettikett rangiert die Semantik des Begriffs “Label” zwischen Plattenfirma und Marke, und auch in weniger kommerziellen Nischen kann man viele Labels dahingehend unterscheiden, welche der beiden Bedeutungen ihnen eher entspricht. Zum einen gibt es die Labels, die innerhalb eines nicht allzu eng gefassten Spektrums eine gute Bandbreite an Acts verlegen, ohne dass es eine klar erkennbare Hausphilosophie und eine deutliche ästhetische Linie gäbe. Auf der anderen Seite Weiterlesen

Adventures in atmospheric sound design: Interview mit Joseph Curwen

Das nach einer Figur aus H. P. Lovecrafts Roman The Case of Charles Dexter Ward benannte und in Newcastle upon Tyne beheimatete Einmannprojekt situiert sich selbst im weiten Feld von „Post-Rave Hauntology Rituals and Radiophonic Occult Synth Horror Soundtracks“ (die Genese des Begriffs wird im Interview erläutert), man könnte auch sagen im Spannungsfeld von (ewigen) Drones und melodischen Soundcapes, die inzwischen auch schon mal von Beats durchzogen werden. Dabei sprengen die (meist digitalen) Veröffentlichungen manchmal den Rahmen eines herkömmlichen Tonträgers, etwa dann, wenn Weiterlesen

When the borders become fuzzy: Interview mit Compound Eye

Die beiden Musiker, die sich hinter der Hommage an das Seltsame des Facettenauges verstecken, haben zusammen einen umfangreichen musikalischen Stammbaum: Tres Warren hat mit den Psychic Ills Psychrock eine neue Dimension gegeben und im Kopf der Zuhörenden „Hazed Dreams“ entstehen lassen, Drew McDowall hat mit seiner damaligen Frau Rose Anfang der 80er The Poems gegründet, als Captain Sons and Daughters mit Kara Bohnenstiel akustische und elektronische Instrumente dröhnen lassen und war eine Reihe von Jahren Mitglied von Coil. Als Compound Eye Weiterlesen

Vielleicht ist Raum einfach das, was die Sinne zusammenbringt. Interview mit Elyse Tabet alias Litter

So schwer es auch ist, Musik qualitativ zu bewerten – das Album “Newfound Grids”, das die libanesische Künstlerin Elyse Tabet mit ihrem Projekt Litter vor einiger Zeit herausgebracht hat, zählt sicher zu den virtuosesten Geheimtipps atmosphärischer Elektronik und könnte in kompositorischer wie gestalterischer Hinsicht den einen oder anderen Maßstab setzen. Tabets Zugang zu Klängen und musikalischen Strukturen läuft nicht über die Codes der Notation, sondern eher über den visuellen Umweg der Farben, Formen und Linien. Dies mag einen bei einer Künstlerin, die ebenso sehr in Bereichen wie Weiterlesen

What do you Know about a Good Father? Interview mit Joke Lanz von Sudden Infant

In der experimentellen Musik und im Post-Industrial sind Projekte üblicher als Bands, was man mit der Distanz zum herkömmlichen Rock’n'Roll-Lifestyle ebenso erklären könnte wie mit dem starken Konzeptcharakter vieler Arbeiten, bei denen meist die Ideen einer einzelnen Person im Zentrum stehen. Obwohl Sudden Infant eine sehr individuelle Sicht auf die Welt zum Ausdruck bringt und nicht selten persönliche Erfahrungen verarbeitet, entschied sich Betreiber Joke Lanz im vergangenen Jahr, das Einmannprojekt in ein Trio umzuwandeln, bei dem ein an Jazz und Rock geschultes Schlagzeug und ein Kontrabass mit dem altbekannten elektronischen Lärm zu einer Einheit fusionieren, die man als Weiterlesen

There’s always an underlying account of day-to-day life: Interview mit Sleaford Mods

Zwei Männer, ein Laptop, Flüche, Wut; die von Andrew Fewarn komponierte Musik runtergebrochen auf das Allernötigste: ein paar Beats, Bass, ab und an ein Sample. Das genügt um die wortgewaltigen Schimpfkanonaden von Jason Williamson zu untermalen, der den East Midlands einen Platz im aktuellen Popgeschehen zukommnen lässt. Der Zorn, der hier kanalisiert wird, lässt manche an eine 2014-Version von Punk denken und neben den schon häufiger gezogenen Vergleichen zu Mark E. Smith kommen einem auch Steve Ignorant oder Philip Best in den Sinn. Weiterlesen

Dark Earth Distillery. Interview mit UnicaZürn

Unica Zürn, Autorin, Dichterin, Verfasserin von Anagrammlyrik, Zeichnerin, Malerin, Lebensgefährtin Hans Bellmers– unter dem Namen der in Berlin geborenen Künstlerin, als Hommage an ihre kreative Kraft, wie es im folgenden Interview erläutert wird, sind mit Stephen Thrower und David Knight zwei Künstler kreativ tätig, deren eigene Stammbäume der randständigen, experimentellen Musik viele Verästelungen haben und weit zurückweisen: U. a. war/ist David Knight Mitglied von Shock Headed Peters, seine eigenen dunklen Klangflächen veröffentlicht er unter dem Projektnamen Arkkon, Stephen Thrower war lange Jahre Mitglied bei Coil, ist Filmjournalist und Weiterlesen

I believe each one of us has to deal with a personal void. Interview mit Father Murphy

Die italienische Band Father Murphy, die jüngst vom Trio zum Duo geschrumpft ist, lässt sich nicht leicht in gängige Begriffe fassen – zumindest, wenn man damit ihre Musik unmittelbar kategorisieren will. Ihre lärmenden, basslastigen Klanglandschaften, die manchmal ganz plötzlich etwas Meditatives bekommen, ihre wuchtigen, eruptiven Klagelieder, strafen jede subkulturelle Spartenlogik Lügen. Die Konturen ihrer Welt werden deutlicher, wenn man sich ihr über Inhalte nähert und den Worten folgt, die Freddy Murphy und Chiara Lee selbst immer wieder in Songs und Liner notes fallen lassen. Im Zentrum ihres Denkens erscheinen Weiterlesen

Es ist besser, ein guter Heide als ein schlechter Christ zu sein: Interview mit Hilmar Örn Hilmarsson

Es gibt wahrscheinlich keine kulturelle Szene, die so auratisch aufgeladen ist, wie die Islands, was natürlich auch mit den Assoziationen zu tun hat, die die kleine Insel oft hervorruft. Gleichzeitig lauert hier natürlich an jeder Ecke die Gefahr des Klischees, der Stereotypisierung und damit letztlich Simplifizierung. Insofern ist es gut, wenn man mit einem Künstler spricht, der ein nicht wegzudenkender Teil des musikalischen Lebens Islands ist, der fast von Anfang an, seit den frühen 70ern, die Musik dort (mit)geprägt hat und dessen Mitwirken in zahllosen Bands und Projekten verdeutlicht, dass die Zusammenarbeit ein elementarer Bestandteil der isländischen Kultur ist, wie Hilmar Örn Hilmarsson im folgenden Interview erwähnt. Weiterlesen

Plants Are My Religion. Interview mit der Ikonenmalerin Olga Volchkova

Einigen unserer Leser ist Olga Volchkova vielleicht als Covermodell des letzten Albums von Crime and the City Solution bekannt, ihre eigentliche Berufung liegt allerdings in der Malerei und anderen Bereichen der Bildenden Kunst. Bei der Gruppenausstellung “My Icon”, die vor kurzem in Berlin stattfand, waren ihre Werke die einzigen, die dem Begriff der Ikone auf recht traditionelle Weiße wörtlich entsprachen. Die Darstellung der allegorischen Figuren, der Umgang mit Raum und Perspektive und nicht zuletzt die Techniken, auf die ihre Gemälde schließen lassen, erscheinen jedem vertraut, der sich schon einmal mit der Ikonenmalerei der christlich orthodoxen Kirchen, vor allem in ihrer russischen Ausprägung, befasst hat. Dennoch wird Weiterlesen

Tara handles the earth elements, I handle the fire elements. Ein Interview mit Clay Rendering

Mike Connelly ist aus der amerikanischen Noiseszene nicht wegzudenken und zahlreich und zahllos sind seine Bands und Projekte: Mit Hair Police oder bis kürzlich noch mit Wolf Eyes erzeugt er Grenzen und Ohren sprengende atonale Musik und auf seinem Label Gods of Tundra veröffentlicht er alle nur denkbaren Formate und Musiken. Er kann aber auch weniger brachial und mit seiner Frau Tara, die u.a. als The Pool at Metz aktiv ist, hat er als The Haunting zurückhaltendere, atmosphärisch dichte Alben herausgebracht. Das jüngste Projekt der beiden, Clay Rendering, orientiert sich Weiterlesen

At the core of Cut Hands there is darkness and there are rhythms, beyond that anything’s really possible. Interview mit William Bennett

Seit William Bennett Whitehouse auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt hat und mit seinem Projekt Cut Hands sein Interesse an Afrika – das latent schon seit Ende der 90er bei dem in Edinburgh ansässigen Bennett da war und auf den letzten Veröffentlichungen von Whitehouse (durch Artwork, Titel und Einsatz von Perkussion) immer virulenter wurde – (weitgehend) instrumental auslebt, scheint das ehemalige Enfant terrible auf gewisse Weise salonfähig geworden zu sein, sein Schmuddelimage zumindest partiell verloren zu haben. Cut Hands teilen die Bühne inzwischen mit so unterschiedlichen Künstlern wie Weiterlesen

Personal loss is an important literary theme and one that I return to quite often: Interview mit Joel Lane

Unter den Autoren, die in der jüngeren Vergangenheit originelle Beiträge zur unheimlichen Literatur beigesteuert haben, sticht der in Birmingham lebende Brite Joel Lane aus verschiedenen Gründen hervor. Sein Output ist weder auf ein Genre noch auf eine Gattung festgelegt: So lassen sich seine bisher veröffentlichten zwei Romane From Blue to Black und The Blue Mask tendenziell eher dem Mainstream zuordnen, seine vier Sammlungen mit Kurzgeschichten (The Earth Wire wurde 1994 mit dem British Fantasy Award ausgezeichnet) gehören dagegen zur unheimlichen Literatur; außerdem hat er noch mehrere Lyrikbände veröffentlicht. Weiterlesen

Your veins will be bathed in light. Interview mit Jack November

Das Besondere an der Musik, die Daniela Moos unter dem Namen Jack November spielt, lässt sich nur schwer an oberflächlichen Merkmalen festmachen, und wenn man es versucht, landet man schnell bei der Aufzählung all dessen, was Jack November nicht oder nicht nur ist: Ein melancholisches Fräuleinwunder, ein weiteres Drone-Projekt, ein neues Gewächs aus dem Dunstkreis von Soap&Skin oder der Einstürzenden Neubauten. Auch mit Vergleichen kommt man nicht wirklich weiter. Weiterlesen

A spark to ignite: Interview mit William Basinski

Seit 1998 auf Raster Noton „Shortwavemusic“ veröffentlicht wurde, hat William Basinski, der klassisch ausgebildete Musiker, der schon seit Ende der 70er mit Tapeloops experimentierte, sich ins aurale Gedächtnis eingeschrieben. Ob er auf seinem Voyetra 8 Synthesizer Ambientkompositionen wie „Silent Night“ erzeugt oder aber mit Tapeloops aus seinem schier unendlich scheinenden Archiv arbeitet, immer erzeugt er Musik, die ewig so weitergehen könnte, die den Hörer Weiterlesen

Cigarettes are always very important. Ein Interview mit Onga vom Label Boring Machines

Italien hat derzeit eine der produktivsten und vitalsten Musikszenen. Unabhängig von Genres, aber auch ohne zwangsläufig das “Ganz Neue” erfinden zu müssen, sind in den letzten Jahren Bands, Labels und kleine Netzwerke entstanden, deren roter Faden ein Interesse am Ungwöhnlichen und Unvorhersehbaren ist. Eines der zur Zeit rührigsten Labels ist Boring Machines aus Treviso nördlich von Venedig, dem die Welt bereits Platten von Father Murphy, Heroin In Tahiti und dem Wave-Veteran Simon Balestrazzi verdankt. Doomiger Surfrock und spacige Drones findet man dort ebenso wie orientalisch anmutenden Psychrock und aller Songstrukturen entkleidete Akustiksounds. Weiterlesen

Lisa o Piu. Interview mit der schwedischen Sängerin Lisa Isaksson

Es gibt im Zusammenhang mit Folkmusik ein journalistisches Klischee, das mich aufgrund seiner Dummheit bisweilen rasend macht. Irgend ein googelnder Schreiberling muss eine (meist irgendwie „indie-hippe“) Akustikplatte abfeiern und betont, dass gerade dieser Interpret im Vergleich zum Gros des Folk so gar nicht konservativ und betulich sei, und hebt lobend hervor, dass man die unterschiedlichen und zum Teil recht untraditionellen Einflüsse des Künstlers mit jeder Note greifen kann. Dass genau dies ebenso auf viele andere Musiker auch jenseits spexiger Modepüppchen zutrifft, und dass das Stereotyp des weltfremden Feld-, Wald- und Wiesen-Romantikers auch im Folk nur selten existiert, kommt den Experten weniger in den Sinn. Die Schwedin Lisa Isaksson zählt zu den Weiterlesen

Es gab ein klares Moment von manischer Aggression: Ein Interview mit Comus

Eine der vielleicht größten Sensationen der letzten Jahre war die Rückkehr von “legendary British pagan acid folk rock act “ (Aquarius Records) Comus, deren Debütalbum “First Utterance” vielleicht das originellste und irritierendste Zeugnis des Acid Folks war, das auch nach vier Jahrzehnten nichts an Vitalität, Virilität und Virtuosität eingebüßt hat. Weiterlesen

The Machete Of Justice: Andrew Gilbert über Kolonialismus, Gewalt und den Heiligen Broccoli

Ganz gleich, ob es sich um die große Geschichte eines Landes oder um die vielen kleinen Geschichten einzelner Phänomene handelt – schon ihre offizielle Niederschrift durch akademische Chronisten ist von vielfachen Ungereimtheiten und sich abwechselnden Moden geprägt. Richtig heterogen wird es, wenn man all die inoffiziellen Geschichtsschreiber mit einbezieht, die frei von akademischen Konventionen ihre meist weniger rigide Version der Geschichte ins Spiel bringen. Eine wichtige Rolle neben dem Volksmund spielt dabei die Fiktion des Künstlers, allem voran in der Literatur, aber auch in Songs und nicht zuletzt in der Bildenden Kunst. Mit dem in Schottland geborenen Maler und Zeichner Andrew Gilbert hat die Geschichte des britischen Kolonialreichs seit rund zehn Jahren eine Heimsuchung erfahren, an der Weiterlesen